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21. Juli 2006, 12:15 Uhr

Jungautor Ric Graf

Wo, bitte, geht's zu mir selbst?

Alles so cool und oberflächlich - das nervt Ric Graf. Darum hat der 21-Jährige ein Buch über das Leben seiner Generation zwischen Club und Café, Ratlosigkeit und Einsamkeit geschrieben. Im Interview erklärt er, was Rocksänger Pete Doherty damit zu tun hat.

"So jung, so falsch, so umgetrieben" - das ist der Untertitel zu "iCool", dem Erstlingswerk von Ric Graf. Darin beschreibt der 21-jährige Berliner, wie er und seine im Wohlstand geborenen Altersgenossen in ständiger Unsicherheit aufwachsen, ohne Ziele, ohne Pläne. Dabei stört sich der einstige Schülersprecher und Assistent Christoph Schlingensiefs am oberflächlichen und bedeutungslosen Leben seiner Generation. Das Problem dabei: Ein Ausweg aus Coolness und Markenfixierung fällt auch Ric Graf nicht ein.

SPIEGEL ONLINE: Warum denkst du, dein Leben zwischen Milchkaffee und Berliner Nachtleben sei repräsentativ?

Talkin' 'bout my generation: Alles so oberflächlich hier, findet Ric Graf

Talkin' 'bout my generation: Alles so oberflächlich hier, findet Ric Graf

Ric Graf: Mein Leben besteht ja nicht nur aus Clubs und Latte Macchiato, und natürlich gibt es Leute, die sich ganz anders fühlen. Schließlich gibt es nicht die "Generation" an sich, sondern nur bestimmte Bedingungen, die uns prägen. Doch Partys, das Rumhängen in Cafés und Zerstreuung leben viele. Mir ging es darum ein Lebensgefühl einzufangen: Unsicherheit und Unentschiedenheit - ein prekäres Gefühl, das sich durch viele Milieus und Szenen zieht.

SPIEGEL ONLINE: Muss man denn mit 20 Jahren unbedingt seine Lebenserinnerungen aufschreiben?

Graf: Das sind ja eher Momentaufnahmen als Lebenserinnerungen. Wer subjektiv beobachtet, darf nicht feige sein und unsichtbar bleiben. Außerdem: Ab wann zählen eigentlich Erfahrungen - erst mit 60? Ich kann doch auch mit 20 vom Tod meiner Mutter berichten und wie ich mit dem Verlust umgehe. Im Übrigen beobachte ich nicht nur mich selbst, sondern auch die Leute auf dem Ku'damm, für die Konsum eine Hauptbeschäftigung ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist dein Buch nicht ein Abklatsch von Florian Illies "Generation Golf", das sich ebenfalls um Konsum und Markenhörigkeit dreht?

Graf: Nein, wir sind ja 15 Jahre später geboren und mussten uns nicht von unseren 68er-Eltern abgrenzen, was bei Florian Illies ein großes Thema ist. Außerdem ist die "Generation Golf" noch nicht von der Schule gegangen mit dem Gefühl, dass dies eine sehr unsichere Zeit ist und auch bleiben wird. Wir werden mit einer sozialen Unsicherheit groß, und Illies hat erst mit 30 festgestellt: Oh, jetzt geht's bergab.

SPIEGEL ONLINE: Bei dir ging's bergauf, indem du ein Buch über deine Ratlosigkeit geschrieben hast. Was sollen die anderen tun?

Graf: Keine Ahnung - konkrete Lösungswege kann ich auch nicht anbieten. Die muss jeder selbst finden. Ich suche auch noch. Ich fände es aber sympathisch, wenn sich die oft als so ehrgeizig beschriebenen 20-Jährigen trotz des großen Drucks mehr Zeit nähmen, um zu sich selbst zu finden. Einfach mal ein bisschen mehr leben und ausprobieren - den großen Karriereplan kann man ohnehin nicht mehr einfach so verwirklichen. Wichtiger fände ich, sich politisch zu engagieren, das macht ja heute keiner mehr.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch ziemlich viele Leute, die sich engagieren: bei Attac, Greenpeace oder als Uno-Jugenddelegierte zum Beispiel.

Graf: Ja, diese Beispiele gibt es. Aber viele von uns, auch Ältere, ziehen sich in ihre Nische zurück und sehen eben nicht mehr nach links und rechts. Kaum jemand spürt eine Nähe zur Tagespolitik, und Kritik an ihr gibt es auch immer seltener. Vielleicht muss sich die gesellschaftliche Lage im sozialen Bereich erst noch mal zehn Jahre lang verschärfen, bevor junge Leute wieder radikal Ansprüche formulieren.

