Jugendsprache-Duell Schicken oder chicken?

Auf dem Trainingsplatz sagt Trainer Stephan seinem Torwart Tom, wo der Ball lang rollt - bei der Jugendsprache weiß Tom besser Bescheid: Ein "Freizeitkiller" ist ein Streber, die "Emos" nerven - und alle anderen sind "Lauchs", zum Beispiel Stephan.
Von Andrea Tholl

In vier Duellen lässt SPIEGEL ONLINE in dieser Woche Schüler und Erwachsene gemeinsam rätseln, was welches Jugendwort wohl bedeuten mag - den deutschen Meister im Poetry Slam und seinen ehemaligen Deutschlehrer - eine Oma und ihre Enkelin, heute tritt Torwart Tom vom Fußball-Club Eintracht Lokstedt aus Hamburg gegen seinen Trainer Stephan an.

Außerplanmäßiges Trainingslager in Toms Küche. Torwart und Coach sitzen am Küchentisch, im Trainingsanzug, es kann losgehen. Übung Nummer eins: "Alter, die Knödelfee hat es echt voll hingewaffelt."

Tom: Keine Ahnung, was das heißen soll.

Stephan: Ich tippe, das heißt: "Mutter hat heute wieder gut gekocht."

Tom: Glaube ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Eine andere Idee?

Stephan: "Knödeln" kommt von Singen. Also: Ein Gesangstalent hatte seinen großen Auftritt.

Tom: Wahrscheinlich heißt "hinwaffeln" hinfallen.

SPIEGEL ONLINE: Richtig. Aber "Knödelfee" ist eine dicke Frau. Weiter zur nächsten Station: "Die Himmelhenne schickt das Krampfadergeschwader aber ganz schön."

Stephan: "Himmelhenne" sagt mir nichts, aber ein "Krampfadergeschwader" könnte eine Gruppe von älteren Damen sein. Hennen können ja nicht fliegen.

Tom: Könnte ne Nonne sein.

Stephan: Dann würde man bestimmt eher Pinguin sagen.

Tom: Und was heißt "chicken"?

Stephan: Du meinst "chicken" kommt von Huhn?

SPIEGEL ONLINE: "Chicken" heißt eigentlich "schicken" und bedeutet stressen. Was fällt Euch dazu ein: "Siehst du die Duschlampe dahinten? Die mit dem Schlampenstempel? Genau, die mit der Panzerkette im Gesicht. Ich glaube, die hat sogar einen Ritzenflitzer an. Die ist vielleicht eine Netzhautpeitsche."

Tom: "Schlampenstempel" ist ganz eindeutig ein Arschgeweih. "Ritzenflitzer" ist ein Tanga. "Netzhautpeitsche" heißt, das Mädchen ist derbe hässlich.

Stephan: Oder eine Augenweide.

SPIEGEL ONLINE: Tom hat recht. Und was bedeutet "Duschlampe"?

Tom: "Duschlampe" muss man so betonen: "Du-Schlampe". Damit könnte man ein Mädchen bezeichnen, das nervt. So wie die Emos.

SPIEGEL ONLINE: Was sind denn Emos?

Tom: Emos sind die Emotionalen. Die malen sich Tränen auf die Wange. Hier in Hamburg gibt es sogar einen Emo-Shop in der Europapassage.

Stephan: Wir haben dazu früher Gruftis gesagt.

SPIEGEL ONLINE: Tom, wie nennst Du denn Mädchen, die nerven?

Tom: Biatsch.

Stephan: Ach so, von Bitch. Ich nenne eine solche Frau Tussi, wenn sie tussig ist oder einfach nur blöd.

Tom: "Tussi" ist ein Alter-Mann-Begriff.

Stephan: Ich sag auch gern Schnalle.

Tom: Das ist ja noch schlimmer.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist die "Panzerkette"?

Stephan: Eine Brille? Hängebacken?

Tom: Könnte ne Zahnspange sein, die hat ja auch Glieder wie eine Kette.

SPIEGEL ONLINE: Ganz genau.

Stephan: Da wäre ich nicht drauf gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Nächster Versuch: "Jaja, jetzt schieb mal keine Paras. Wir finden schon eine Schmetterbox für Dich."

