Ganz harte Schule Willi geht dieses Jahr als Mongole

Warum benennen wir die Dinge nicht mehr, wie sie sind? Aufkleber heißen jetzt Sticker, Bastelgruppen AGs und behinderte Kinder ... ja, wie eigentlich? Egal, zu Karneval darf Willi als Mongole gehen.

Birte Müller

Eine Eltern-Kolumne von


Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
  • Hier schreiben abwechselnd Birte Müller, Armin Himmelrath und Silke Fokken über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Für das erste Faschingsfest in der Schule meiner Tochter haben uns die Lehrerinnen kürzlich um einen Beitrag fürs Büffet gebeten, "den man mit den Fingern essen kann". Ich kenne das Lehrerteam noch nicht lange, aber es ist mir allein durch diesen Aufruf sehr sympathisch: Sie haben nicht Fingerfood geschrieben! Dabei hätte ich mit dem Wort Fingerfood sogar noch halbwegs leben können. Was gar nicht geht, ist Snacks. Das Wort klingt einfach furchtbar.

In ihrem ersten Kitajahr wollte Olivia einmal unbedingt länger dort bleiben, um noch zu neggen. Ich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich verstand, dass sie zum Snacken dort bleiben wollte. Das Substantiv ist ja schon schlimm, aber muss man daraus noch das Verb snacken basteln? Ich will mich hier nicht als Hüterin der deutschen Sprache oder von Substantiven und Verben aufspielen, aber trotzdem muss ich nicht statt Aufkleber plötzlich Sticker sagen.

Warum man das macht, ist mir unklar. Soll es moderner klingen? Also Aufkleber hatte Mutti früher, heute haben die coolen Kids eben Sticker, die glitzern und 3D sind und was weiß ich nicht alles. Sie werden dann von Olivia und ihren Freundinnen wie wild auf irgendwelche Zettel gestickert, und ich sitze daneben und gräme mich, weil ich weiß, was das Zeug kostet.

Zur Autorin
  • Birte Müller, Jahrgang 1973, ist Kinderbuchautorin und Illustratorin. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern Willi (Downsyndrom) und Olivia (Normal-Syndrom) in Hamburg. Ihr Lebensmotto: It's not a bug, it's a feature.

In Olivias Kita (und ich frage mich schon lange, warum es eigentlich nicht mehr Kindergarten heißt) hießen die Gruppen, die die Kinder wählen konnten, AGs! Wer denkt sich so etwas aus? Holz AG, Farben AG. Ich habe es mir einmal zum Spaß gemacht, möglichst viele Kinder nach der Bedeutung von AG zu fragen - keines kannte sie. Aber etwa jeder zweite Knirps schnauzte mich an, es würde Ege heißen und nicht Agee. So wird also selbst aus der Arbeitsgruppe eine Art Fremdwort. Warum machen sie nicht gleich Working-Groups draus?

Blackfacing ist auch so ein beknacktes Wort. Wenn ein Kind sich zu Fasching als Jim Knopf verkleiden möchte, muss es sich dafür nicht zwangsweise das Gesicht anmalen. Und nicht jeder, der es trotzdem tut, ist automatisch ein Rassist. Persönlich fand ich schwarz gefärbte Gesichter allerdings schon immer komplett bescheuert. Dafür brauche ich kein neues Wort, schon gar keinen Anglizismus. Mittlerweile weiß ja kein Mensch mehr, ob man eigentlich dunkelhäutig, schwarz, afrikanischer Abstammung, farbig oder vollpigmentiert sagen muss oder darf - was für ein Eiertanz um das Wort schwarz herum.

Ähnlich ist es mit behindert. Ich erlebe oft, dass Menschen so viel Angst davor haben, das falsche Wort für Down-Syndrom zu benutzen, dass sie lieber gar nicht erst mit mir über meinen Sohn Willi sprechen. Das ist dann ja auch nicht gerade politically correct, oder?

Als Karnevalskostüm für Willi hat mir die Mutter eines - na, ich sag mal afrogermanischen - Jungen dieses Jahr angeboten, dessen altes Kostüm als afrikanischer Prinz zu leihen. Sie schlug eigens ein Blackfacing dazu vor! Aber ich habe das abgelehnt. Willi geht als mongolischer Krieger, haha!

