Kinderbräute in Georgien Zu jung, um erwachsen zu sein

Sie heiraten als Teenager einen fast unbekannten Mann, geben ihr gewohntes Leben auf und werden zu Hausfrauen und Müttern: Die Fotografin Myriam Meloni hat Kinderbräute in Georgien getroffen.

Myriam Meloni

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Eigentlich träumte Tamuna davon, Tänzerin zu werden. Doch als sie 15 Jahre alt war, wurde sie mit einem fremden Mann verheiratet - und schwanger. Nach einem Monat fing ihr Mann an, sie zu schlagen. Auch die anderen Familienmitglieder ließen ihren Ärger an der jungen Frau aus, wenn diese nicht schnell genug ihren Pflichten nachkam. Drei Jahre nach ihrer Eheschließung flüchtete sie mit ihrem Sohn zu ihren Eltern.

Tamunas Schicksal ist kein Einzelfall in Georgien: Nicht selten werden minderjährige Frauen mit älteren Männern vermählt, die sie vorher nicht oder kaum kannten. Die Fotografin Myriam Meloni hat gemeinsam mit der Journalistin Elena Ledda zehn dieser Kinderbräute getroffen.

Kontakt zu den Jugendlichen bekamen sie über Nichtregierungsorganisationen, Sozialarbeiter und Erzieher. Um mit den jungen Frauen sprechen zu dürfen, mussten Ledda und Meloni allerdings zuerst das Einverständnis der Schwiegereltern, des Ehemannes und der Kandidatinnen selbst einholen.

"Die Mädchen waren ziemlich schüchtern, während ihre Angehörigen mit im Raum waren", sagt Meloni. Sie und Ledda mussten daher Strategien entwickeln, wie sie mit den jungen Frauen allein sein konnten, ohne die anderen Familienmitglieder zu beleidigen. "Nur so konnten wir ein ehrliches Gespräch führen."

Bei den Fotos legte Meloni den Fokus auf die jungen Frauen selbst, zeigt sie meist in ihrem Zuhause, mit ihren Kindern im Arm oder mit anderen Angehörigen. Manche der Mädchen bleiben allerdings unsichtbar: Anstelle der 16-jährigen Naila durfte Meloni nur Kürbisse fotografieren - ihr Ehemann verbot es, Fotos von ihr zu machen.

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Erzwungene Verbindung: Georgiens junge Bräute

Gesetzlich liegt das Mindestalter für eine Heirat in Georgien zwar bei 18 Jahren - doch die Familien umgehen dies: Viele Paare heiraten heimlich und lassen die Ehe erst Jahre später offiziell eintragen.

Doch warum lassen sich so viele Mädchen darauf ein, obwohl sie nicht unbedingt in die Ehen gezwungen werden? Für viele von ihnen ist es normal, dass ihre Eltern für sie einen Ehemann aussuchen, denn so war es schon bei ihrer Mutter, Oma und Urgroßmutter.

"Es ist eine jahrhundertealte Tradition, die sich nicht auf eine Region oder Religion beschränkt, sondern kulturell bestimmt ist", sagt Meloni. "Armut, Arbeitslosigkeit, fehlende Bildung und religiöse Praktiken sowie verwurzelte patriarchalische Werte gehören aber auch zu den Hauptmotiven", sagt Meloni.

Nach der Heirat hören viele dieser Mädchen auf zur Schule zu gehen, Bildung brauchen sie laut den Familien nicht mehr: Sie ziehen in das Haus der Schwiegereltern und sollen sich ganz den familiären und häuslichen Tätigkeiten widmen. Damit verlieren sie die Möglichkeit zur wirtschaftlichen und sozialen Unabhängigkeit.

