Mein erstes Mal Katharina, 19, wählt den Bundespräsidenten

Am Sonntag stimmt Katharina Digel, 19, für den neuen Bundespräsidenten, die SPD schickt sie zum Gauck-Wählen in die Bundesversammlung. Am Montag beginnen ihre Abi-Prüfungen. Im Interview sagt sie, wie das ist, jüngste Wahlfrau zu sein.

Katharina Digel, 19, stimmt im Reichstag über den neuen Bundespräsidenten ab
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Katharina Digel, 19, stimmt im Reichstag über den neuen Bundespräsidenten ab


SPIEGEL ONLINE: Sie sind als Wahlfrau für die SPD in der Bundesversammlung und wählen am Sonntag den Bundespräsidenten. Am Montag steht das schriftliche Abi in Deutsch an. Ganz schön enger Zeitplan...

Digel: Ja, etwas weiche Knie habe ich schon, aber das ist wohl normal vor dem Abitur. In Deutsch bin ich ganz gut. Für die Wirtschaftsprüfung am Ende der Woche habe ich mir alles extra auf Karteikarten geschrieben, damit sie in meine kleine Tasche passen. Doch während der Wahl werde ich da nicht draufschauen - da will ich mich ganz auf das Verfahren konzentrieren.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie überrascht, dass die SPD-Fraktion des baden-württembergischen Landtages Sie zur Präsidentenwahl schicken will?

Digel: Das kam sehr plötzlich. SPD-Landeschef Nils Schmid hat seinen Wahlkreis in meiner Heimatstadt Reutlingen, er hat mich vorgeschlagen. Ich bin seit Jahren im Jugendgemeinderat unserer Stadt und setze mich in verschiedenen Projekten für Jugendliche ein. Darunter leidet auch immer wieder die Schule, besser als 2,0 werde ich im Abi wohl nicht werden.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie erfahren, dass Sie zu den 79 Wahlleuten aus Baden-Württemberg gehören?

Digel: Vor zweieinhalb Wochen rief mich Nils Schmids Wahlkreisbüroleiter an. Er fragte, was ich am 18. März mache und ob ich Lust hätte, nach Berlin zu fahren. Ich konnte es erst nicht glauben und habe mich riesig gefreut. Ich machte einen Luftsprung und meine Freundinnen, mit denen ich unterwegs war, guckten ganz irritiert. Es ist eine große Ehre, dass ich dafür ausgewählt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wer begleitet Sie?

Digel: Mein Freund, auch wenn der Bundestag sein Ticket natürlich nicht bezahlt. Er interessiert sich für Politik, ist aber in keiner Partei. Zu den Empfängen darf er mit, Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat uns für Samstag in die Landesvertretung in Berlin eingeladen, und es gibt einen Empfang bei der SPD.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht das, den Bundespräsidenten wählen?

Digel: Das lernen wir Delegierte am Samstag, da werden sie uns wohl den genauen Ablauf der Wahl erklären. Bisher weiß ich nur, dass während der Wahl jeder namentlich aufgerufen wird und dass ich dann nach vorne gehe, um meine Stimme abzugeben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sollen ja im Auftrag der Partei Joachim Gauck wählen - fühlen Sie sich als reines Stimmvieh?

Digel: Nein, ich finde ihn wirklich sympathisch. Er ist ein Mensch, der sich sehr für die Freiheit einsetzt, und ich denke, er wird ein offenes Ohr haben für alle Probleme, auch für die der jungen Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Jugendthemen hat sich Gauck bislang nicht profiliert.

Digel: Wenn man ein offener Mensch ist, ist man für junge Themen nie zu alt. Ich hoffe, dass das bei Joachim Gauck auch der Fall ist.

SPIEGEL ONLINE: Bei so viel Jugendarbeit für die Partei, ist Politikerin Ihr Traumberuf?

Digel: Ich will mich weiter engagieren, aber lieber ehrenamtlich. Als Berufspolitiker steht man zu sehr unter Beobachtung. Nach dem Abitur werde ich einen Sprachkurs in den USA machen, um mein Englisch aufzupolieren. Und dann will ich International Business studieren, wahrscheinlich hier in Baden-Württemberg.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie am Sonntagabend nach der Wahl - und einen halben Tag vor der ersten Abiprüfung?

Digel: Erst mal erzähle ich meinen Eltern, wie es war. Und dann hoffe ich, dass ich den Kopf freibekomme, für die Deutschprüfung. Vielleicht kann ich noch ein bisschen lernen, aber ich werde auf jeden Fall früh ins Bett gehen.

Das Interview führte Heike Sonnberger

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