Workshops gegen Desinformation "In jeder Klasse fällt mindestens ein Kind auf Fake News herein"

"Ein Inder heiratet seine Schlange", "Flüchtlinge bekommen Handys geschenkt": Ständig würden Jugendliche mit Falschmeldungen konfrontiert, sagt die Journalistin Juliane von Reppert-Bismarck - und erklärt, wie sie dagegen hält.

Jugendliche beim Nachrichtenkonsum: Was ist glaubwürdig - und was nicht?
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Jugendliche beim Nachrichtenkonsum: Was ist glaubwürdig - und was nicht?

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"Lie Detectors" - Lügendetektoren, die Falschmeldungen im Internet aufspüren, erkennen und von wahren Nachrichten unterscheiden. Zu solchen Lie Detectors will die Journalistin Juliane von Reppert-Bismarck möglichst viele Schülerinnen und Schüler in Europa ausbilden. Deshalb gründete sie vor zwei Jahren eine gleichnamige Organisation.

Inzwischen ist "Lie Detectors" in drei Ländern aktiv: Deutschland, Österreich und Belgien. Das Konzept: Journalisten gehen in Schulen und bieten dort Workshops für 10- bis 15-jährige Schüler an, um passende Strategien im Umgang mit Fake News zu vermitteln und vor Desinformation zu schützen.

Zur Person
  • privat
    Juliane von Reppert-Bismarck ist Gründerin und Leiterin der Organisation "Lie Detectors". Die Journalistin arbeitete nach ihrem Studium an der Columbia University Graduate School of Journalism unter anderem für das Wall-Street Journal, Newsweek, Reuters und den SPIEGEL. 2017 entwickelte sie das Konzept von "Lie Detectors". Rund 120 Journalisten waren den Angaben zufolge seitdem für die Organisation in Schulen in Deutschland, Österreich und Belgien unterwegs, in mehr als 400 Klassen.

SPIEGEL: Frau von Reppert-Bismarck, die Shell-Jugendstudie zeigt, dass viele Jugendliche in Deutschland sehr empfänglich sind für populistische Parolen. Überrascht Sie das?

Reppert-Bismarck: Nein, überhaupt nicht. Wir erfahren bei unserer Arbeit in Schulen, dass bestimmte Nachrichten in Form von sehr einseitiger Berichterstattung oder auch glatten Lügen, Fake News, aus rechtspopulistischen Kreisen gezielt an Kinder und Jugendliche adressiert werden. Das passiert über verschiedene soziale Netzwerke. Mein Patenkind hat mir vor einer Weile erzählt, dass es von dem Onlinemagazin "Breitbart", das als extrem rechts gilt, eine Nachricht bekommen habe, in der es hieß, Flüchtlinge hätten die älteste Kirche Deutschlands in Dortmund in Brand gesetzt. Eine Lüge, aber das Medium hat das nie richtiggestellt. Solche Falschmeldungen, die nicht unbedingt politisch sein müssen, kursieren tagtäglich. Sie sollen verunsichern und Vertrauen aushöhlen.

SPIEGEL: Können Kinder und Jugendliche solche Lügen von sich aus enttarnen?

Reppert-Bismarck: Einige sind skeptisch, andere nicht. Keine Schule ist zu 100 Prozent dagegen gewappnet, dass ihre Schüler auf Meinungsmache oder Falschmeldungen hereinfallen. In jeder Klasse gibt es mindestens ein Kind, dem das passiert - egal, ob es sich um ein bildungsbürgerliches Großstadt-Gymnasium, eine Dorf- oder Brennpunktschule handelt. Viele Eltern und Lehrer ahnen aber nicht, auf welchen Plattformen die Schüler unterwegs sind und was ihnen dort begegnet.

SPIEGEL: Wie sind Sie selbst darauf aufmerksam geworden?

Reppert-Bismarck: Ich hatte im Jahr 2016, kurz bevor Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, ein sehr starkes Aha-Erlebnis. Ich unterhielt mich mit meinem 13-jährigen Patenkind, das in Niedersachsen in einer heilen Welt aufwächst. Sie erzählte mir: "Wenn wir hier mitabstimmen dürften, würde die Hälfte aus meiner Klasse Trump wählen." Ich fragte, warum, und da schickte sie mir das, was in den WhatsApp-Gruppen bei ihr auf dem Schulhof zirkulierte: einen Screenshot von einem Text auf Instagram, in dem wüste Gerüchte über Trumps Konkurrentin Hilary Clinton verbreitet wurden.

