Ganz harte Schule Wie ich die Spriet aufriggen sollte - und scheiterte

Elternhilfe im Segel-Feriencamp? Kein Problem, denkt sich unsere Autorin. Kurz danach fühlt sie sich wie in einer Strafkolonie. Und wünscht sich sehnlichst, dass die Sommerferien schneller zu Ende gehen.

Segelschüler in Aktion - der Sohn der Autorin ist auf diesem Symbolbild nicht mit dabei
Christian Charisius/ DPA

Segelschüler in Aktion - der Sohn der Autorin ist auf diesem Symbolbild nicht mit dabei

Eine Kolumne von Andrea Müller


Zehn Uhr morgens am Elbufer. Das feuchtschwüle Klima der letzten Ferientage treibt uns Eltern Schweißperlen auf die Stirn, während wir die Optimisten unserer Kinder aufbauen. Optimisten - kurz: Optis - sind ein Bootstyp für Kinder, viele von uns haben den Nachwuchs für ein paar Tage im Segelcamp angemeldet. Mein Sohn Ben ist auch mit dabei.

Gebräunte Väter in hellbeigen Shorts und Segelschuhen und emsige Elb-Mütter in kurzen Jeans und Flip-Flops bauen mit schlafwandlerischer Sicherheit die Segelboote auf wie Vier-Teile-Puzzles für Kleinkinder. Ganz so, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Nur ich versuche vergebens, den Mast aufrecht am Ende der Nussschale zu befestigen.

"Wie bekomme ich denn jetzt die Stricknadel mit dem roten Fähnchen auf den Mast?", frage ich den Vater neben mir. Der Wind wickelt mein Kleid inklusive Schleppleine des Bootes wie einen Kokon um mich. Der Segelvater zieht den Mast wieder aus der Öffnung und stellt ihn so auf, dass er durch zwei Löcher passt, von denen ich wohl eines übersehen hatte.

  • Hier schreiben abwechselnd Silke Fokken, Armin Himmelrath, Andrea Müller und Birte Müller über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

"Sofern du dich wieder bewegen kannst, kommt erst die Stricknadel mit dem Fähnchen, manche Leute nennen es übrigens Verklicker, oben rein. Und dann stellst du den Mast auf. Dann kommt da unten die Mastsicherung dran, und alles ist stabil." Ich bedanke mich und entschuldige mich für meine unpraktische Kleidung. Ich trage seit mehreren Jahrzehnten keine kurzen Hosen mehr.

Der Segelvater will wissen, ob ich das mit dem Schwert, Schot und Baumniederholer geregelt bekomme. "Na ja, die Bremse und den Lenker dranzumachen, das ist ja nicht so schwierig, oder?"

Toll, was der Mann alles weiß

Der Vater schüttelt den Kopf und bietet Ben an, sein Boot zu checken, ehe der arme Junge sich mit meiner Anti-Unterstützung und 25 Knoten auf die Elbe wagen muss: "Die Spriettakelung muss sitzen", sagt der segelkundige Vater, "die obere Sprietnock wird in die Schlaufe am Segel gesteckt. Bei Starkwind braucht man starke Unterliekspannung..." Toll, was du alles weißt, denke ich. Pro forma halte ich das Segel, während er das Ende der Querstange (Spriet) in eine Außenschlaufe quetscht.

Mir ist dabei beim letzten Mal ein Fingernagel abgerissen. Kein Wunder, dass mir die elterliche Mithilfe beim Aufbau der Optis seit jeher ein Rätsel ist. Und: Hätte ich beim ersten Elternabend direkt richtig nachgehakt, hätte ich meinen Sohn niemals dort angemeldet.

Damals hieß es: Ab und zu müssen Eltern eben mal Hand anlegen. Logo, kein Problem, als Eltern ist man schließlich Kummer gewohnt. Man denke an all die Extrajobs vom Laternenbasteln über Kuchenbüfetts zu diversen Jubiläen bis hin zur Polizisten-Assistentin beim Fahrradführerschein in der zweiten Klasse. All das habe ich schließlich ohne Mucksen hinter mich gebracht.

Zur Autorin
  • Yvonne Schmedemann
    Aufgewachsen in Süddeutschland, hat Andrea Müller als Katastrophenschülerin dann doch noch das Abi geschafft. Heute lebt sie mit ihren beiden Söhnen (10 und 15 Jahre alt) in Hamburg. Sie arbeitet als Gesellschafts-Journalistin für verschiedene Medien und ist wahnsinnig froh, dass sie selbst nicht mehr zur Schule muss.

Zugegeben: Ich konnte nicht bei allen Veranstaltungen glänzen. Da war beispielsweise das Weihnachtssterne-Basteln in der Kita, als mein Ältester anschließend einen Heulkrampf bekam, als er unseren Stern mit denen der anderen verglich.

