Kinderpfarrer in Washington Gottes elfjähriges Sprachrohr

Er spielt gern Computer und schaut gern Tennis, doch am liebsten predigt er: Ezekiel Stoddard wurde in Washington zum Pfarrer geweiht - dabei ist er gerade mal elf Jahre alt. Seine Eltern befeuern die klerikale Kinderkarriere. Machen sie ein Geschäft mit ihrem frommen Sohn?

Marie-Astrid Langer

Von Astrid Langer, Washington D.C.


Als Ezekiel sieben Jahre alt war, hatte er einen Traum: Darin saß er auf einer Wiese an einen Baum gelehnt, und eine Stimme sprach zu ihm: "Ich habe einen Plan für dich, du sollst in meinem Namen predigen." Dass das Gott sein musste, war für Ezekiel sofort klar. Schließlich habe man nur selten Träume, in denen nichts vorkomme außer einer lauten, klaren Stimme. So erzählt er es.

Eine Woche später habe ein Pfarrer aus einer Nachbargemeinde angerufen und gefragt, ob Ezekiel und seine ältere Schwester Corinne bei ihnen predigen wollten. "Dabei kannten wir den Mann gar nicht!" Woher er die Nummer der Familie hatte, können sich die beiden nicht erklären.

Es ist wohl kein Zufall, dass es wie ein Wunder klingt. Damals jedenfalls habe er gewusst, dass Gott Großes mit ihm vorhabe, sagt Ezekiel Stoddard, heute elf Jahre. Er sieht ein bisschen merkwürdig aus mit seinen 1,40 Metern, wie er einen schwarzen Anzug trägt, dazu eine goldene Krawatte, und ernst blickt. Seit jenem Tag predigte Ezekiel gelegentlich in Gemeinden in seiner Heimatstadt Washington D.C., seine Eltern Adrienne Smith und Vasconcellas Stoddard, beide Pastoren, sind immer mit dabei.

Wie groß ist der Druck von den frommen Eltern?

Sein Vater sowie einige andere Pastoren haben ihn Mitte Juni schließlich zum Pfarrer geweiht. In einer christlichen Freikirche, wie die Pfingstkirche von Ezekiel und seiner Familie eine ist, darf jeder ordiniert werden, rechtlich ist auch bei Elfjährigen nichts einzuwenden. Denn die US-Verfassung verbietet den Bundesstaaten, sich bei Religionsfragen einzumischen. Noch dazu ist die Pfingstkirche der Familie nicht konfessionsgebunden, was ihnen noch mehr Freiheiten lässt. Die Familie glaubt zum Beispiel an eine fast wörtliche Auslegung der Heiligen Schrift.

Pfarrer Ezekiel spricht jeden dritten Sonntag zur Gemeinde. Von einem Pult aus, über das er kaum hinwegschauen kann, predigt er, wie Jesus von seinen Jüngern zurückgewiesen wurde oder über seinen Lieblingspsalm 23, "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln". Seine Reden bereitet Ezekiel sorgfältig vor. Aber wie groß ist der Druck der Eltern? "Wir helfen bei den Feinheiten, aber die Ideen und die Haupttexte stammen von ihm", sagt Vater Vasconcellas.

Außerhalb der Kirche versucht Ezekiel, das Kindsein nicht zu vergessen, wie er selbst sagt. Er spielt gern Computer, Klavier oder Schlagzeug, oder er schaut im Fernsehen Serena und Venus Williams beim Tennis zu. Zwei bis drei Stunden pro Tag liest er aber auch in der Bibel, studiert und analysiert die einzelnen Psalmen und sucht nach neuen Ideen für Predigten - überprüfen lässt sich das freilich nicht.

Er singt mit drei Geschwistern außerdem im Gospelchor "God's Blessings, No Chains Holding Me Down", auf Deutsch etwa "Gottes Segen, keine Ketten halten mich zurück". Mittlerweile sind sie über die Stadtgrenzen Washingtons hinaus bekannt, traten in einer bekannten US-Gospelsendung auf und verlangen Eintritt.