SPIEGEL: Worum ging es?

Reppert-Bismarck: In dem Text wurde behauptet, Clinton habe CIA-Agenten ermorden lassen und man solle mal die Kinder dieser toten Agenten fragen, was sie von dieser Frau hielten. Wenn Trump dagegen ein paar Frauen begrabscht habe, sei das im Vergleich doch ein harmloses Vergehen. Der Text klang verschwörerisch, wetterte gegen Massenmedien, deren Glaubwürdigkeit ohnehin zweifelhaft sei, und war deutlich auf Kinder als Zielgruppe abgestimmt.

SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert?

Reppert-Bismarck: Ich habe das Kind gefragt: "Was ist die Quelle?" Und es antwortete: "Insta". Es hatte gar nicht verstanden, dass Instagram keine Quelle ist. Da ging mir auf: Wenn wir hier aufklären wollen, müssen wir begreifen, woher Kinder und Jugendliche ihre Nachrichten und Informationen beziehen, wie das ihr Weltbild prägt, und darüber mit ihnen ins Gespräch kommen.

SPIEGEL: Und so entstand die Idee zur Gründung der "Lie Detectors"?

Reppert-Bismarck: Es gab 2016 noch einige Aha-Erlebnisse, die mich als Journalistin besonders berührt haben. Ich habe während des Brexit-Referendums in London gearbeitet und war ähnlich wie viele meiner Kollegen danach bestürzt, dass wir nicht geahnt hatten, wie das ausgehen würde. Dann hatte ich noch einen Chat mit einem lieben Familienmitglied, das mir schrieb: "Warum sollte ich dir glauben, schließlich bist du Journalistin?" Da dachte ich: Wie können Journalisten daran arbeiten, ihre Glaubwürdigkeit wieder zu festigen?

SPIEGEL: Bei "Lie Detectors" werden Journalisten, darunter waren auch schon SPIEGEL-Redakteure wie ich, in Schulen zu einem Klassenbesuch geschickt. Was steckt dahinter?

Reppert-Bismarck: Die Journalisten werden in einem eintägigen Workshop darin geschult, Schülern an ausgewählten Beispielen Strategien zu zeigen, wie sie im Sinne von "Lügen-Detektoren" Wahres von Unwahrem unterscheiden können - und warum das wichtig ist. Da geht es etwa um das berühmte Foto von einem Hai, der angeblich auf einem Highway schwimmt. Wir wollen vermitteln, dass sich kritisches Denken lohnt, wobei wir selbst immer politisch neutral bleiben.

SPIEGEL: Könnten das nicht auch Lehrer tun?

Reppert-Bismarck: Das ist das Ziel. Deshalb erwarten wir von den Lehrern, dass sie bei den Besuchen im Klassenraum sind. Ich habe erlebt, dass einige danach unser Konzept übernehmen oder daran anknüpfen. Aber wir haben Feedback-Bögen von 408 Schulbesuchen ausgewertet, und da zeigt sich: Weniger als die Hälfte der Lehrer hat das Thema bisher im Unterricht behandelt - aus Zeitmangel oder Unsicherheit. So lange das so ist, sind wir Journalisten gefragt. Wir müssen uns aus der Komfortzone bewegen und versuchen, unsere Glaubwürdigkeit wieder zu festigen.

SPIEGEL: Wie sieht das konkret aus?

Reppert-Bismarck: Im ersten Teil des Klassenbesuchs geht es um Schwarz-Weiß, um Lüge und Wahrheit, im zweiten Teil machen die Journalisten klar: Wir versuchen zwar bei unserer Arbeit, die Wirklichkeit zu gut wie möglich abzubilden, aber wir erheben nicht den Anspruch auf die absolute Wahrheit. Ein wesentliches Element ist, dass der Journalist oder die Journalistin sich vor den Kindern eine Blöße gibt und erzählt, wann er oder sie trotz allem Bemühen mal unbefriedigend gearbeitet hat.

