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Jugendsünde Tanzkurs: Entblößen, Schämen, Demütigen

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Jugendsünde Tanzkurs Fremdschämen im Spiegelsaal

In den Neunzigern strömten unzählige Schüler freiwillig in die Tanzschule - obwohl sie sich dort blamierten und die meisten Schritte nach ein paar Wochen wieder vergessen hatten. Lisa Seelig und Elena Senft sammelten diese und andere Jugendsünden. Diesmal: T wie Tanzkurs.

Bis heute ein Mysterium: Warum trieb es derart viele junge Menschen in die Tanzschulen, obwohl jeder wissen musste, was ihn erwartete? Nämlich eine ungesunde Mischung aus Entblößung, Demütigungen und Fremdschämen?

Sozialpsychologisch gemutmaßt, handelt es sich beim Tanzkurz als gesellschaftlichem Initiationsritus um ein Rudiment der fünfziger Jahre. Mindestens die halbe Klasse meldete sich bei der lokalen Tanzschule an, die "Fun & Dance", "Broadway" oder "Traumtänzer" hieß.

Vor der ersten Stunde stand man kollektiv peinlich berührt am Rand des Spiegelsaals und starrte Löcher in den gleißenden Parkettboden. Bis sich ein wespentaillierter Tanzlehrer namens Udo, der sich gern duzen ließ und ein Hemd mit Volants trug, eines der Mädchen herausgriff, um die ersten Schritte vorzuführen.

Udo war der Verschleiß angesichts der Jahrzehnte, die er schon damit zubrachte, steifen Teenagern die Hand ein bisschen mehr in Richtung Po zu dirigieren, deutlich anzumerken. Man tanzte Cha-Cha-Cha zu "The One And Only" von Chesney Hawkes und Samba zu "Happy Nation" von Ace of Base oder, genauso schlimm, "Coco Jamboo" von Mr. President.

Ein großer Coming-of-Age-Moment: Die Wahl des Tanzpartners - es ging um nicht weniger als um die Zukunft des eigenen Ansehens. Manche Kursleiter bemühten Fädenziehen als demokratisches Zuteilungsverfahren. Die größte Demütigung überhaupt: Dem Mädchenüberschuss zum Opfer zu fallen und ein gleichgeschlechtliches Restepaar bilden zu müssen. Beim Auswählen der Völkerballmannschaften als Letzter übrig zu bleiben, war dagegen Kindergeburtstag.

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Peinlichkeiten von früher: Das Lexikon der Jugendsünden

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Gleichgeschlechtliche weibliche Tanzpaare zu bilden, war nämlich ausschließlich auf Klammerbluespartys erlaubt, wenn die Mädchen erst mal mit der besten Freundin tanzten, bevor sie sich an die Jungs, die sich bis zu diesem Zeitpunkt linkisch am Tanzflächenrand herumdrückten, herantrauten. Und vielleicht noch beim Jazzdance, ein sehr beliebter Formationstanzkurs, bei dem Choreographien zu "Copacabana" oder Hits von Janet Jackson vor einem großen Spiegel einstudiert wurden und Mädchen Stulpen trugen.

Beim Abschlussball dann mussten die Jungen oft mit der Mutter ihrer Tanzpartnerin tanzen, die Mädchen mit dem Vater des Tanzpartners - ein Programmpunkt, der schon Wochen vorher Schamgefühle auslöste. Fotos, die auf jenen Bällen entstanden sind, sehen alle identisch verstörend aus: 16-Jährige mit bananenförmigen Frisurungetümen auf dem Kopf und der Aura von Mittvierzigerinnen, Jungen, die offenbar ihr Konfirmationsoutfit reanimiert haben (und alle aussehen wie Sparkassenangestellte mit getönten Brillen und Bürstenschnitten).

Videoaufnahmen stolzer Väter zeigen als Teenager verkleidete Roboter ohne Mimik, die sich schon beim langsamen Walzer auf die Füße treten, egal wie verzweifelt im Hintergrund Udos Stimme das Midi-Keyboard zu übertönen versucht und "Vor-Zurück-Seit-Tip" ins Mikrofon brüllt. Natürlich hatte schon nach zwei Wochen jeder die Schrittfolge von Rumba und Cha-Cha-Cha erfolgreich verdrängt. Und so waren alle der netten Sportlehrerin dankbar, die kurz vor dem Abiball einen Walzer-Crashkurs in der Turnhalle anbot.

Den einzigen Tanz, den wirklich alle 20- bis 25-Jährigen heute beherrschen, ist der auch als "Klammerblues" oder "Schieber" bekannte Engtanz, bei dem man einfach nur rumsteht, den Partner umklammert und den Körper langsam nach rechts und links wogt. Paradoxerweise war der Beste-Freundinnen-Paartanz bei dieser Tanzart absolut üblich.

Das SPIEGEL-ONLINE-Taschenbuch "Wir waren jung und brauchten das Gel" ist beim Fischer Verlag erschienen.

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