"Mein bester Freund ist Jesus"

Ein elfjähriger Pfarrer, das hat nicht nur in Washington Wellen geschlagen. Die "Washington Post" und die BBC haben unter anderem über ihn berichtet. Einige Medien gaben Ezekiel den Spitznamen "pint-sized preacher", also bierglasgroßer Pfarrer. Auf YouTube stehen zahllose Videos von seinen Auftritten. 400 davon hat allein seine Mutter Adrienne Smith hochgeladen, oft versehen mit Konzerthinweisen und einer Telefonnummer, unter der man Ezekiel für Predigten buchen kann.

Ezekiels Predigt: Mobilnutzer gelangen hier zum Youtube-Video

Macht da eine Familie ein Geschäft mit ihrem Sohn? Manche Leute in der Gemeinde würden ihnen vorwerfen, sie würden Ezekiel zwingen, sagt der Vater. Der Gedanke ist nicht abwegig: Es gab bereits einige Fälle von Kinderpfarrern, die aus Zwang predigten. Einer der bekanntesten ist der Amerikaner Marjoe Gortner, der später enthüllte, er habe nie an Gott geglaubt und es nur seinen Eltern zuliebe und für Geld getan. Dem Vorwurf, seine Eltern trieben ihn an, widerspricht Ezekiel heftig. "Ich will das tun, ich will zu den Menschen predigen", sagt er.

Auch in der Gemeinde musste Ezekiel Kritik einstecken, seit er zum Pfarrer geweiht wurde. "Du bist zu jung" oder "Geh nach Hause und spiel", raunten ihm Erwachsene zu. Auch in der Schule reagierten viele Klassenkameraden mit Unverständnis. "Die haben gesagt: 'Du bist jetzt nicht mehr cool, wir wollen nicht mehr mit dir rumhängen!' und solche Dinge, das hat mich richtig schockiert", sagt Ezekiel. "Ich habe immer noch Freunde, aber mein bester Freund ist Jesus."

Ein Laster habe er aber auch, gesteht er: Auf seinem Balkon gebe es ein Loch, in dem sich kleine Eidechsen versteckten, und die fange er gern ein. "Das macht so viel Spaß", sagt er und lacht ausnahmsweise laut auf. Ansonsten wählt Ezekiel seine Worte mit Bedacht und schaut seinem Gegenüber die ganze Zeit in die Augen.

Seit diesem Schuljahr unterrichtet Mutter Adrienne ihn und seine Geschwister zu Hause, in den USA keine Seltenheit. Sie finde, die Kinder würden in der Schule nicht genug lernen. Zehn Kinder hat das Ehepaar, vier studieren bereits. Dass ihr Bruder zum Pfarrer geweiht wurde, hat seine Geschwister zunächst überrascht. "Als ich Ezekiel dann reden gehört habe, war ich froh, dass er Gottes Ruf gefolgt ist", sagt seine Schwester Corinne, 15.

Ganze Gottesdienste darf Ezekiel noch nicht halten, auch Beerdigungen und Hochzeiten begleitet er bisher nur. "Dafür ist er noch zu jung", sagt seine Mutter. Für die Zukunft hat Ezekiel schon Pläne: Er möchte den Gospelchor weiterbringen und irgendwann eine eigene Gemeinde haben. Für den Jüngsten der Familie, Micah, ist klar, dass er in die Fußstapfen seines großen Bruders treten will. Mit der zarten Stimme eines Siebenjährigen, leicht lispelnd, sagt er: "Ich arbeite an meinen eigenen Predigten und hoffe, dass auch ich bald geweiht werde."

