Junge Freiwillige Heimwärts statt weltwärts

Sie wollen helfen - jetzt brauchen sie selbst Hilfe. Hunderte Jugendliche planten schon den Abflug ins Ausland, doch jetzt bekommt das Freiwilligenprogramm Weltwärts überraschend elf Millionen Euro weniger als geplant. Scheitert eine schnelle Lösung, schauen viele Abiturienten in die Röhre.
Von Lenz Jacobsen und Johannes Pennekamp
Abiturientin Claudia Depka: Frisch geimpft, Kisuaheli gelernt - und dann die Absage

Abiturientin Claudia Depka: Frisch geimpft, Kisuaheli gelernt - und dann die Absage

Foto: Johannes Pennekamp

Die Absage kam per E-Mail, sie traf Claudia Depka, 19, wie ein Schlag: "Mir schoss sofort durch den Kopf, dass meine ganze Jahresplanung zerstört ist." Die zierliche Abiturientin hält die schlechte Nachricht ausgedruckt in den Händen - und erzählt, wie schnell alles ging.

Tansania

Anfang 2010 bewarb Claudia sich für das Entwicklungshilfeprogramm Weltwärts der Bundesregierung. Nach einem Auswahlgespräch bei den katholischen Kolping- Jugendgemeinschaftsdiensten in Köln bekam sie schon im März die schriftliche Zusage, dass sie ab September für ein Jahr in arbeiten kann. Sofort fing Claudia Depka an, sich vorzubereiten, ließ sich impfen, lernte die Landessprache Kisuaheli. Sie lächelt, fast so, als wäre sie schon auf den Weg nach Ostafrika. Dann verfinstert sich ihre Miene: "Ich hätte nie gedacht, dass die Politik mich als freiwillige Helferin so behandelt."

Wie Claudia Depka aus Erftstadt geht es zurzeit einigen hundert Jugendlichen in Deutschland: Sie hatten sich auf ihren Freiwilligendienst gefreut, Verträge mit Trägerorganisationen unterschrieben, Vorbereitungsseminare besucht, teilweise schon Flüge gebucht - und sitzen jetzt verunsichert auf gepackten Koffern. Denn die Bundeszuschüsse für das Weltwärts-Programm wurden kurzfristig um mehr als ein Viertel zusammengestrichen. Stephan Jentgens, der für rund 60 katholische Entsendeorganisationen spricht, findet das "unverantwortlich".

Erst sollten es mehr werden - jetzt bremst Schwarz-Gelb

Vor zwei Jahren hatte Heidemarie Wieczoreck-Zeul (SPD), damals Entwicklungshilfeministerin, das Programm mit großem Tusch gestartet. Bislang waren damit 5800 Freiwillige im Ausland. Weltwärts richtet sich an Jugendliche zwischen 18 und 28 Jahren, die sechs Monate bis zwei Jahre als Helfer ins Ausland gehen. Ein Viertel der Kosten für Flug, Unterkunft und monatliches Taschengeld von 100 Euro übernimmt der Träger, drei Viertel das Entwicklungshilfeministerium. Die Träger verlangen vom Teilnehmer, dass er sich bereits im Vorfeld für das Projekt einsetzt, etwa durch Sammeln von Geld- oder Sachspenden.

Erklärtes Ziel war es bislang, das Programm auf bis zu 10.000 Freiwillige pro Jahr auszubauen. Für 2010 waren deshalb im Haushaltsentwurf 40 Millionen Euro eingeplant, ein Drittel mehr als 2009 bewilligt wurde. "Darauf haben die Träger sich verlassen und mehr Freiwillige gesucht", sagt Jürgen Deile vom Evangelischen Entwicklungsdienst.

Dirk Niebel

Doch Mitte März machte der Haushaltsausschuss einen fetten Strich durch die Pläne. Die schwarz-gelbe Mehrheit trat auf die Weltwärts-Bremse, setzte gegenüber der Entwurf eine Kürzung von 11 Millionen Euro auf 29 Millionen Euro durch und brachte damit das Ministerium von (FDP) in arge Bedrängnis. Niebels Haus informierte am 20. April alle Träger, man solle bei der Anwerbung von Freiwilligen nicht über das Niveau von 2009 hinausgehen. Begründung: "Konsolidierung und Qualitätssicherung" des Programms. Doch da hatten die Träger schon viele Zusagen verteilt.

Selbsterfahrungstrip für "Weißnasen"?

Auch die Kolping-Jugendgemeinschaftsdienste erfuhren vom Weltwärts-Sekretariat, das Fördergeld reiche nur für 20 statt 28 Freiwillige. "Wir hatten keine Wahl, wir mussten einigen absagen", sagt Kolping-Referentin Judith Behrens.

Eine davon ist Abiturientin Claudia Depka. Sie ist wütend - nicht auf Kolping, sondern auf Politiker wie Jürgen Koppelin. Der FDP-Haushaltsexperte hatte im Ausschuss für den Etateinschnitt gestimmt und findet das auch ganz richtig so. Es sei zwar sinnvoll, wenn junge Freiwillige ins Ausland gingen, so Koppelin - "aber man muss auch fragen dürfen, was das wem genau bringt". An Weltwärts nähmen hauptsächlich Abiturienten teil, kaum Real- oder Hauptschüler. Koppelin: "Wenn das ein Abiturienten-Verschickungsprogramm ist, dann soll man das auch so sagen."

