Studie zu Kindergeld und Co. Geld wird für Kinder ausgegeben - nicht für Alkohol

Schnaps statt Sport, Flachbildschirm statt Früherziehung? Eine Studie widerlegt Vorurteile über die Verwendung von staatlichen Leistungen.

Mehr Vereinssport und Musikunterricht und ein Plus bei der externen Betreuung: Kinder profitieren laut einer Studie direkt von staatlichen Leistungen wie dem Kindergeld. Das hat eine Untersuchung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung  im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ergeben.

Die Autoren haben bei ihrer Analyse geprüft, ob sogenannte Direktzahlungen bei den Kindern ankommen - oder von den Eltern zweckentfremdet werden, etwa für Alkohol, Tabak oder Unterhaltungselektronik.

Die wichtigsten Ergebnisse:

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass Eltern finanzielle Leistungen wie das Kindergeld sinnvoll für Bildung, Betreuung und Freizeitaktivitäten ihrer Kinder sowie zum Wohnen einsetzen. Ein massiver Missbrauch der Gelder sei nicht nachweisbar.

Für das Landeserziehungsgeld stellten die Forscher fest, dass Haushalte mit einem entsprechenden Anspruch ihre Arbeitszeit reduzieren. Sie erkaufen sich mit dem Geld also Zeit für die Kinder, so wie es von der Politik bei der Einführung der Leistung vorgesehen war.

Beim Kindergeld kommt die Studie hingegen zu dem Ergebnis, dass sich die Zahlung nicht auf die Arbeitszeit auswirkt. Eltern gehen demnach nicht weniger arbeiten, wenn sie mehr Kindergeld bekommen. Dafür steige bei einer Erhöhung des Kindergelds um 100 Euro die Wahrscheinlichkeit, dass

  • ein Kind eine Kinderbetreuung besuche um fünf Prozentpunkte;
  • es zum Sport geht um acht Prozentpunkte und
  • es Musikerziehung bekommt um sieben Prozentpunkte für Kinder unter sechs Jahren und um elf Prozentpunkte für die Sechs- bis 16-Jährigen.
  • Die Ausgaben für Miete steigen bezogen auf 100 Euro Kindergeld um 14 Euro, die Wohnfläche wächst im Schnitt um gut zwei Quadratmeter.

Bei beiden Leistungen können die Forscher

  • keine Auswirkungen auf den Kauf oder Besitz von Unterhaltungselektronik feststellen.
  • Auch der Alkoholkonsum steige dadurch nicht.
  • Lediglich beim Tabakkonsum habe es vor 2008 Anzeichen für einen Anstieg gegeben. Demnach war für Frauen, die Landeserziehungsgeld bekommen haben, die Wahrscheinlichkeit zu rauchen erhöht. In den vergangenen zehn Jahren sei dies aber nicht mehr festzustellen. Beim Kindergeld sei der Anteil der Raucher zwar nicht gestiegen, aber Männer, die bereits rauchten, hatten ihren Zigarettenkonsum laut der Studie erhöht. Diesen Effekt gebe es seit 2007 nicht mehr. Die Wissenschaftler schlussfolgern daraus, dass der Missbrauch auch in Zukunft unwahrscheinlich ist.

Forderungen der Forscher

Die Studie liefert damit Argumente, das sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket zu überarbeiten. Die Unterstützung für Familien, die schon Sozialhilfe, Wohn- oder Arbeitslosengeld beziehen, wurde bereits 2011 eingeführt. Allerdings kommen die extra zu beantragenden Zuschüsse für Schulessen, Nachhilfe, Musikunterricht oder Vereinssport nur bei gut einem Viertel der Berechtigten an. In Hartz-IV-Familien ist es laut einer aktuellen Auswertung der Wohlfahrtsverbände sogar nur jedes siebte Kind.

Dass das Bildungs- und Teilhabepaket mehr schlecht als recht funktioniert, ist seit Langem bekannt. Bereits in dem von der Bundesregierung vor zwei Jahren veröffentlichten Evaluationsbericht  wurde deutlich, dass viele Leistungen kaum genutzt werden. Die Gründe: Die Beantragung ist oft zu kompliziert, die Hürden zu hoch - oder die Zuschüsse zu niedrig, um etwa tatsächlich Musikunterricht und ein Instrument bezahlen zu können.

Mehr Geld für arme Familien

Zudem gehen etwa 30 Prozent der Gelder für den Verwaltungsaufwand drauf, berichtet die Bertelsmann Stiftung. Das Geld müsste stattdessen direkt bei armen Kindern, Jugendlichen und ihren Familien ankommen, um die Kinderarmut zu bekämpfen.

Jörg Dräger, Vorstand der Stiftung, fordert dazu die Einführung eines Teilhabegelds. Es solle alle bisherigen Leistungen wie Kindergeld, Teilhabepaket und Kinderzuschlag ersetzen. Allerdings solle der Betrag mit steigendem Einkommen der Eltern sinken: "Anders als das Kindergeld erreicht es so gezielt arme Kinder und Jugendliche", so Dräger.

Die Studie hätte gezeigt, dass direkte finanzielle Leistungen für Familien sinnvoller sind als aufwendig zu beantragende Sachleistungen. "Eltern sollten nicht unter Generalverdacht gestellt werden", so Dräger. Er fordert eine Beweislastumkehr: "Der Staat sollte den Eltern vertrauen und Entmündigung sollte nicht zur Regel werden."


Zusammengefasst: Staatliche Gelder wie das Kindergeld kommen laut der Studie direkt bei den Kindern an. Eltern geben es für Bildung, Betreuung und Freizeitaktivitäten ihrer Kinder aus und investieren es in größeren Wohnraum. Die Wissenschaftler fordern deshalb die Abschaffung von extra zu beantragenden Geldern wie denen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. Damit ließen sich Verwaltungskosten sparen und mehr arme Kinder und Jugendliche erreichen.

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