Junge Musiker Der Leidensweg ins Rock-Nirwana

Mit dem richtigen Riff ist es nicht getan: Wer mit seiner Band richtig durchstarten will, muss nicht nur proben, sondern sich erfolgreich als Produkt vermarkten. Der Weg zur Rock-Karriere ist steiniger als viele denken - und wenn der Erfolg mit 30 nicht da ist, kommt er kaum mehr.


Sorgsam packt Bassist Marc Jullien von der Popband BenJammin sein Instrument nach der Probe in den Koffer. Die fünf Mainzer verbringen derzeit viele Stunden im Proberaum. 2008 haben sie einen Plattenvertrag unterschrieben, im Frühjahr erscheint eine Single. Für sie ist der Traum vieler Nachwuchsmusiker wahr geworden. Leben kann die Band von ihrer Musik allein trotzdem nicht.

Wer mit dem Gedanken spielt, statt einer herkömmlichen Ausbildung die Musik zum Job zu machen, sollte sich dafür einen Zeitrahmen setzen. Denn der Weg zum ersten Plattenvertrag ist weit, wie sich der 30-jährige Jullien erinnert: "Am Anfang ist es unheimlich schwer."

Seit 2005 gibt es die Band in der jetzigen Formation. In dem Jahr gewann sie den Bandwettbewerb in Rheinland-Pfalz und den Bundeswettbewerb "Local Heroes". Letzterer fasst Wettbewerbe aus 14 Bundesländern zusammen. Dort nehmen jährlich bis zu 1400 Gruppen teil - das zeigt, wie umkämpft der Markt ist.

Was zählt, ist der Spaß - und das Marketing

Jullien erinnert sich noch gut an Anfangserfolge: "Du hast gedacht, jetzt rollt es, aber es dauert." Die fünf Musiker setzten eine Ausbildung über anderthalb Jahre an der Mannheimer Popakademie drauf. Dabei wird neben musikalischen Kniffen auch vermittelt, wie sich Bands vermarkten können. Eine Band müsse sich klar werden, wen sie ansprechen will, sagt er, etwa über das Internet.

"Das Internet ist eine Chance und eine Gefahr", warnt Holger Maack, Vorstand der Deutschen Rock Musik Stiftung in Hannover. Das Web habe das Geschäft demokratischer, aber auch komplizierter gemacht. Für Maack zählt vor allem, dass Bands aus Spaß Musik machen. "Der Wunsch, berühmt zu werden, sollte sekundär sein, das schaffen nur wenige." Was aber auch heißt, dass nur wenige von ihrer Musik leben können. Musiker müssten einen eigenen Stil kreieren, diesen durchhalten und nicht Trends hinterherhecheln. "Wenn es zufällig so ist, dass das, was man macht, hip ist, hat man es geschafft."

Für Bands, die ins Profi-Geschäft einsteigen wollen, bietet zum Beispiel der rheinland-pfälzische Wettbewerbsveranstalter "Rockbuster" Coaching-Programme an. "Es gibt keinen festen Stundenplan, das ist für jede Band individuell", sagt der Geschäftsführer von Rockbuster Markus Graf. Manche hätten handwerkliche Probleme, andere bräuchten eher Nachhilfe im Vertragswesen.

Schlimme Cover-Auftritte finanzieren die Leidenschaft

Zum großen Geld ist es jedoch selbst mit Coaching weit - auch für BenJammin: "Die Band ist nicht wirklich gewinnbringend, aber sie trägt sich schon länger selbst", sagt Jullien. Das zeigt, wie wichtig weitere Geldquellen sind. Er selbst verdient seinen Lebensunterhalt mit Musikunterricht und Cover-Auftritten. "Das macht am wenigsten Spaß, aber du kannst dir den Rest leisten."

Auch Gitarrist Sascha Eigner von der Band Jupiter Jones kennt die Tücken des sparsamen Rocker-Lebens: "Man pennt schon mal auf dem Boden einer versifften WG". Hotelzimmer sind selbst bei Auftritten in der Provinz finanziell nicht drin. Als Anfragen bei Plattenfirmen scheiterten, gründete die Band ein eigenes Label. Große Unternehmen nähmen nur fertige Bands, sagt er. Nachwuchsarbeit werde kaum geleistet. Jungen Bands rät er, Lieder kostenlos ins Internet zu stellen, um bekannt zu werden.

Eine Hürde, die viele unterschätzen, ist die Zeit, die man für eine Bandkarriere opfern muss. "Wir proben acht bis neun Stunden die Woche", sagt Marc Jullien. Hinzu kommen bis zu vier Stunden Bürokram pro Woche. Die Arbeit falle oft dann an, wenn andere Feierabend haben. "Es gibt Kumpels, die dafür kein Verständnis haben", sagt er. Daher sei es wichtig, auszuloten, ob wirklich alle in der Band den Weg mitgehen wollen.

"Ein Plattenvertrag ist nicht unbedingt wünschenswert"

"Rockbuster"-Manager Graf empfiehlt Musikern, sich eine Frist zu setzen, bis sich Erfolg einstellen muss: "Mit 27 bis 30 muss man einen Cut machen, danach wird es schwer." Bandwettbewerbe könnten beim Weg nach oben helfen, allerdings seien längst nicht alle gut. "Es gibt zwielichtige Veranstaltungen", sagt er. Manchmal müssten Gruppen Startgeld zahlen und einen Teil der Karten kaufen.

Zu den guten Programmen zählt Graf das Projekt "PopCamp", das seit 2005 eine Art Meisterkurs für populäre Musik anbietet. Träger ist der Deutsche Musikrat in Bonn. Gruppen müssen nominiert werden, nach einer Auswahl spielen acht Bands vor, fünf werden genommen. "Drei von fünf schaffen es pro Jahr ins Profigeschäft", sagt Projektleiter Michael Teilkemeier. Er hat die Erfahrung gemacht, dass die meisten Bands eine Business-Beratung brauchen. Viele seien sich ihrer Zielgruppe nicht bewusst und ernüchtert darüber, wie viel sich um Geschäftliches dreht.

"Wir wollen Bands weiterentwickeln, aber nicht umkrempeln", sagt Teilkemeier. Das unterscheide das "PopCamp" von anderen vermeintlichen Förderern. "Selbst ein Plattenvertrag ist nicht unbedingt wünschenswert", warnt Maack von der Rock Musik Stiftung. Wenn sich nach einem Jahr kein Erfolg einstellt, sei die Gruppe wieder raus. Spätestens dann muss man sich möglicherweise doch um eine alternative Ausbildung kümmern.

Christian Schultz, dpa



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