Maike und Jurek im Jugendrat "Die erste Reaktion bei den meisten ist: 'Oh, wie geil'"

Sie können mit einem Budget von 5000 Euro Politik machen: Maike Müller und Jurek Meyer, beide 16, sind im Jugendrat. Von Gleichaltrigen bekommen sie immer wieder eine Frage zu hören.

Jugendliche vor dem Reichstagsgebäude in Berlin
DPA

Jugendliche vor dem Reichstagsgebäude in Berlin


Seit eineinhalb Jahren sind Maike Müller und Jurek Meyer, beide 16, Mitglieder im Jugendrat Buchholz. Vorbild für das Gremium ist Irland: Dort sind Jugendräte seit knapp 20 Jahren sogar gesetzlich vorgeschrieben. Durch die Räte sollen die Ideen und Probleme von Jugendlichen in der Politik Gehör finden - unter anderem wirkten die irischen Jugendlichen maßgeblich an einem Programm gegen Fettleibigkeit bei jungen Bürgern mit.

Maike und Jurek sitzen mit ihrem Jugendrat in den Ausschüssen für "Jugend, Soziales und Kultur" sowie "Schule und Sport" des Stadtrats Buchholz. Wie sie hier Politik erleben und was sie daran nervt, haben sie SPIEGEL ONLINE erzählt.

Zur Person
  • Simone Düring
    Maike Müller, 16, geht in die elfte Klasse des Gymnasiums am Kattenberge in Lüneburg. Jurek Meyer, ebenfalls 16, besucht die gymnasiale Oberstufe der IGS Buchholz. Gemeinsam sind sie seit 2017 Mitglied im Jugendrat Buchholz.

SPIEGEL ONLINE: Wann habt ihr zuletzt gedacht: Politik macht echt Spaß?

Maike Müller: Wir haben zur Europawahl eine Podiumsdiskussion hier in Buchholz organisiert. Da kamen Vertreter aller großen Parteien. Wir haben mehrere Stunden intensiv diskutiert. Das hat total viel Spaß gemacht.

Jurek Meyer: Ja, die Diskussion war wirklich toll. Wir waren aber auch schon beim Kamingespräch mit Sigmar Gabriel. Solche Politiker sieht man ja sonst nur im Fernsehen. Das so hautnah zu erleben, ist extrem spannend.

SPIEGEL ONLINE: Was haben eure Freunde gesagt, als sie erfahren haben, dass ihr jetzt Politik macht?

Jurek: Die erste Reaktion bei den meisten ist: "Oh, wie geil." Und dann kommt die Frage: "Was macht ihr als Jugendrat eigentlich?"

Maike: Das wissen viele nämlich gar nicht. Den Jugendrat in Buchholz gibt es jetzt seit dreieinhalb Jahren, aber viele Jugendliche haben noch nie davon gehört. Bei der letzten Wahl lag die Wahlbeteiligung extrem niedrig, nur zehn Prozent der Wahlberechtigten haben abgestimmt. Dabei haben wir Sitze in zwei Ausschüssen des Stadtrats und ein eigenes Budget von 5000 Euro im Jahr, über das wir frei verfügen dürfen. Eine unserer größten Aufgaben ist deshalb die Öffentlichkeitsarbeit, damit mehr Jugendliche von unserer Arbeit erfahren.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man mit 5000 Euro alles anfangen?

Maike: Gerade planen wir ein Open-Air-Kino im Schwimmbad. Da können wir dann abends gemütlich zusammensitzen und einen Film anschauen. Außerdem würden wir gern einen offenen Kühlschrank einrichten, aus dem Bedürftige sich bedienen können. Buchholzer, die Nahrungsmittel übrig haben, könnten sie dort hineinlegen. Aber das ist nicht so einfach wie gedacht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Problem?

Maike: Es ist nicht so leicht, das Projekt durch den Stadtrat zu kriegen. Ich habe mich dafür stark gemacht, weil ich die Idee wirklich toll finde. Aber über ganz viele Sachen habe ich vorab einfach nicht nachgedacht. Der Kühlschrank muss mit Strom versorgt und regelmäßig gereinigt werden. Wer soll das langfristig übernehmen? Wer die Kosten übernehmen? Der Kühlschrank müsste ja auch den Ansprüchen des Gesundheitsamts standhalten.

Jurek: Wir dürfen zwar über unser Budget frei verfügen, aber wenn wir etwas am öffentlichen Leben der Stadt Buchholz verändern, ist das wie mit jeder politischen Entscheidung. Wir müssen beim Stadtrat einen Antrag einreichen, es gibt jede Menge Diskussionen, am Ende entscheiden dann die zuständigen Politiker.

SPIEGEL ONLINE: Nervt euch das manchmal?

Jurek: Die Illusion, dass man in die Politik kommt und erst mal richtig was verändert, hat mir die Arbeit im Jugendrat schon genommen. Das ist manchmal frustrierend. Ich habe das in der Vorbereitung der Podiumsdiskussion zur Europawahl erlebt. Knapp drei Monate habe ich allein Mails mit den Politikern ausgetauscht, dann erst war ihre Teilnahme sicher. So etwas unterschätzt man total. Meine größte Erkenntnis: Politik dauert sehr lange. Umso schöner ist es dann natürlich, wenn man etwas erreicht.

Maike: Für mich überwiegt bisher das Positive. Aber ich diskutiere auch sehr gern. Das macht die Arbeit noch intensiver.

SPIEGEL ONLINE: Ihr seid zwar im Jugendrat, wählen dürft ihr aber noch nicht. Hättet ihr gern schon jetzt mehr politische Rechte?

Jurek: Klar, wählen mit 16 könnte ich mir vorstellen. Ich würde mich gern schon jetzt mehr an politischen Prozessen beteiligen. Ich bin aber froh über den Jugendrat als Einstieg. So bekommen wir schon mal etwas von der Politik mit und werden nicht direkt ins kalte Wasser geworfen. All die Erkenntnisse, die wir durch unsere Arbeit gesammelt haben, kämen sonst viel schneller und härter. Der Jugendrat ist da eine gute Sache, um auf Tuchfühlung zu gehen.

Maike: Das Gremium gibt uns erste Eindrücke. So können wir am Ende entscheiden: Wollen wir das weitermachen, wollen wir richtig groß in die Kommunalpolitik einsteigen?

SPIEGEL ONLINE: Wollt ihr?

Jurek: Ich bin durch Zufall Mitglied beim Jugendrat geworden. Ein Freund schickte mir damals kurz vor der Wahl eine WhatsApp-Nachricht mit dem Foto eines Wahlplakats. Ich habe mich dann aus Neugierde beworben und mir gesagt, ich probiere es einfach mal aus. Bisher macht es großen Spaß.

Maike: Bei mir war es ähnlich, eine Lehrerin machte mich auf den Jugendrat aufmerksam. Bisher kann ich aber auch nur sagen: Es ist super. Die Entscheidung, ob ich tatsächlich in die Politik gehe, habe ich noch nicht getroffen.

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Jimray 07.07.2019
1. Super Idee!
Darüber sollte viel mehr berichtet werden, denn dieser Hoffnungsschimmer ist leider noch viel zu unbekannt. So einen Probelauf könnte ich mir auch gut bundesweit vorstellen!
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