Juso-Innenansicht "Lieber nackt als Nadelstreifen"

Wie ticken eigentlich diese Jusos? Seyda, 17, und Christin, 19, fuhren zum ersten Mal zum Bundeskongress. Der SPD-Nachwuchs liebt rote Sterne und die Internationale. Viele kämpfen für einen Linksruck, Lobbyisten um Beachtung und die beiden Abiturientinnen gegen Papierberge.

Von Mathias Hamann, Weimar


"Geschlossene Veranstaltung" verkündet ein Zettel an den Türen des Kongresszentrums in Weimar. Ein Ordner überprüft die Anmeldung: Zu einem Bundeskongress der Jungsozialisten darf nicht jeder, nur angemeldete Gäste oder Delegierte. Da ist die Nachwuchsorganisation der SPD strikt.

Streng geht es auch zu bei der Frauenquote: Mindestens 40 Prozent der Delegierten müssen Frauen sein. Eine davon ist in diesem Jahr Elif-Seyda Uyar aus Oberhausen in Nordrhein-Westfalen. Die 17-Jährige sitzt zum ersten Mal bei einem Juso-Bundeskongress. Eigentlich wollte sie nicht dabei sein: "Da war eine Hochzeit, zu der ich unbedingt hinwollte." Viermal fragte ihr Landesverband an, schließlich gab Seyda nach. Ihre Familie fuhr zur Hochzeit, sie fuhr nach Weimar.

Am Pult redet gerade einer, der ein T-Shirt mit dem Totenkopf des FC St. Pauli trägt. Beim Juso-Kongress scheint ein inoffizieller Dresscode zu gelten: rote Sterne sind super, Sakkos sind ganz schlecht. "Lieber nackt als Nadelstreifen", steht auf einem Transparent. Eine ganze Fraktion trägt Karl Marx auf dem Rücken, ihre Rot-Hemden künden: "Rheinland-Pfalz, hier werden Ideen geboren." Viele erhoffen sich einen Linksruck im Land.

Auch Seyda beschreibt sich als links. Die 61 Thesen des Grundsatzpapiers blättert sie jedoch nur gelegentlich durch. "Ganz schön bürokratisch hier", stellt sie etwas entmutigt fest. Denn immer neue Papierfluten und überschwemmen ihren Tisch. "Ä 129, U1 Neu oder I2" steht auf den Zetteln. Oft ist ein A4-Blatt nur mit ein paar Worten bedruckt: "Zum Antrag C 4, Seite 88, Zeile 58-59 streichen."

Die Papierverschwendung will Seyda ändern. In Oberhausen bekämpft sie Nazis mit Konzerten, in Weimar Bürokratie. Zusammen mit anderen fordert sie, Änderungsanträge deutlich zu komprimieren.

Hunderttausende Info-Blätter

Seydas sieben Zeilen passen dreimal auf ein A4-Blatt, die Helfer schneiden sie aus und verteilen die Blättchen. Ihre Mitstreiterin Christin Valk ruft vom Rednerpult: "Mehr als 170.000 Kopien wurden bisher verteilt." Für die 19-Jährige aus Krefeld ist es ebenfalls der erste Bundeskongress und zudem ihre erste Rede, sie verhaspelt sich manchmal.

Trotzdem, volle Zustimmung bei den Delegierten. Der Antrag wird beim nächsten Mal umgesetzt, verspricht Juso-Chefin Franziska Drohsel. Hinten klirren Bierflaschen, einige genehmigen sich ein Feierabendbier, es ist kurz vor zehn Uhr abends. Eine Delegierte aus Bayern fordert: "Ende des Kongresses für heute." Doch bevor alle zur Party rauschen, erklärt die Tagungsleitung noch: "Morgen früh um halb zehn geht's weiter."

"Geschlossene Veranstaltung" steht auch auf dem Schild vor dem "Mon Ami" in Weimar, ein Ordner prüft hier, wer rein darf. Drinnen gilt die umgekehrte Quote: auf dem Tagungsparkett 40 Prozent Frauen, auf dem Tanzparkett 40 Prozent Männer. Seyda kann nicht lange auf der Party bleiben, sie befürchtet eine Erkältung. Andere feiern noch bis in den frühen Morgen.

Um neun Uhr dreißig sitzen die meisten wieder zwischen den Tischen, einige etwas müde. Wer Frühsport will, kann zu Nintendo gehen. Der Spielkonsolenhersteller lädt die Genossen und Genossinnen zu Boxkampf oder Golf: "Einige Genossen finden Golfen ja dekadent", sagt Nintendo-Hostess Barbara Pennse und lacht, "aber dann machen sie doch mit, weil's Spaß macht."

Die Internationale hebt die Stimmung

Bei aller Kapitalismuskritik, das Kapital ausnutzen wollen die Jusos schon. So zahlen Firmen wie Nintendo, die Post oder Telekom Standmiete in der Lobby und dürfen dafür die Nachwuchspolitiker umgarnen. Ein linker Zeitschriftenverlag darf hingegen kostenfrei für sich werben. Nebenan bietet der Apothekerverband Äpfel und Blutdruckmessungen an: "Abends ist der Blutdruck der Parteimitglieder meist höher, dann scheint's spannend zu werden."

Auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel ist zum Kongress gekommen. Über eine Stunde hört "der Sigmar" sich Kritik an und antwortet auch darauf, selbst wenn er ausgebuht wird: "Ich kann euch ja nicht nur erzählen, was ihr toll findet, ihr wollt ja auch die Wahrheit hören", ruft er und verteidigt den Bau neuer Kohlekraftwerke.

Seyda hängt nach drei Kongresstagen geschafft im Stuhl. Viele Teilnehmer sind müde vom vielen Zuhören, schon wird debattiert, ob man nicht den Rest der Reden einfach streichen solle. Die Tagungsleitung verkündet: "Es ist keine Frau mehr auf der Redeliste, daher wäre sie geschlossen." Doch jemand beantragt die erneute Öffnung, es wird abgestimmt und ausgezählt: Hessen Nord, 10 dafür. Sachsen, acht dagegen, Brandenburg, nicht da, NRW, 65 dagegen – auch Seyda. Am Ende will doch eine Mehrheit weiterreden.

Trotzdem: Der Schluss nähert sich, wer endlose Debatten erwartet hat, der irrt. Die Delegierten halten den Zeitplan ein, über offene Anträge entscheidet der Bundesvorstand später.

Aber bevor alle gehen, kündigt Juso-Chefin Franziska Drohsel an: "Nun singen wir, wie wir's immer gemacht haben, die Internationale." Ein Rattern der Stuhlbeine über das Parkett, alle stehen auf, einige heben die Faust, dann dröhnt es durch die Halle: "Wacht auf, Verdammte dieser Erde." Auch Seyda stimmt trotz Erkältung leise ein: "Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht." Nun heben immer mehr die linke Faust, denn "die Internationale erkämpft das Menschenrecht". Und einige rufen: "Rot Front."

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