Junghexe Jenny "Sende uns deine Kraft, große Aphrodite"

Wenn Jenny Prüfungsangst hat, murmelt sie Zauberformeln. Die 23-jährige Studentin ist "Junghexe": Sie feiert die Walpurgisnacht, beschwört Götter mit weißer Magie und trommelt im Wald. Alles Hokuspokus, sagen selbst ihre Freunde. Aber Jenny büffelt fürs Hexen-Diplom.

Jenny nippt an ihrer heißen Schokolade in einem Wuppertaler Café. Draußen regnet es, drinnen plätschern die Gespräche. Jenny ist ein Mensch, der Menschen mag. Trotzdem läuft sie Gefahr, Misstrauen zu ernten, wenn sie anderen von sich erzählt - denn sie nennt sich eine Hexe. Genauer: eine Junghexe. Eine Hexe in der Ausbildung sozusagen.

Jenny, 23, ist Psychologie-Studentin aus Wuppertal und seit ihrer Kindheit fasziniert von Magie und Übersinnlichem. Früh glaubte sie, das Hexentum verfolge sie mit sanftem Nachdruck. Das Thema schien überall aufzutauchen, Jenny spürte eine Anziehung: "Ich wusste, es fühlt sich richtig an." So wie damals, als sie bei einem Vorlesewettbewerb wie die anderen Schüler ein Buch gewann - nur ihres handelte von Hexenverfolgungen. Ein Zeichen?

Jenny hörte von den "Wicca", einer Bewegung, die sich mit Magie, Mystik und Naturreligionen beschäftigt. Die "Wicca" pflegen eigene Feiertage und Rituale, sie gehen gern auch mal nackt im Wald Kräuter ernten und benutzen dabei Utensilien, von denen Jenny noch nie gehört hatte. Für die meisten Hexen, sagt Jenny, seien die "Wicca" der erste Berührungspunkt mit dem Kult.

Mit 16 lernte Jenny über das Internet-Gästebuch ihrer Lieblingsdisco eine Frau kennen, die sagte, sie sei eine Hexe. Sie lud Jenny ein, doch mal zu einem Hexenfest namens "Beltane" in der Walpurgisnacht in Essen mitzukommen.

Jenny nahm die Einladung an, ohne genau zu wissen, was sie dort erwarten würde. Die Hexen, Frauen jeden Alters, trafen sich in einem Garten und zündeten gemeinsam ein Lagerfeuer an. Dann sprachen zwei Frauen einen Segen, die Hexen tanzten ums Feuer und sangen. "Obwohl mir die Leute völlig fremd waren", sagt Jenny, "fühlte ich mich nicht komisch, sondern mit ihnen verbunden." Dann zeigte noch eine Feuerläuferin, was sie kann, der Abend klang aus mit Tanz und Gespräch.

Stammtischrunde mit 20 Hexen

Jenny war begeistert, nahm Kontakt zu einer Gruppe in ihrer Nähe auf und besuchte einen "Hexenstammtisch". Dort traf sie Barbara Stiller, 44, von der "Fellowship of Isis" (F.O.I.), einem heidnischen Glaubenskult, der die ägyptische Göttin Isis verehrt.

Am Stammtisch treffen sich monatlich rund 20 Frauen von der Studentin bis zur Bürokauffrau. Die älteste ist 59 und Jenny die jüngste. "Bis auf ein paar Gothics, die mittelalterliche Musik hören", gehörten die Hexen zu keiner bestimmten Szene, sagt Jenny.

Die Isis-Anbeter wollen sich nicht als ägyptische Glaubensgemeinschaft verstanden wissen. Ein Teil ihrer Rituale und ihrer Liturgie stammt aus der keltischen, indischen oder afrikanischen Glaubenswelt. Die "F.O.I" wurde 1976 in England gegründet und hat nach eigenen Angaben heute weltweit etwa 27.000 Mitglieder.

Jennys kleines Hexen-Studium

Eine der vielen Isis-Strömungen stellt Naturverbundenheit in den Mittelpunkt: Die Mitglieder fühlen sich als "ein Teil der Natur im Sinne eines Plans. Dieser Plan gibt allem, was passiert, einen Sinn - auch Dingen im Leben, die zunächst negativ erscheinen", sagt Jenny. Sie fühlte sich aufgehoben und verstanden, mehr als bei den "Wicca". Dort gebe es oft feste Kreise von Hexen, sogenannte "Coven", in denen feste Hierarchien herrschen. Das war nicht Jennys Sache, sie ging lieber bei Barbara Stiller in die Lehre.

Jennys Hexen-Kurs ist wie ein kleines Studium, unterteilt in mehrere Lektionen, die bis zu drei Monate dauern. Jenny schreibt Aufsätze zu mystischen Themen wie "Die Ursprünge und Bedeutungen der Jahreskreisfeste", "Walpurgisnacht" oder "Jul", der Wintersonnenwende.

Wenn Hexe Barbara überzeugt ist, dass sich Jenny ausreichend mit den Themen auseinandergesetzt hat, hat die angehende Junghexe ihre Lektion bestanden. Die erste Zwischenprüfung heißt Adeptinnen-Weihe, Jenny nennt das scherzhaft auch ihren "Gesellenbrief" als Hexe. Danach kommen die nächsten Prüfungen, bis Jenny sich "Priesterin" nennen darf.