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Seite 1
Hotte Hitzig 11.10.2012
1. Optional
Zitat von sysopMarie-Astrid Langer Er spielt gern Computer und schaut gern Tennis, doch am liebsten predigt er: Ezekiel Stoddard wurde in Washington zum Pfarrer geweiht - dabei ist er gerade mal elf Jahre alt. Seine Eltern befeuern die klerikale Kinderkarriere. Machen sie ein Geschäft mit ihrem frommen Sohn? http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/kinder-pfarrer-in-den-usa-elfjaehriger-predigt-in-washington-a-858515.html
Es sieht zwar danach aus, aber ich kann nicht sagen ob sie ihn ausnutzen und nur Kohle machen wollen, dafür ist die Informationslage zu dünn. Meiner Meinung nach nehmen Sie ihrem Kind aber auf jeden Fall die Kindheit. Ich denke die Eltern haben ganz andere Beweggründe. Ich halte sie für fanatische Christen. Meine Töchter wollten mit 7 Jahren auch Popstar werden, trotzdem habe ich sie nicht, a la Britney Spears "gefördert". Wenn ich lese das die Familie an eine fast wörtliche Auslegung der Bibel glaubt und der Junge seit diesem Jahr nicht mal mehr in eine "normale" Schule geht, kommen in mir schon Vergleiche mit Koranschulen und der entsprechenden Indoktinierung der dort "betreuten" Kinder hoch. Auch dies ist eine Form von Fundamentalismus bzw. Extremismus.
BettyB. 11.10.2012
2. Seltsame Frage...
Seit Anbeginn kümmern sich die Interpreten Gottes um ihr Einkommen, Was sollte daran neu sein? Lustig nur, dass dieser angeblich ´einzige Gott´ nicht in der Lage ist, mit seinen ´Sprachrohren´ eindeutig zu kommunizieren, denn sonst gäbe es wohl nicht so viele unsinnige Interpretationen...
Atheist_Crusader 11.10.2012
3.
Zitat von sysopMarie-Astrid Langer Er spielt gern Computer und schaut gern Tennis, doch am liebsten predigt er: Ezekiel Stoddard wurde in Washington zum Pfarrer geweiht - dabei ist er gerade mal elf Jahre alt. Seine Eltern befeuern die klerikale Kinderkarriere. Machen sie ein Geschäft mit ihrem frommen Sohn? http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/kinder-pfarrer-in-den-usa-elfjaehriger-predigt-in-washington-a-858515.html
Göttliche Visionen sind in den USA ja Gang und Gäbe. Drei der republikanischen Präsidentschaftskandidaten hatten angegeben, dass Gott ihnen die Kandidatur befohlen hätte. Erwachsene Menschen sind für ihre geistigen Aussetzer ja selbst verantwortlich, aber ich finde es schon traurig, wenn Kinder derart indoktriniert sind... und auch noch alle glauben, dass das was Gutes sei.
udo46 11.10.2012
4. Kindesmissbrauch
Zitat von Hotte HitzigEs sieht zwar danach aus, aber ich kann nicht sagen ob sie ihn ausnutzen und nur Kohle machen wollen, dafür ist die Informationslage zu dünn. Meiner Meinung nach nehmen Sie ihrem Kind aber auf jeden Fall die Kindheit. Ich denke die Eltern haben ganz andere Beweggründe. Ich halte sie für fanatische Christen. Meine Töchter wollten mit 7 Jahren auch Popstar werden, trotzdem habe ich sie nicht, a la Britney Spears "gefördert". Wenn ich lese das die Familie an eine fast wörtliche Auslegung der Bibel glaubt und der Junge seit diesem Jahr nicht mal mehr in eine "normale" Schule geht, kommen in mir schon Vergleiche mit Koranschulen und der entsprechenden Indoktinierung der dort "betreuten" Kinder hoch. Auch dies ist eine Form von Fundamentalismus bzw. Extremismus.
Das ist nicht nur Fundamentalismus und Extremismus, das ist Kindesmissbrauch.
Atheist_Crusader 11.10.2012
5.
Zitat von sysopMarie-Astrid Langer Er spielt gern Computer und schaut gern Tennis, doch am liebsten predigt er: Ezekiel Stoddard wurde in Washington zum Pfarrer geweiht - dabei ist er gerade mal elf Jahre alt. Seine Eltern befeuern die klerikale Kinderkarriere. Machen sie ein Geschäft mit ihrem frommen Sohn? http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/kinder-pfarrer-in-den-usa-elfjaehriger-predigt-in-washington-a-858515.html
Selten so ein trauriges Statement gehört.
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