"Um diese Ehen zu verhindern, müssen nicht nur Gesetze geändert werden, sondern auch kulturell und sozial Veränderungen stattfinden", fordert Meloni. Doch bis dahin sei es noch ein langer Weg.



insgesamt 9 Beiträge
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Freidenker10 21.10.2018
1.
Um aus den traditionellen Lebensweisen vieler Kulturen auszubrechen bedarf es Mut und der fehlt offensichtlich den allermeisten, vor allem den Frauen! Die patriachalen Gesellschaften sind reine Männergesellschaften, aber wer zieht die Kinder denn groß und erzieht sie in deren Sinn?
ford_mustang 21.10.2018
2. Das Gesetz,...
gibt es doch schon her. Heirat erst ab 18! Muss halt auch durchgesetzt werden. Ab hier wird es dann allerdings schwierig.
Nania 21.10.2018
3.
Woher sollen die Frauen den Mut auch bekommen? Solche Veränderungen brauchen Zeit und die Unterstützung von Staat und großen Teilen der Gesellschaft. Es ist keine große Erkenntnis, dass es Frauen sind, die Männer zu Machos erziehen, es ist keine große Erkenntnis, das Mütter großen Einfluss darauf nehmen, wie sich die eigene Tochter entwickelt. Wenn allerdings Frauen/Mädchen schon mit einem fest vorgefügten Weltbild aufwachsen, weil das eben schon seit Jahrhunderten so gehandhabt wird - dann entwickeln sie kein eigenes Selbstbild, was diese althergebrachten Strukturen über den Haufen wirft. Das erfordert dann nämlich auch die Möglichkeit, Mut zu entwickeln und dazu braucht es eine Mutter, die schon den Mut aufbringt, die Struktur zu durchbrechen.
tolia 21.10.2018
4. So was
Ich bin gebürtige Georgierin und ich habe erst im Alter von 30 geheiratet und meine Eltern hatten nicht einmal im Sinne, mich im Alter von 15 zu verheiraten. Georgien hat sehr viele ethnische Minderheiten mit eigenen Gebräuchen... Ich stimme zu, dass keine Frau, egal zu welcher Religion und zu welcher Nationalität sie angehört, verdient hat, zwangsverheiratet zu werden. Im 21 Jahrhundert dürfte so etwas nicht mehr passieren. Aber man darf nicht diese erschreckende Wirklichkeit als gesamt georgische Missstände "verkaufen". Als ob jede Georgierin zwangsverheiratet würde.... Das kann nicht sein....
cobaea 21.10.2018
5.
Zitat von Freidenker10Um aus den traditionellen Lebensweisen vieler Kulturen auszubrechen bedarf es Mut und der fehlt offensichtlich den allermeisten, vor allem den Frauen! Die patriachalen Gesellschaften sind reine Männergesellschaften, aber wer zieht die Kinder denn groß und erzieht sie in deren Sinn?
Als ob Erziehung im luftleeren Raum stattfände! Wenn man in Europa sicher sitzt, kann man gut anderen Mut absprechen! Diese Jungmädchenehen werden ja vor allem auf dem Land geschlossen (siehe die Anmerkung zu Tiflis). Die Bildung der Eltern der Paare dürfte sich eher im unteren Bereich befinden - es werden kaum Akademiker oder Managerpaare darunter sein. Das bedeutet, 1. müsste die Mutter - hier: die sehr junge Mutter - eine andere Erziehung für möglich halten. 2. müsste sie die dann auch noch umsetzen können, innerhalb von Familien, die an einer Änderung nicht interessiert sind. Da die Mädchen-Mütter nicht nur (oft) patriarachalische Ehemänner, sondern auch im selben Haushalt lebende, von der Situation und dem Gehorsam der jungen Frauen profitierende Schwiegereltern haben, dürfte eine andere Erziehung schwierig werden. 3. Die Eltern der jungen Frauen unterstützen diese althergebrachten Geschlechterrollen (sonst hätten sie ihre Tochter ja kaum so früh verheiratet). Die jungen Mütter dürften also auch dort kaum Unterstützung für eine andere Erziehung der eigenen Kinder finden. 4. Bricht eine solche junge Mutter aus dem für sie vorgesehenen Rahmen aus, wird sie wohl sozial isoliert werden und sich alleine durchschlagen müssen - ohne Ausbildung, mit Kind(ern), in einem ländlichen, strukturschwachen Gebiet. Mit Mut alleine ist es da nicht getan.
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