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26. Mai 2009, 08:59 Uhr

Junge Japan-Fans

"Mit Tokio Hotel haben wir nichts gemein"

Von Sophie Aigner

Punkfrisuren, Phantasiekostüme und viel, viel Make-up: Mädchen, die japanische Popmusik hören und den Look ihrer männlichen Idole imitieren, nennen sich "Visuals". Fünf Jugendliche verraten, warum ihnen schräge Outfits und schwarze Augenringe alles bedeuten.

Für diese Jugendlichen dreht sich alles um die Optik: Mädchen, die japanische Musik hören und sich "Visuals" oder "Visus" nennen. Sie färben ihre Haare pink oder wasserstoffblond, lieben Lack- und Lederklamotten, jede Menge Piercings und viel düsteres Make-up. Mädchen geben sich dabei als Männer aus, die Jungs kopieren Frauen - "unter Visus kann jeder sein, wie er will", erklärt die 21-jährige Anne aus Berlin.

Ihr eigenwilliger Stil zwischen Gothic, Punk und Phantasiekostümen orientiert sich an konkreten Vorbildern: Japanischen Independent-Musikern, die Metal, Rock oder auch Popmusik spielen. Sie heißen "Dir en grey", "D'espairsRay", "Mucc" oder "Miyavi" und sind in Japan extrem bekannt, auch wenn der "J-Rock" (Abkürzung für Japanische Rockmusik) innerhalb der Musikbranche geringe wirtschaftliche Bedeutung hat.

Im SchulSPIEGEL erklären fünf Jugendliche, was sie an dem Spiel mit Kostümen und Geschlechterrollen reizt.

Atsushi, 21: Im falschen Körper geboren

Atsushi, 21: Frauen imitieren Männer, die wie Frauen singen
Sophie Aigner

Atsushi, 21: Frauen imitieren Männer, die wie Frauen singen

"Man muss ein bisschen Selbstvertrauen haben, um in der Szene überleben zu können. Es gibt viele Neider", sagt Atsushi, die eigentlich Anne heißt, sich in der Visual-Szene aber lieber als Mann ausgibt. 2002 ist Atsushi durch ihre Begeisterung für Animes und Manga zum J-Rock gekommen. "Ich war die ganze Schulzeit hindurch sehr unglücklich, weil ich kaum Freunde hatte und gemobbt wurde. Durch Visual Kei habe ich gemerkt, dass es auch noch etwas anderes gibt", sagt die 21-jährige Physiotherapeutin.

Atsushi sagt, sie fühle sich im falschen Körper geboren. "Auch deswegen fühle ich mich in der Visual Kei-Szene aufgehoben, denn hier kann jeder so sein wie er will, und ich möchte als ein männliches Wesen betrachtet werden.

Männliche Frauen stoßen hier auf große Begeisterung, denn sie können am ehesten die Musiker imitieren, die von den Mädchen angehimmelt werden. Das heißt, die Mädchen kopieren die Jungs, die sich als Mädchen ausgeben."

Viele der J-Rock-Musiker spielen mit Geschlechterrollen. "Unter Visuals gibt es eine größere Offenheit bezüglich der sexuellen Orientierung. Viele Frauen sind Freizeitlesben, sie leben ihre homosexuelle Seite nur hin und wieder aus."

Tina Marie, 16: Durchschnitt ist blöd

Schülerin Tara, 16: Bloß nicht so sein wie die anderen
Sophie Aigner

Schülerin Tara, 16: Bloß nicht so sein wie die anderen

"Ich will nicht Durchschnitt sein, denn Durchschnitt ist blöd. Vor allem wenn es ums Aussehen geht. Ich fühle mich einfach besonders gut, wenn ich Komplimente für mein Äußeres bekomme, deshalb gebe ich mir auch viel Mühe damit und verbringe viel Zeit mit Mode und Shopping.

In meiner alten Schule hatte ich lange Schwierigkeiten mit meinen Mitschülern. Dies und einige andere Umstände führten dazu, dass ich mir die Arme ritzte. Immerhin, nach einem Schulwechsel schaffte ich es, mit dem Ritzen wieder aufzuhören. Denn mir war plötzlich klar geworden: Ritzen und toll aussehen, dass passt irgendwie nicht zusammen.

