Austausch-Log USA Jetzt weiß ich, was "kalt" wirklich bedeutet

Frostiger Austausch: Alina Buxmann, 16, frieren bei Eiseskälte in Nordamerika die Haare ein, an ihrem Fenster wachsen Eisblumen. Ihre Mitschüler nehmen den Schulausfall missmutig hin. Das Kältefrei wird ihnen von den nächsten Ferien abgezogen.

Alina Buxmann

Wegen der großen Kälte hatte Anfang dieser Woche die Schule in meiner Austauschheimat Union City, Pennsylvania, geschlossen. In Deutschland würden die Schüler sich vielleicht freuen. In Amerika nimmt man das eher gelassen hin. Die Schüler beschweren sich sogar. Denn diesen freien Tag gibt es nicht obendrauf, er wird von den nächsten Ferien abgezogen.

Nach draußen geht man im Moment besser nicht. Die Außentemperatur beträgt minus 23°C. Ich habe es aber trotzdem gewagt, um ein paar schöne Winterfotos zu machen. Meine Finger brannten, das Atmen tat weh. Ich hätte mir auch besser nach dem Duschen die Haare föhnen sollen. Nach fünf Minuten in der Eiszeit waren sie gefroren.

"Jetzt hast du auch Minus-40-Grad-Windchill-Temperatur erlebt", verkündete meine Gastmutter Kim. Ob sie übertrieben hat oder nicht, genauso hatte es sich angefühlt. Zu Hause streikte dann auch noch die Internetverbindung. In manchem Haushalt fiel der Strom aus.

Einige meiner Freunde posteten Videos, die zeigten, wie sie kochendes Wasser in den Wind schütteten. Augenblicklich gefror es zu Schnee. Eine Bekannte landete mit einem Kältebrand sogar im Krankenhaus.

Gottesdienst mit Powerpoint

Kaum zu glauben, dass ich vor nicht allzu langer Zeit mit Sonnenbrille und Flip-Flops noch in der Sonne lag. Bevor der Winter richtig losging, waren wir mit dem Auto 20 Stunden von Pennsylvania nach Florida in ein Ferienresort gefahren. Es war so warm, dass ich dort mit meinen Gast-Cousins noch im Pool baden konnte.

Mit großen Augen besuchte ich dort das Märchenschloss in Disney World. Wir gingen am Strand spazieren, aßen viel, und täglich stand auch ein Besuch im Fitnessraum auf meinem Plan, um die Schwimm-Hausaufgaben zu erledigen.

Daheim erwartete uns der Schnee. Es schneite viel, die Straßen waren glatt. Die Autofahrt ins Einkaufszentrum dauerte nicht wie gewöhnlich 40 Minuten, sondern anderthalb Stunden. Mein Gastbruder landetet mit seinem Auto schließlich im Straßengraben.

Der Gottesdienst an Heiligabend wurde von einer Powerpoint-Präsentation begleitet. Anschließend gab es bei meiner überaus gesprächigen Gasttante Judy eine ungewöhnliche Weihnachtsfamilientradition: Alle Kinder, auch die älteren, suchten im Haus eine kleine grüne Weihnachtskugel. Die Kugel sah wie eine Gurke aus. Der Gewinner bekam zehn Dollar. Ich war leider nicht schnell genug.

Ein "Die Welle"-Experiment in der Schule

Im Geschichtsunterricht stand in der Schule Nazi-Deutschland auf dem Stundenplan. Ich erklärte mich bereit, eine Unterrichtsstunde über Propaganda im "Dritten Reich" zu halten. In Anlehnung an den Roman "Die Welle" begann ich mit einem Experiment: Ich gab vor, eine Bewegung gegen den Dresscode an der Schule zu starten. Ich forderte die Neuntklässler auf, "deutlich zu zeigen, dass es besser für alle wäre mitzumachen".

"Kurse, die von Lehrern unterrichtet werden, die uns nicht unterstützen, müssen wir gemeinschaftlich die Mitarbeit verweigern", sagte ich. Während einer Feuerübung wurden auf dem Schulhof bereits neue Mitglieder für meine Bewegung geworben.

Erst am Ende des Unterrichts erklärte ich, dass der Dresscode in absehbarer Zeit wohl kaum abgeschafft werden würde und das mein Vorschlag nicht ernst war. Viele waren enttäuscht. Und ich staunte, dass mein kleines Experiment so gut funktionierte.

Wirklich überrascht hatte mich kurz vor der großen Kältewelle das Silvesterfest: Richtige Partys mit Tanz und Getränken gab es bei meinen neuen Bekannten nicht und auch kein Feuerwerk. Auf Facebook teilten viele Austauschschüler ihre Entrüstung darüber und ihr Heimweh.

Mich konnten die Partybilder meiner deutschen Freunde allerdings nur bedingt beeindrucken, ich lag krank im Bett. Seit dem Jahreswechsel habe ich noch genau sechs weitere Monate meines bunten amerikanischen Lebens vor mir. Und seit einigen Tagen weiß ich auch, was in diesem Land das Wort "kalt" wirklich bedeutet.

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