Kinderreporter im Bundestag Vorsicht Frage!

"Wieso, weshalb, warum?" Wenn Maira, Anai, Jan und Ruben, alle elf Jahre alt, Politiker interviewen, gibt Roland Koch den netten Onkel, und sogar Guido Westerwelle versucht, verständlich zu sprechen. Meist geht's nach hinten los - die Kinderreporter haken unbarmherzig nach.

Von Alexander Linden


Am Anfang waren sie sehr, sehr aufgeregt. Wenn der Fahrstuhl sich öffnete und all die wichtigen Politiker herausströmten, das Blitzlichtgewitter den Raum erhellte. Was für eine Herausforderung! Koch, Gysi, Westerwelle, wie sie alle heißen. Maira, dunkle Haare, aufgeweckte Augen, weiß noch genau, wie sie sich beim ersten Mal fühlte: "Meine Stimme war zittrig, das war ziemlich unprofessionell, aber wir haben den Take wiederholt, und dann lief es auch."

Nur das große Mikro mit dem blauen Puschel von der ARD, das macht ihr bis heute Schwierigkeiten: "Man muss aufpassen, dass man das direkt unters Gesicht hält - manchmal schwenke ich es so rum, dann reden die Leute dran vorbei."

"Browser? Was ist nochmal ein Browser?"

Maira spricht wie ein Profi, der glaubt, nichts könne ihn mehr schocken. Dabei ist sie wie ihre Kollegen Anai, Jan und Ruben gerade elf Jahre alt. Alle kommen aus Berlin und sie gehören seit zwei Jahren zum Team der ARD-Kinderreporter. Zweimal im Jahr haben sie ihren großen Auftritt. Dann gehen sie in den Deutschen Bundestag und stellen den Mächtigen des Landes Fragen. Seit 1998 gibt es die ARD-Kinderreporter, jetzt haben sie ihren festen Platz im "Morgenmagazin". Wenn sie losziehen, entsteht jedes Mal eine kleine Serie von je sieben Minuten, die eine Woche lang täglich ausgestrahlt wird.

In den vergangenen zwei Jahren hatten sie fast alle Regierungsmitglieder, außerdem die Chefs der Opposition vor den Mikros. Für die Politiker eine knifflige Situation: Wer spricht, wie er immer spricht, kann schnell steif und hölzern wirken. Wer wie der Kindergärtner oder die Tante mit den Lutschbonbons auftritt, macht sich noch mehr zum Gespött.

Einmal fragten die Kinderreporter nach Computer und Internet - prompt stürzte bei den Politikern die Festplatte ab: "Browser? Was ist noch mal ein Browser?", fragte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries. "Haben Sie einen Computer, Herr Ströbele?" - "Ja, leider ja." Er sei auch schon einmal, nein, zweimal ins Internet gegangen, sagte Christian Ströbele von den Grünen dann. Eine Startseite habe er aber noch nicht: "Ich weiß gar nicht, was das ist."

"Frau von der Leyen war echt enttäuschend"

"Die Fragen denken wir uns selber aus", sagt Anai stolz. Zwar würden sie schon von den Autoren unterstützt, aber "wir fragen, was wir wollen, was uns interessiert".

Zur Umwelt müssen die Politiker etwas sagen, oder zur Europapolitik. Aber auch zum heimischen Balkon oder was passiert, "wenn Sie mal richtig wütend sind, Herr Müntefering?" Die meisten Politiker seien sehr witzig, sagen die Kinderreporter. Aber manche, oft genau die, von denen man es nicht erwartet, auch sehr hölzern. "Also, die Frau von der Leyen war echt enttäuschend", sagt Anai und trommelt mit den Fingern auf dem Tisch. "Die hat uns behandelt, als ob wir begriffsstutzig wären."

Genau das sei die Falle, in die viele Politiker tappen, sagt Anke Lehmann vom Team der Kinderreporter: "Die meisten unterschätzen die Kinder. Die rechnen nicht damit, dass da auch mal nachgehakt wird." Da zeige sich dann, wie schwer es manchen falle, ihre Sprache zu vereinfachen, komplizierte Dinge anschaulich zu erklären.

Besonders gut konnte das Vizekanzler Franz Müntefering - der war lustig und natürlich, sagen Anai und die anderen; sie nennen ihn liebevoll "Münte".

Weiß einer nicht weiter, springt die andere ein

Bevor sie ihn befragen konnten, hatten sie den ganzen Tag vor dem Fraktionssaal gewartet, um die Politiker abzupassen. Maira lacht, als sie sich daran erinnert. "Dann kam Peter Struck und hat uns erzählt: 'Münte hat heute Geburtstag'. Wir haben 'Happy Birthday' gesungen, als er aus dem Fahrstuhl kam, und alle haben mitgemacht, das war super!" Langweilig sei es ihnen nie geworden, es könnte ewig so weitergehen, auch wenn Journalismus nicht unbedingt das ist, was sie für immer machen wollen.

"Wir haben lange gesucht, um so aufgeweckte Jungs und Mädchen zu finden; geht es nach mir, bleiben die vier weiter an Bord", sagt Martin Hövel vom ARD-"Morgenmagazin". Zweimal im Jahr schickt er Maira und die anderen in den Bundestag. Jetzt im Oktober geht es wieder los, gegen Ende des Jahres sind sie dann im "Morgenmagazin" zu sehen.

Um dabei sein zu können, mussten sie in drei Auswahlrunden Rede und Antwort stehen und vor der Kamera üben. "Die vier haben uns von Anfang an überzeugt", sagt Bernadette Hauke vom "Morgenmagazin". "Wir wählen bewusst nur Berliner Kinder aus und halten den Kontakt das ganze Jahr über, auch zu den Eltern." Ohne deren Einverständnis gehe sowieso nichts. Wer mitmachen will, sollte schon mehr als eine Sprache lernen, die Noten sollten gut sein, der Ausdruck ohnehin.

Und die Mitschüler? Gucken die komisch? "Wir gehen fast alle in die gleiche Klasse, das ist schon okay, es ist ja auch nur zweimal im Jahr. Die anderen fragen schon nicht mehr", sagt Maira.

Am besten war die Künast

Sind die vier im Einsatz, halten sie gut zusammen - weiß einer nicht mehr weiter, übernimmt sofort eine andere. Für die Polit-Profis kann das schweißtreibend werden. Ins Schleudern kam Matthias Platzeck, als er den Treibhauseffekt erklären wollte. Und auch Sigmar Gabriel musste beim Thema Umwelt etwas zu lange überlegen.

Die Politiker kommen nicht immer gut weg - und finden die ganz jungen Reporter trotzdem super. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt: "Kinder sind die geborenen Journalisten. Das selbstbewusst-skeptische 'Wieso?' kennen doch alle Eltern." Sie stand schon ein paar Mal vor dem Mikro der Kinderreporter.

Am meisten beeindruckt ist die Viererbande von Renate Künast: "Die war echt schlagfertig, hat super argumentiert", sagt Anai. Maira nickt zustimmend. "Auch dieser Platzeck hat es am Ende gut gemacht." Schlechte Noten bekommt SPD-Fraktionschef Peter Struck, der die vier unterschätzte. "Der hat da mit Fußballbeispielen angegeben, was er für ein toller Spielführer ist." Maira verdreht die Augen: "Manche lernen es nie."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.