Aber das hier - viermal pro Woche Aufbau plus Abbau, dazu Wochenendregatten, Extratouren und ein Feriencamp zu Zeiten, wenn andere noch schlafen - ist Diebstahl kostbarer Lebenszeit! Nur Seglern fehlt das Verständnis für die Schwere solcher Delikte. Weil ein Segler das Einsetzen einer Mastsicherung vielleicht als romantisches Detail der eigenen Leidenschaft empfinden mag - wie ein Jäger, der beim Reinigen seiner Flinte feuchte Augen bekommt. Nicht aufgrund einer Schmauchstaub-Allergie, sondern vor Rührung.

Das Ritual des Opti-Aufbaus erinnert mich an eine Therapie für Leute, die freiwillig ins Kloster oder barfuß über glühende Kohlen gehen. Menschen, die wegen ihrer elterlichen Bereitschaft zur Pflichterfüllung noch die allerschlimmsten Schmerzen einfach weglächeln. So wie ich meinen Bandscheibenvorfall, wenn ich einen Optimisten aus dem Fach ziehe.

Hoffnung auf das Hochgefühl des Segelns

Dazu kommt dann auch noch das Rumgesuche. Viel zu lange fahnde ich wie ein piemontesischer Trüffelhund im Materialschuppen nach Bändseln und Schwertern, sodass die anderen längst denken müssen: Klaut Bens Mama vielleicht Mastsicherungen? Was macht die überhaupt so lange in dem Schuppen, wo andere nur kurz rein- und wieder rausgehen? Abwegig sind solche Gedanken nicht, denn jede Kleinigkeit beim Segeln kostet ja mindestens immer gleich 40 Euro.

Um es klar zu sagen: Als Segelmutti bin ich eine Niete.

Jedes Mal, wenn ich die Gummimanschette von Bens "Troko" (Trockenanzug) über seinen Kopf ziehe, schreit er laut "Aua!" und schimpft, dass das wasserfeste, unfassbar teure Gummiding stinke und wahnsinnig ungemütlich sei. Ich hoffe, das legendäre Hochgefühl eines Seglers, der hart am Wind an riesigen Frachtern vorbei auf die Airbus-Werke zurast, erfasst ihn wenigstens von Zeit zu Zeit.

Inzwischen habe ich Bens Opti-Gruppe um die hundert Mal mit dem Handy gefilmt. Und überall herumgezeigt: "Guckt mal, der grüne Punkt dahinten, der mit dem schiefen Segel, das ist Ben..."

"Süß, sieht ja echt nach Spaß aus", sagen die Leute dann immer.

"Ja, schon", sage ich dann. "Vor allem für die Eltern."



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
ingbeti 14.08.2019
1. Glaubwürdig
ist, dass die Autorin sich selbst als ehemalige Kathastrophenschülerin vorstellt. Selten dämlich eben - und dann auch noch stolz darauf! Schlau allerdings ist, die eigene Dämlichkeit als Geschäftsgrundlage als Schreiberling*in zu vermarkten. Hat sie sich von Mister Bean abgeschaut, der ist allerdings ein Genie!
aneickhoff 14.08.2019
2.
Glückwunsch, kleiner Mann! Deine Mami hat es Dir ermöglicht, das Segeln kennen zu lernen, das ist das Einzige was zählt. Die Story drumherum ist sowieso zur Hälfte erfunden, Journalismus halt, egal. Viel Spaß!
signaturen 14.08.2019
3. Irgendwas ist immer
Keine Ahnung ob es mir ein Vergnügen gewesen wäre diesen "Job" zu machen, aber "gewöhnlichere" Freizeitbeschäftigungen der Ableher müssen nicht zwangsläufig besser sein. Wie habe ich es gehasst wenn der Kurze am Wochende zum Fußball ging. Selbst anpacken mußte man kaum, aber die Yetis am Spielfeldrand, gemeinhin Fußballeltern, waren einfach zum Fremdschämen. Ich hätte mich lieber eingewickelt oder mir ein paar Fingernägel abgebrochen als diese Wesen zu ertragen. Niederste Instinke vom Feinsten, Aufforderung lauthals über den Platz: "Hau ihn weg", "Auf die Knöchel", "Der ist schwul, tret in weg" waren da eher noch die harmloseren Aussagen. Dazu bierbäuchige Väter und solariengegerbte Mütter. Pro Secco und Pils als Reiseproviant. So etwa muß der kulturelle Untergang über uns kommen..
andreasclevert 14.08.2019
4. falscher Ort
Wir hatten gerade Katamarankurs Südspanien/Atlantik. Die Kids (9 und 11) durften alleine auf den Minikatamaran. Motorboot war dabei. Und wir Eltern entspannten :-)
jk1! 14.08.2019
5. Was sagt eigentlich
Ihre feministische Kolumnisten - Kollegin S. zu diesem outing?
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