Verwilderte Kinder Mit den Wölfen heulen

Sie wuchsen mit Hunden auf oder mit Hühnern, verwahrlost und wild: Die Fotografin Julia Fullerton-Batten hat Schicksale von Kindern inszeniert, die jahrelang in der Wildnis lebten. Ihre Aufnahmen sind dramatisch - und angreifbar.

Julia Fullerton-Batten

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Um es gleich vorwegzunehmen: Mit der Geschichte von Mogli, der unter Wölfen aufwächst und im Dschungel Abenteuer besteht, haben diese Fotografien nichts zu tun.

Es geht um verwilderte Kinder, vernachlässigt von ihren Familien, missbraucht, abgehauen von zu Hause, oder auch zu Hause eingekerkert, in Hundezwingern, Hühnerställen oder engen Räumen. Um tragische Fälle von Kindesmissbrauch also.

Manche der Kinder, von deren Schicksal sich die Fotografin Julia Fullerton-Batten inspirieren ließ, wuchsen mit Tieren auf. Mit Wölfen, Hunden, Hühnern, Affen. Alle hatten wenig bis keinen Kontakt zu anderen Menschen. Alle passten ihr Verhalten ihrer Umgebung an. Viele lernten nie sprechen oder laufen und schafften es später nicht, sich in die menschliche Gesellschaft einzufügen.

Fullerton-Batten hat 15 Geschichten von "verwilderten Kindern", wie sie das nennt, fotografisch inszeniert. Manche der Fälle liegen Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte zurück.

Zur Person
  • Julia Fullerton-Batten
    Die deutsch-britische Fotografin Julia Fullerton-Batten wurde 1970 in Bremen geboren. Sie wuchs in Deutschland und den USA auf, bevor sie mit 16 Jahren nach Großbritannien zog. In früheren Projekten griff sie häufig Themen wie Jugend, Liebe, Pubertät und Mutter-Kind-Beziehungen auf. Die 45-Jährige lebt in London.
Zum Beispiel die Geschichte des Jungen Sujit Kumar von den Fiji-Inseln, den seine Eltern in den Siebzigerjahren in einen Hühnerstall sperrten. Dort lebte er jahrelang - und verhielt sich später selbst wie ein Huhn. Er pickte nach seinem Essen, gackerte und hockte auf einem Stuhl wie eine schlafende Henne.

Oder die Geschichte von John Ssebunya aus Uganda: Er sah als Dreijähriger, wie sein Vater seine Mutter ermordete, und floh 1988 in den Dschungel, wo er drei Jahre lang mit Affen lebte und sich von Wurzeln und Nüssen ernährte.

"Abwechselnd abgestoßen und fasziniert"

Solche Fälle haben die Öffentlichkeit damals wie heute interessiert. Manche Kinder wurden später von Forschern verfolgt, die ihr Verhalten studieren wollten. Auch die Fotografin Fullerton-Batten spürte diese Anziehung: "Als Mutter zweier kleiner Söhne war ich abwechselnd abgestoßen und fasziniert, als ich zum ersten Mal von verwilderten Kindern hörte." Sie habe die Kinder für ihren zähen Überlebensinstinkt bewundert.

Sie suchte sich junge Models, um die Schicksale künstlerisch zu inszenieren. Sie richtete ihre jungen Darsteller her, bis sie halbnackt, dreckig, vernarbt, verwahrlost aussahen. "Mehrere Eltern fanden die Aufnahmen verstörend", sagt Fullerton-Batten. Sie hätten daran gezweifelt, ob sie ihr Kind mitmachen lassen sollten. "Sie willigten aber doch alle ein, als sie hörten, dass ich mit dem Projekt das weltweite Bewusstsein für verwahrloste Kinder und ihr Leid schärfen will."

Es ging der Fotografin nicht darum, Erlebtes nachzustellen: Sie habe vielmehr die Gefühle und Erlebnisse der verwahrlosten Kinder interpretieren und vermitteln wollen, sagt Fullerton-Batten.

Es sind Aufnahmen entstanden, die Gemälden gleichen. Sie sind angreifbar, weil sie einen subjektiven, hochstilisierten und verklärenden Blick auf einige sehr tragische Kinderschicksale werfen. Doch machen Sie sich selbst ein Bild: Hier sind 15 Porträts und die Geschichten, die Fullerton-Batten dazu recherchiert hat.



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