Die neue Schule habe ich mir nach dem Sprachenangebot ausgesucht. Und ausgerechnet meine Japanisch-Lehrerin ist es jetzt, der meine wechselnden Outfits und Haarfarben auffallen und gefallen."

Christin, 22: Vor dem J-Rock war ich ein Niemand

Christin, 22: Nichts mit Tokio Hotel gemein
Sophie Aigner

Christin, 22: Nichts mit Tokio Hotel gemein

"Vor dem J-Rock war ich ein Niemand. Meine Schulzeit hindurch war ich oft unglücklich, ich fühlte mich ungeliebt und war oft zickig. Dann kam ich in die Visual-Kei-Szene, fand neue Freunde und war schnell begeistert davon.

Ich sammelte neues Selbstvertrauen, weil ich immer mehr Leute kennenlernte, die so drauf waren wie ich. Das gab mir Selbstvertrauen. Da macht es mir auch nichts mehr aus, dass ich oft Sprüche höre, die auf Tokio Hotel anspielen. Dabei hat die Teenieband nur für Außenstehende etwas mit Visual Kei gemeinsam.

Leider wurde Visual Kei schon vor einiger Zeit auch von H&M und Bravo entdeckt. Seitdem wird der Stil überall kopiert. Das finden wir schlimm."

Paul, 21: Erlaubt ist, was gefällt

Paul, 21: Einer der wenigen Jungs in der Szene
Sophie Aigner

Paul, 21: Einer der wenigen Jungs in der Szene

"Ich bin einer der wenigen Jungs, die sich für Visual Kei interessieren. Vermutlich haben die meisten meiner Geschlechtsgenossen Angst davor, zu weich zu wirken. Denn die gefühlsbetonte Musik des J-Rocks und der androgyne Stil der Bands wirkt vor allem auf Mädchen anziehend.

Durch Freunde habe ich vor vielen Jahren japanische Popmusik, später dann J-Rock kennengelernt. Der Stil von Visual Kei hat mich schnell fasziniert. Damals haben wir Visu-Treffen veranstaltet, zu denen um die 30 Leute kamen.

Heute ist die Szene nicht mehr so familiär. Auf Konzerten oder Treffen kennt man sich nicht mehr, es haben sich viele kleine Gruppen gebildet. Man ist sich auch nicht unbedingt wohlgesonnen: Misstrauen oder Neid gegenüber den anderen sind Alltag unter Visus.

Mittlerweile gibt es zwei Sorten von Visual-Kei-Anhängern: traditionsbewusste Visus und die 'Bravo-Visels'. 'Bravo-Visels' nennen wir die jungen Mitläufer, für die nicht die Inhalte von Visual Kei im Vordergrund stehen, sondern bloß die Zugehörigkeit zu irgendeiner Szene.

Meine Eltern sind stolz, einen Sohn zu haben, der anders ist als die anderen. Sie sagen bloß: Hauptsache, du wirst kein Punk!"

Mado, 18: Ich komme vom Mars

Schülerin Mado alias Marcella: Irgendwie vom Mars
Sophie Aigner

Schülerin Mado alias Marcella: Irgendwie vom Mars

"Mein Geburtsname ist Marcella, und eigentlich mag ich ihn auch, weil ich mich mit seiner Bedeutung identifizieren kann. Dennoch habe ich mir wie alle Visus einen Spitznamen gegeben. Die Namen werden abgeleitet von Musikernamen und Mangafiguren oder sind komplette Eigenkreationen wie in meinem Fall. Nicht selten werden diese Namen gewechselt.

Taiji würde mich wohl als eine der wenigen "echten" Visus bezeichnen. Denn ich war seine"Schülerin", das bedeutet, ich wurde von ihm zum Visu erzogen und zum Visu ernannt. So war es ursprünglich üblich. Aber eigentlich nenne ich mich nur Visu, um von anderen Leuten halbwegs richtig eingeordnet zu werden."

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