Natürlich bleibt es nicht bei theoretischen Diskursen, denn was wäre eine Hexe ohne Zauberei? Die "weiße Magie" sei auch Teil der Ausbildung, sagt Jenny. In besonderen Ritualen setze sie Energien frei und lenke sie, würde aber nie den Willen eines Menschen beugen. Schließlich sei Manipulation in der Hexen-Charta untersagt, "konstruktives Nachhelfen" dagegen erlaubt.

Wenn es in der Uni brenzlig wird: Hex, hex, weg ist die Prüfungsangst

Ein Beispiel? Will etwa eine Frau ihren heimlichen Schwarm auf sich aufmerksam machen, würde Jenny mit ihr ein Ritual zelebrieren: "Man zieht mit einem Stab einen Kreis auf dem Boden, um einen heiligen Raum zu markieren. In dem Kreis ist ein kleiner Altar aufgebaut, in Form etwa eines Schränkchens, über das ich ein buntes Tuch breite." Darauf positioniert sie die vier Elemente - "ein Schälchen Flüssigkeit für das Wasser, ein Schälchen Salz für die Erde, ein Räucherstäbchen für die Luft, eine Kerze für das Feuer". Während sie mit einer Göttin in Kontakt trete, sagt Jenny, dienten die vier Elemente als Schutz, denn sie seien ein besonders kraftvoller Teil der Natur.

Für Herzensdinge würde Jenny die Göttin Aphrodite anrufen: "Bitte sende uns deine Kraft, große Aphrodite, und verstärke die positive Ausstrahlung der heimlich verliebten Frau" - auf dass ihr Schwarm sie endlich wahrnehme. Um die Energien zu forcieren, könne man ein Foto der Frau noch mit Rosenöl einreiben.

Göttlichen Kontakt, etwa mit Aphrodite, spüre man körperlich, sagt Jenny. Dann durchlaufe sie von Kopf bis Fuß ein "warmes, starkes Kribbeln".

Auf viele wirkt Jenny Leidenschaft abgedreht

Mit Magie bekämpfe sie auch ihre Prüfungsangst, sagt Jenny: Vor einer Uni-Klausur nehme sie am Altar Kontakt mit Athene auf, Göttin der Wissenschaft. Ihre Panik schreibe sie auf einen Zettel, den sie später verbrenne: auf dass sich die Angst in Luft auflöse.

Persönliche Rituale zelebriert Jenny ein- bis zweimal im Monat, macht auch "schamanisches Reisen", eine "Meditationstechnik, die von Trommeln geführt wird". Und achtmal jährlich nimmt sie an den Jahreskreisfesten teil. Das wären so die "festen" Termine. Die Hexen sehen sich locker und freiwillig verbunden. Manchmal treffen sie sich auf Lichtungen im Wald, zu Meditation, Spaziergang, Trommeln und Tanzen.

Jenny hat eine besondere Wahrnehmung der Welt und kann sie nicht trennen vom Alltag. "Aber genauso leidenschaftlich, wie ich Hexe bin, bin ich auch Studentin", sagt sie und will ab Herbst erst einmal an der Diplomarbeit schrauben. Ohnehin nimmt sie sich regelmäßig frei von der mystischen Berufung - wenn sie als Aerobic-Trainerin im Sportverein arbeitet oder in der Disco zu "Deine Lakaien" tanzt.

Jennys Freund teilt ihre Überzeugungen nicht. Ebensowenig wie die Mehrzahl ihrer Freunde. Aber Jenny lässt sich nicht beirren. An der Uni gibt es nur eine gleichaltrige Kommilitonin, die Jenny mal zum "Hexenstammtisch" mitgenommen hat und nun auch über die Hexen-Ausbildung nachdenkt. Auf viele andere wirkt Jennys Leidenschaft ziemlich abgedreht. Das weiß sie und kann verstehen, wenn die Leute komisch gucken.

Magie? Nichts als "sich selbst erfüllende Prophezeiungen"

Jenny aber hilft ihr Glaube an magische Kräfte im täglichen Leben. Sie erklärt das so: "Da ich Teil der Natur bin, interagiert mein Unterbewusstsein durch die Rituale mit der Natur, und diese Interaktion sucht sich einen Weg." Wenn doch nichts passiere, seien die Umstände einfach nicht reif für ihr Anliegen. Wie es auch kommt: Jenny sieht das Ergebnis positiv.

Andrew Schäfer, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche, zuckt dazu eher mit den Schultern: Hexen besäßen eine "intakte Ethik", sagt er, sie seien damit klar abgegrenzt zu Sekten oder Satanismus. Dann fällt ihm doch noch etwas ein: Die Hexen würden eine "religiös-alternative Lebenshilfe" praktizieren, Seelsorge dürfe jedoch nicht als "Hobbypsychologie" missbraucht werden.

Ein Gast in einem Gothic-Forum im Internet kritisierte Jenny mal, weil ihre ganze Magie seiner Meinung nach aus sich selbst erfüllenden Prophezeiungen besteht - das sei nichts Übersinnliches, sondern Psychologie der simpleren Art. Für manche ist Jenny eben keine Hexe, sondern einfach ein sehr optimistischer Mensch.

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