Für Olivias Fasching habe ich übrigens Tomaten-Mozarella-Spieße (keine Sticks!) gemacht, ohne Dressing oder Dip. Das hatte allerdings nichts mit Begrifflichkeiten zu tun - denn für das Wort Dip mache ich eine Anglizismus-Ausnahme, sonst müsste ich ja Tunke sagen. Es fehlte mir einfach die Zeit.

insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
LittleBoy 25.02.2017
1. Super!
Ich find die Verkleidung super. So mit den Begrifflichkeiten umzugehen und auf die Schippe zu nehmen, Respekt. Sowas braucht es öfter. Und mit den englischen begriffen bin ich auch ganz bei ihnen! Würde mich freuen, mehr hier zu lesen. :)
lord.speedy 25.02.2017
2. Danke!
Danke für diesen erfrischenen Artikel um und mit der deutschen Sprache! Ich finde es toll, das sie es auch Down-Syndrom nennen, heutzutage muß man selbst als behinderter Erwachsener (100 GdB / 100 v.H MdE G aG H) aufpassen, ob dies noch "richtig" ist. Leider ist das Wort "behindert" so negativ besetzt, ich selber sehe es eher als eine "Hinderung" an, die mich die Teilnahme am Leben der Normalos anders erscheinen läßt. So oberflächlich sieht man es mir nicht an, da seltenst im Rollstuhl gesessen, und maulfaul bin ich auch nicht. Ich nenne auch lieber "Ross und Reiter" - wenn jemand sehr dunkel erscheint, warum soll man das nicht so sagen dürfen? Meine philippinische Verlobte arbeitet z.Z. in Thailand, sicher schau ich da in ein dunkles Gesicht. Die Kinder in ihrer Schule wundern sich, dass meine 'weiße Farbe' nicht verschwindet - ist das jetzt Rassismus? Ich sage immer, es ist wichtig, das alle gesund sind, dass ist viel wichtiger als jegliche Fremdwörter! Viele Grüße aus dem sonnigen, heißen Theiland!
scooby11568 25.02.2017
3. Immer dieses Gejammere über Anglizismen...
Liebe Frau Müller, was soll dieser Artikel. Sie fragen sich, warum es Kita statt Kindergarten heißt und geben weiter unten gleich selber eine mögliche Antwort: um Zeit zu sparen, deswegen Dip statt Tunke. Sollte eigentlich auf für Fingerfood gelten, anstatt einen Halbsatz auf eine deutsche Umschreibung zu verschwenden.. Entscheiden Sie sich mal, was Sie eigentlich wollen. AGs gab es schon zu meiner Schulzeit in der 80ern, dass ist nun wirklich keine neue Erfindung. Und warum Sie politically correct schreiben anstatt politisch korrekt, erschließt sich mir auch nicht. Schließlich könnten Sie immerhin 2 Buchstaben sparen. Immerhin. Vielleicht müssen wir uns einfach daran gewöhnen, dass sich Sprache, wie Alles im Leben, eben verändert. Ich kann mich noch an das Geschrei erinnern, als das Wort geil plötzlich populär wurde. Hat die Nation auch überlebt.
scooby11568 25.02.2017
4. Genau, littleboy und lordspeedy...
auf in den Kampf gegen Anglizismen :-)
birte87 25.02.2017
5. In den 90ern haben wir schon Sticker gesagt
Ich stimme scooby absolut zu. Der Artikel ist unschlüssig, weil die Argumentation nicht konsequent ist. Selbst in der englischen Sprache gibt es neue Wörter, um neue Konzepte und Dinge zu beschreiben. Wenn die englische Sprache also manchmal schneller ist als die deutsche, warum sollten wir dann nicht einfach einige Wörter übernehmen? Wir sagen ja auch "Film" und nicht "Häutchen". Und wir haben Anfang der 90er Jahre schon *Sticker* (mit Glitzer, aus Stoff und in "3D") gesammelt und getauscht. Das ist nichts Neues. Weder die Aktivität noch das Wort.
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