SPIEGEL ONLINE: Stichwort radikal: Warum taucht ausgerechnet Babyshambles-Sänger Pete Doherty so oft in deinem Buch auf?

Skandalnudel Doherty (mit Ex-Freundin Kate Moss): "Nah an unserem Lebensgefühl"
Getty Images

Skandalnudel Doherty (mit Ex-Freundin Kate Moss): "Nah an unserem Lebensgefühl"

Graf: Er ist mit seiner Musik ganz nah an unserem Lebensgefühl. So, wie James Dean in den fünfziger Jahren als Jugendidol angehimmelt wurde, fasziniert heute der kaputte Doherty. Neulich meinte eine Freundin, wenn Doherty jetzt plötzlich sterben würde, wäre das ein wahnsinniger Verlust.

SPIEGEL ONLINE: Würde er nicht nur in den Klatschspalten fehlen? Doherty lebt doch weniger durch seine Musik als durch die Medieninszenierung.

Graf: Wenn man die Musik nicht schätzt: ja. Doherty ist durch Image und Inszenierung zum Idol geworden. Wir reagieren sehr intensiv auf Medien und haben Probleme, zwischen Authentizität und Inszenierung zu unterscheiden. Was ist Image, was ist echt an Pete Doherty? Das ist auch unser Problem.

SPIEGEL ONLINE: Warum sagst du über Gleichaltrige, sie seien "falsch"?

Graf: Der Begriff "falsch" gehört zum Jungsein dazu. Man liegt einfach oft falsch, und das ist ja nicht unbedingt schlecht. Es geht doch darum, einen richtigen Weg zu finden. Dabei macht man Fehler und geht auf vieles ein, was man bald wieder verwirft. Außerdem sind wir oft zu oberflächlich, zu konsumfixiert, zu unecht. Wir wollen alle wahnsinnig individuell, sein, doch letztlich suchen wir alle ein verbindendes Gefühl.

SPIEGEL ONLINE: Einerseits findest du Leute sympathisch, die rumhängen und irgendwie extrem sind. Andererseits prangerst du die Flucht vor der Realität an. Dein eigener Lebenslauf liest sich eher gehetzt: Abitur, Praktika, freier Journalist, Assistent von Christoph Schlingensief, jetzt Buchautor mit 21 Jahren...

Graf: Ich prangere die Flucht ja nicht an, ich beschreibe sie nur. Ich versuche auch seit zwei Jahren, ein Studium anzufangen, und schiebe es immer wieder auf. Ich finde, man sollte sich nicht verlieren bei dem Versuch, einer Stellenanzeige zu entsprechen, die von 24-Jährigen ein abgeschlossenes Studium plus Auslandsaufenthalt, Praktika und Berufserfahrung fordert. Mein Weg hat sich irgendwie verselbständigt, ich habe einfach immer gemacht, worauf ich Lust hatte. Habe nach Bestätigung gesucht und sie auf diese Weise gefunden. Oft aber verstehe ich selbst nicht, warum ich dieses oder jenes tue.

SPIEGEL ONLINE: Wie wär's mit dieser Erklärung: Du bist verwöhnt und hast keine Lust, für Erfolge lange zu arbeiten, sondern willst schnelle Anerkennung?

Graf: Klar, ich bin jemand, der schnellen Rhythmus mag. Auch das Buch schrieb sich nicht in einer Woche, aber sicherlich fällt mir eine langwierigere Planung schwerer. Ich glaube übrigens, dass es vielen meiner Generation so geht, kaum jemand will fünf Jahre in eine Idee investieren. Ein Beispiel: Aus meinem Jahrgang sind ziemlich viele als Flugbegleiter zur Lufthansa gegangen. Dort kann man nach einem achtwöchigen Lehrgang erst mal zwei Jahre gut Geld verdienen und die Welt sehen. Natürlich will das keiner lange machen.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es nicht sein, dass dir dein Buch in zehn Jahren ziemlich peinlich ist?

Graf: Ich habe sehr positive Reaktionen bekommen, die helfen mir gerade. In zehn Jahren werde ich mich wohl entweder richtig schämen und denken: "Mein Gott, wie naiv war ich damals?" Oder ich verstehe mich besser als jetzt und kann meinen Weg nachvollziehen. Ich hoffe, dass ich dann die Gefühle, Ängste und Sehnsüchte in meiner Jugend ernst nehme. In jedem Fall will ich weiter schreiben, und im Herbst werde ich wohl mit einem Studium beginnen: Philosophie und Literaturwissenschaft. Mal gucken, ob das was ist.

Das Interview führte Carola Padtberg

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