Tom: Paras - Kommt das von Paracetamol?

Stephan: Eher von Paranoia.

Tom: Bleib mal locker, könnte das heißen.

SPIEGEL ONLINE: Und Schmetterbox?

Stephan: Hat Schmettern vielleicht etwas mit Singen zu tun?

Tom: Ich glaube nicht.

Stephan: Box müsste irgendetwas Rechteckiges sein.

Tom: Eine Toilette.

Stephan: Da wäre ich schon wieder nicht drauf gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Tom, was sagst Du sonst zu Toilette?

Tom: Toilette.

"Tom zu Stephan: "Vollpfosten sagen nur Lauchs."

SPIEGEL ONLINE: Was sagt ihr hierzu: "Heute haben wir voll den Tabellenführer gecrosst. Da waren aber auch ein paar Vollpfosten dabei."

Tom: Wir sind dem obersten Tier einer anderen Gang begegnet. Oder wir sind dem Coolsten aus unserer Hood begegnet. Und Vollpfosten sagen Lauchs.

SPIEGEL ONLINE: Bitte?

Tom: Uncoole Menschen.

Stephan: Ich sage auch gern Vollpfosten zu Leuten, die keine Checkung haben. Dann bin ich also auch ein Lauch.

Tom: Richtig.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit "crossen" gemeint?

Tom: Vielleicht geht es um Battles zwischen Gangs.

Stephan: Es könnte tatsächlich ein Konflikt im Spiel sein. In dem man jemanden austrickst oder vernichtet.

SPIEGEL ONLINE: So ungefähr. Es heißt "besiegen". Und das? "Deine Ellis sind heute ein wenig anstrengend. Die sind den ganzen Abend im Klugscheißmodus. Es kann ja nicht jeder so ein Freizeitkiller sein wie du."

Stephan: "Ellis" sind bestimmt Freundinnen. Von Alliierte abgeleitet.

Tom: Oder Ex-Freundinnen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Ellis sind Eltern gemeint. Und was ist der "Klugscheißmodus"?

Stephan: Die Eltern versuchen, den ganzen Abend zu erziehen oder zu belehren.

SPIEGEL ONLINE: Und der Freizeitkiller?

Tom: Ein Langeweiler oder ein Streber.

Stephan: Könnte auch ein vielbeschäftigter Typ sein.

SPIEGEL ONLINE: Streber ist richtig. Letzter Versuch: "Mit dem friedhofsblonden Komposti gehe ich doch keine Mafiatorte jammern. Der mit seiner Popelbremse ist ein echter Vollhorst. Und dann noch diese Ceranplatte."

Tom: "Mafiatorte" heißt natürlich Pizza.

Stephan: "Jammern" heißt essen. Mafiatorte ist auch ein alter Ausdruck.

Tom: Ich weiß gar nicht, wer das sagt. Wir würden sagen: "Ich ziehe mir eine Pizza rein" - aber nicht "jammern".

SPIEGEL ONLINE: Was stellt ihr euch unter einem friedhofsblonden Komposti vor?

Stephan: "Komposti" ist eine alternativ angehauchte Frau.

Tom: "Friedhofsblond" bedeutet "sehr blass".

SPIEGEL ONLINE: Nein, eher "grauhaarig". Was ist ein Vollhorst mit einer Popelbremse?

Stephan: Ein Idiot mit einem Schnauzbart.

Tom: Ein Lauch.

SPIEGEL ONLINE: Und die Ceranplatte?

Stephan: Eine Glatze. Wenn jemand einen Haarkranz hat, spricht man auch gern von einer Fleischmütze.

Im ersten Duell am Dienstag: Turbo-Abiturientin mit Lehrer - Marthe Deutschmann, 16, und Roman Voosen, 34.

Am Mittwoch traten an: Julian Heun, 18, ist Deutschlands aktueller Slam-Poetry-König. Er traf auf Deutschlehrer Roland Jerzewski, 57.

Im dritten Duell am Donnerstag traf Anne Wagner, 14, auf ihre Oma Sabine Hambrecht, 63.

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