Jugendtäter Zur Strafe ein Buch

Lesen statt Straßenfegen? Für den Fuldaer Jugendrichter Christoph Mangelsdorf ist das eine echte Alternative. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Jurist über die positive Wirkung der Lektüre bei jugendlichen Straftätern - und sagt, welche Bücher in Frage kommen.
Jugendrichter Mangelsdorf: Er will Jugendliche durch Lesen zur Vernunft bringen

Jugendrichter Mangelsdorf: Er will Jugendliche durch Lesen zur Vernunft bringen

Foto: Christoph Mangelsdorf

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Jugendrichter und verordnen seit drei Monaten manchen Jugendlichen, ein Buch zu lesen, statt Arbeitsstunden zu leisten. Wie kamen Sie auf die Idee?

Mangelsdorf: Mich besuchen viele Schulklassen, häufig kommen Schüler auch als Praktikanten zu mir. So erfuhr ich, dass im Unterricht zu diesem Thema Bücher gelesen werden, die teilweise aus den siebziger oder achtziger Jahren stammen, wenig Aktuelles. Das hat mir zu denken gegeben. Ich erfuhr, dass einige Jugendrichter die Auflage verhängen, ein Buch zu lesen oder einen Film anzusehen - aber eher als spontane Idee, nicht als richtiges Konzept. Das wollte ich ausprobieren.

SPIEGEL ONLINE: Was müssen die Jugendlichen tun, wenn Sie der Lesestrafe zustimmen?

Mangelsdorf: Zunächst müssen sie das Buch lesen. Dann müssen sie eine kurze Inhaltsangabe schreiben und Fragen beantworten, die sich einerseits auf das Buch beziehen, sie zugleich aber direkt ansprechen: Hat dir das Buch gefallen? Warum? Wo ist der Bezug zu deinem Leben, wie würdest du dich verhalten? Für das Lesen und Schreiben haben die Jugendlichen drei bis sechs Wochen Zeit, je nach intellektuellen Fähigkeiten. Abschließend findet ein Treffen mit der Jugendhilfe statt. Da wird erst einmal geprüft, ob der Jugendliche das Buch gelesen hat, dann entsteht ein Gespräch aus den Antworten auf die genannten Fragen. Wenn alles gut läuft, ist die Auflage erfüllt.

SPIEGEL ONLINE: In welchen Fällen kommt es für Sie in Betracht, Jugendlichen ein Buch zu verordnen?

Mangelsdorf: Ein klassischer Fall: Jemand hat in seiner Freizeit eine Körperverletzung begangen. Die Jugendgerichtshilfe erzählt mir, dass es schon an der Schule entsprechende Probleme gab, die aber schulintern gelöst wurden. Oder: Die Familie des Jugendlichen ist dem Sozialen Dienst bekannt, es gibt dort Probleme, die aber mit dem konkreten Fall nicht direkt etwas zu tun haben. In solchen Fällen stellt sich die Frage, was Arbeitsstunden bewirken würden. Ob es da nicht besser wäre, tiefer einzusteigen, das Umfeld mit in den Blick zu nehmen. Ein Buch, das die Jugendlichen und ihre Situation anspricht, kann da helfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie entscheiden Sie, ob Jugendliche für die Lesestrafe geeignet sind?

Mangelsdorf: Da muss ich sehr genau hinsehen. Das Buch muss in irgendeiner Weise einen Bezug zur Straftat und zur Biografie des Jugendlichen haben. Letztlich ist das Lesen aber auch freiwillig, es gab schon Jugendliche, die es abgelehnt haben. Die wollten lieber arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich haben doch Arbeitsstunden denselben Zweck wie Ihre Bücher: Auch wenn Jugendliche in sozialen Einrichtungen arbeiten, erweitern sie ihren Horizont und bekommen einen neuen Blick auf die Fehler, die sie begangen haben. Wieso meinen Sie, dass Bücher eine bessere Wirkung erzielen können?

Mangelsdorf: Es ist der Idealfall, wenn Jugendliche Arbeit leisten müssen, die ihre Tat in irgendeiner Form spiegelt. Wenn zum Beispiel jemand betrunken gefahren ist und jemanden verletzt hat: Würde der in einem Krankenhaus arbeiten und dort auf Opfer von Trunkenheitsfahrten treffen, wäre das eine gute Sache. In vielen Fällen werden aber Straßen gesäubert oder ähnliches - meist fehlt direkter Bezug zur Tat. Da ist ein Buch die bessere Lösung.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bücher setzen Sie ein?

Mangelsdorf: Zum Beispiel den Roman "Kurzer Rock" von Christina Wahlden. Es geht um eine junge Frau, die von zwei Jungen vergewaltigt wird. Die Täter meinen, ihr Opfer habe die Tat provoziert, weil sie betrunken war und einen kurzen Rock trug. Wir haben häufig Fälle von Partys, die aus dem Ruder gelaufen sind: Mädchen haben zu viel Alkohol getrunken und gehen weiter, als sie es normalerweise tun würden. Jemand filmt sie mit dem Handy und schickt die Bilder rum. Für denjenigen würde das Buch sehr deutlich machen, was seine Tat für Folgen hat. Ein anderes Beispiel ist "Evil" von Jan Guillou: Es geht um einen Jungen, der von seinem Vater verprügelt wird. Er ist selbst recht kräftig, wird in der Schule gemobbt und schlägt dort selbst zu. Das zeigt sehr deutlich, wie Gewalt ausgelöst wird und was für Folgen sie hat.

SPIEGEL ONLINE: In der Theorie leuchtet das ein. Funktioniert es auch praktisch, machen solche Bücher jugendliche Täter wirklich zu besseren Menschen?

Mangelsdorf: Unsere bisherigen Erfahrungen sind sehr positiv. Wir legen auch viel Wert auf die Auswahl der Jugendlichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand dem Lesen als Maßregel zustimmt, es dann aber nicht tut, ist sehr gering. Bei Arbeitsstunden kommt das häufiger vor. Bisher hatten wir 15 Teilnehmer, die alle bis zum Ende mitgemacht haben. Ein Jugendlicher hatte zum Beispiel eine Frau im Internet belästigt. Er las "Kurzer Rock" und sagte danach, er könne verstehen, wie sich das Mädchen gefühlt haben muss. In einem anderen Fall hat sich eine junge Frau so intensiv mit ihrer Familie und deren Geschichte auseinandergesetzt, dass sie sich jetzt vorstellen kann, ein Buch darüber zu schreiben. Natürlich gibt es auch kleine Probleme: So hatte einer das Buch zwar gelesen, die Zusammenfassung aber aus dem Internet kopiert. Der musste noch einmal nacharbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Eindruck, die Jugendlichen holen etwas nach, das im Deutschunterricht versäumt wurde?

Mangelsdorf: Ich denke schon. Mein Eindruck ist, dass im Unterricht zum Thema Kriminalität oft Bücher gelesen werden, die schon nicht schlecht sind - aber mit der aktuellen Lebenssituation der Jugendlichen wenig zu tun haben. Deshalb haben wir viele Schulen angeschrieben, ihnen unsere Bücherliste geschickt und sie auf unser Projekt aufmerksam gemacht. Ob das etwas bewirkt, werden wir sehen.

Das Interview führte Birger Menke