Entwicklungshilfe

Der Nutzen des Programms ist in der Tat umstritten. In der internationalen gilt es als ausgemacht, dass systematische, von Fachleuten erarbeitete und umgesetzte Konzepte effizienter sind. Experten lästern über den "Entwicklungsdienst in eigener Sache" für die jungen Teilnehmer. Dabei stünden der Bedarf der Entwicklungsländer und die Projekte hinten an, kritisierte etwa die Berliner Professorin Claudia von Braunmühl. Im "SZ-Magazin" brachte sie die Kritik krachend auf den Punkt: "Wie sollen 18-jährige Weißnasen mit Rückflugticket in Entwicklungsländern auch helfen?" Sie gönne jungen Deutschen ja dieses "organisierte Abenteuer", aber an "unqualifizierten Händen fehlt es dort nirgends", so Braunmühl.

Claudia Depka findet das nicht nachvollziehbar. Sie würde in Tansania schließlich Dinge tun, für die sonst niemand eingestellt würde, zum Beispiel Nachhilfe geben oder in der Krankenstation aushelfen, sagt die Helferin im Wartestand. Die offizielle Weltwärts-Evaluierung beginnt gerade erst und soll 2011 abgeschlossen sein. Die Regierung friere das Budget ein, bevor es Ergebnisse gebe, kritisiert die Entwicklungshilfepolitikerin Bärbel Kofler (SPD) - "dann kann man die Evaluierung eigentlich gleich bleiben lassen".

Wer ist hier weltfremd?

Jenseits des Streits, ob Weltwärts nun sinnvolle Entwicklungshilfe ist oder bloß ein Selbsterfahrungstrip für reiselustige Abiturienten, herrscht aktuell vor allem Chaos. Gereizt schimpfen die Träger auf Ministerium und Haushälter. FDP-Mann Koppelin kontert: Wer Plätze zusage, für die Mittel noch nicht beschlossen seien, der habe "keine Ahnung von Haushaltspolitik".

Das lassen die Weltwärts-Ausrichter nicht auf sich sitzen - und erklären die Haushaltsexperten ihrerseits für weltfremd. "Die Leute haben doch keine Ahnung, wie langfristig man Jugendliche auf ihre Einsätze vorbereiten muss", sagt der Kölner Pfarrer Dirk Bingener, der mit der Organisation Freiwillige Soziale Dienste seit Jahren Jugendliche ins Ausland schickt. Es sei "Dilettantismus", wenn die angekündigte Fördersumme im laufenden Verfahren gekürzt werde.

Mittlerweile bemühen sich Ministerium und Träger um Wege aus der verfahrenen Situation. Am vergangenen Mittwoch habe Entwicklungshilfe-Staatssekretärin Gudrun Kopp zugesichert, dass alle Freiwilligen, die schon einen Vertrag unterschrieben haben oder deren Verträge in Vorbereitung sind, auch fahren können, berichten Ausschussmitglieder.

Auch Santiago Alonso, der das Programm im Ministerium koordiniert, versucht die Wogen zu glätten. Bislang hätten 3600 Jugendliche einen Weltwärts-Vertrag oder schon an Seminaren teilgenommen. "Wir haben genug finanzielle Mittel, um Entsendungen in dieser Größenordnung zu finanzieren", so Alonso. Als Notlösung könnten die Träger einen größeren Eigenanteil übernehmen, der dann im nächsten Jahr "entsprechend reduziert" werden soll. Zudem könnten noch Restmittel aus dem vergangenen Jahr in die aktuelle Finanzierung fließen.

Angeschmiert sind die Helfer im Wartestand

Die Trägerorganisationen hören die Botschaft wohl, allein: Es fehlt der Glaube. Für Kolping habe auch eine Nachfrage ergeben, dass es nur Geld für 20 statt 28 Freiwillige gebe, sagt Mitarbeiterin Judith Behrens enttäuscht. Der Kölner Pfarrer Bingener sieht zwar Versuche, die Situation politisch zu entschärfen - aber keine Planungssicherheit: "Was im nächsten Jahr ist, weiß niemand. Das Ministerium hat uns das volle finanzielle Risiko und damit den Schwarzen Peter zugeschoben."

Gekniffen wären am Ende Jugendliche wie Claudia Depka. Ihre Entsendeorganisation hat vorgeschlagen, sie könne trotz allem im Herbst nach Tansania fliegen - wenn sie den Aufenthalt komplett selbst finanziere. Auf ihrer ausgedruckten Absage-Mail hat Claudia die Kosten zusammengerechnet: 3600 Euro steht da, für sie viel zu viel.

Nur wenn sie ein halbes Jahr warten könnte, würde die Organisation die Kosten übernehmen. Und bis dahin? "Am liebsten würde ich schon mal mit meinem Sportstudium anfangen", sagt die Abiturientin - "aber die Aufnahmeprüfungen sind längst vorbei".

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