Aus den Erfahrungen der Lie Detectors
Welche Medien nutzen Schüler und Lehrer?
In der Mediennutzung von Schülern und Lehrern gibt es eine digitale Kluft. Während 49,6 Prozent der Lehrer Facbook nutzen, ist das bei Schülern mit 11,9 Prozent die am wenigsten genutzte Plattform. Visuell geprägte Plattformen wie Instagram (60,4 Prozent) und Snapchat (48,6 Prozent) dominieren demnach bei Jugendlichen.
Wie viele Schüler fallen auf Fake News herein?
95 Prozent der befragten Journalisten, die für „Lie Detectors“ in Schulen waren, sagten: Es habe mindestens ein Kind in der Klasse gegeben, das auf Fake News hereingefallen ist – unabhängig vom sozialen Hintergrund der Schule.
Muss das Thema wirklich im Unterricht drankommen?
80 Prozent der befragten Lehrer gaben an, sie fänden es wichtig, Kinder und Jugendliche im Umgang mit Falschmeldungen in sozialen Medien zu schulen. Aber weniger als die Hälfte sagte, sie hätten das Thema bereits mit ihrer Klasse im Unterricht thematisiert.
Wie reagieren die Schüler?
Fast alle befragten Schüler sagten, ihnen hätten die Workshops mit den Journalisten Spaß gemacht. Neun von zehn gaben an, sie würden Journalismus und die Fallstricke von Desinformation nun besser verstehen.

SPIEGEL: Welches Beispiel erzählen Sie selbst?

Reppert-Bismarck: Ich war für das "Wall Street"-Journal mal für wenige Tage in der Elfenbeinküste und habe dort einen Stammesältesten interviewt, der einem Investor große Landflächen für Bananenplantagen zur Verfügung gestellt hatte. Der Mann sprach in seiner afrikanischen Sprache, ein Dolmetscher übersetzte das ins Französische und ich schrieb das schnell auf Englisch in mein Notizbuch. Ob ich in meinem Artikel am Ende den Sinn der Aussagen richtig erfasst habe und ob da nicht auch Interessen etwa des Dolmetschers reingespielt haben, weiß ich bis heute nicht.

SPIEGEL: Wie reagieren die Schüler auf so ein Geständnis?

Reppert-Bismarck: Sie werden ganz still und hören genau zu. Wir können anhand der Feedback-Bögen nicht feststellen, ob die Klassenbesuche das Vertrauen in Journalismus messbar stärken. Aber es ist offensichtlich, dass die Schüler die Journalisten als Menschen wahrnehmen, die sich als Teil ihres Jobs täglich bemühen, die hochkomplexe Wirklichkeit abzubilden. Sie schaffen es nicht immer, sie können vielleicht nur ein Bruchstück darstellen, sind aber dennoch glaubwürdig, weil ihnen das bewusst ist und sie es transparent machen. Dieses Bild soll die Kinder wappnen, wenn ihnen der Begriff Lügenpresse begegnet, damit sie dann zumindest sagen können: "Ich habe aber einen Journalisten getroffen, der nicht so war."

SPIEGEL: Es ist allerdings nur eine einmalige, kurze Begegnung. Die Klassenbesuche dauern 90 Minuten.

Reppert-Bismarck: Ja, die Zeit ist knapp. Aber wir können immerhin Interesse wecken und zeigen: Es macht Spaß und lohnt sich, eine Wahrheit von einer Lüge unterscheiden und die Graubereiche dazwischen erkennen zu können, also zum Beispiel eine Tatsache und eine Meinung auseinanderhalten zu können. Die Kinder lernen, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer absichtlich ins Netz gestellten Lüge und einer nicht perfekten journalistischen Berichterstattung. Wir wollen vermitteln, dass die Mitte, das Ungenaue, auch sehr interessant sein kann, ohne dass man sich immer sofort auf gegensätzliche Pole zurückziehen muss. Letztlich geht es um Demokratie - und gegen Radikalisierung.

Anmerkung der Redaktion: Im Jahr 2019 haben sich mehrere SPIEGEL-Redakteure an Workshops für die Organisation "Lie Detectors" beteiligt.

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