Kinderzirkus im Berliner Kiez Stars für einen Tag

Ein Mitmachzirkus im Berliner Problemviertel Neukölln macht die Manege frei für Zuwandererkinder. Sie sollen Werte lernen, von denen sie zu Hause und in der Schule wenig mitbekommen: Selbstbewusstsein, Leistung, Teamgeist, Kreativität - es ist ein Experiment mit Tücken.
Von Sebastian Erb

Ein paar Dutzend Kinder toben durch die Manege, es geht laut und chaotisch zu, als Zirkusdirektor Gerhard Richter die Runde betritt. "Entschuldigt bitte, dass ich wieder viele Namen falsch aussprechen werde", sagt er.

Mustafa, Seifo, Maisa, Ghada, so heißen die Schüler im Zirkuszelt. Es ist Montagmorgen in Berlin-Neukölln, eine Woche lang werden die Grundschüler den bislang größten Auftritt ihres Lebens üben, bis sie als Fakir vors Publikum treten oder als Akrobat.

Da ist Abdul, 10, ein Junge mit großen Augen. Wenn man ihn fragt, woher seine Eltern stammen, muss er passen. "Aber ich weiß, wo ich herkomme: aus Berlin", sagt er. Die Lehrerin hat ihm und seinen Klassenkameraden gesagt, dass am Samstag alle zur Vorführung kommen sollen, Eltern, Geschwister, es soll ein großes Familienfest werden, bei dem die Kinder von Neukölln die Stars in der Manege sind. "Klar, sie kommen alle, sogar das Baby", hat Abdul gesagt.

"Mein großer Bruder kommt", verspricht auch Kamle, zehn Hula-Hoop-Reifen will sie am Samstag schwingen. Auf dem Nachhauseweg macht sie ein Spiel mit einer Klassenkameradin, es geht darum, in die Zukunft zu blicken. Die sieht so aus: ein Mann, ein Kind, viel Geld. "Yippie!", ruft sie. Kamle, 9, ist eine der Kleinsten in der Klasse und die einzige, die Kopftuch trägt, seit Anfang des Schuljahres. Warum? "Weil ich es so will", sagt sie und dreht sich schnell weg.

Bürgermeister Buschkowsky: "Da sitzen die kleinen Mäuschen"

Es geht um Integration im Neuköllner Kinderzirkus, die Schüler sollen aus ihrem Alltag herausgeholt werden, Selbstvertrauen lernen, Leistung, Teamgeist und Kreativität. Heinz Buschkowsky, der SPD-Bezirksbürgermeister, hat sich die Aktion ausgedacht, als er Grundschulklassen in seinem Kiez besuchte. "Da sitzen die kleinen Mäuschen", sagt er, "und ich sehe schon, wie ihre Schulkarriere danebengeht."

Die Jugendarbeitslosigkeit ist in dieser Gegend hoch, fast nirgendwo sonst in der Stadt verlassen Jugendliche ihre Schule so häufig ohne Abschluss. Um das zu ändern, muss man bei den ganz Kleinen anfangen, bei Buschkowskys Mäuschen. Zumindest darüber gibt es in der Integrationsdebatte keinen Streit.

Der Kinderzirkus soll dabei helfen. 15.000 Grundschüler hat Richter in seiner Manege schon zu kleinen Artisten ausgebildet, seit vier Jahren macht er das. Richter hat schiefe Zähne und lichtes blondes Haar, er wurde im Wohnwagen geboren. Seine Vorfahren waren fahrendes Volk seit Generationen. Aber er ist sesshaft geworden, der Mitmachzirkus ist es ihm wert. "Diese Kinder brauchen mich", sagt er. Sie bräuchten klare Regeln, Lob, menschliche Wärme. Werte, die viele zu Hause, auf dem Schulhof oder der Straße nicht so leicht bekommen. Und sie sollen etwas lernen. "Was macht das Kamel? Ja, wiederkäuen."

Währenddessen rührt der kleine Gani in der Futtergrütze. Gerste, Weizen, Zuckerrübenschnitzel, schon die Worte sind kompliziert für den kräftigen Jungen mit seinem gegelten kurzen Haar. Gani, 10, kann ohne Probleme die Schimpfworte aufzählen, die Bushido in seinen Raps verwendet, aber ein Kurzaufsatz ist eine Herausforderung für ihn, bei Diktaten malt er nur die Buchstaben nach, die Lehrerin kennt ihn als manchmal träge und oft frech. Und nun steht er engagiert am Futtertrog und will Fakir werden, so schnell es geht.

Die Lehrerin: "Wir sind in erster Linie Sozialarbeiter"

26 weitere Kinder sitzen in Ganis Klasse, der 4a an der Hermann-Boddin-Grundschule, insgesamt gibt es 360 Schüler. Mehr als 95 Prozent stammen aus Zuwandererfamilien, fast genauso viele leben von Hartz IV. Es sind Berliner Kinder, die, wenn sie ein Foto der Siegessäule sehen, fragen: "Steht die wirklich in Berlin?" Manche können in der sechsten Klasse noch nicht lesen. Gleich gegenüber vom Schulgebäude ist freitags immer der "offene Treff" der Drogentherapie.

Gabriele Wosky-Völler, 53, ist die Klassenlehrerin. "Wir sind in erster Linie Sozialarbeiter", sagt sie. Wosky ist beliebt bei den Kindern, manchmal teilt sie Karotten aus oder Bonbons, wenn sie einen Schüler belohnen will, auch die größten Rabauken kommen auf sie zugelaufen und umarmen sie.

Manchen müsste Wosky Lehrerin, Mutter und Freundin in einem sein, aber wie soll das gehen? Ein paar werden es schaffen aufs Gymnasium, vielleicht machen sie sogar das Abitur; aber es werden weniger sein als in anderen Bezirken. Einige machen so oder so Karriere, sagen die Lehrerinnen, und sei es eine kriminelle.

Es ist Mittwoch, Abdul und seine Klassenkameraden haben in der Manege Fortschritte gemacht. Nur draußen in Neukölln ist alles wie immer: Auf dem Weg zur U-Bahn sehen die Kinder, wie junge Männer auf der anderen Straßenseite ein Auto aufknacken. "Lauft weiter", sagt die Lehrerin, "wahrscheinlich gehört das ihnen." Am Freitag hat die NPD einen Sonnenschirm an der U-Bahn-Station aufgestellt und verteilt Flugblätter an die Schüler.

Das Klima ist rau, auch in der Schule. Ein Fünftklässler beschimpft vor dem Schultor eine Frau als Zigeunerin. Ein Junge rastet aus, weil ein anderer ein Päckchen Kaugummi nicht bezahlt haben soll und droht mit Schlägen. Die Lehramtspraktikantin wird "alte Schlampe" genannt.

Gani, kleiner Fakir: "Als Polizist 1600 Euro verdienen, das wäre toll"

Der Zirkus ist kein Allheilmittel, aber ein Baustein mit Wirkung, sagt Gabriele Wosky. Ältere und jüngere hielten auf dem Schulhof mehr zusammen und prügelten sich weniger. Zumindest für eine Weile. Natürlich, eine Woche Unterricht gehe drauf. "Aber den Lehrplan", sagt die Lehrerin, "den schaffen wir sowieso kaum."

Kinder brauchen eine Herausforderung und klare Ziele, sagt der Zirkusdirektor. Wenn ein Kunststück nicht klappt, müssen sie halt weiterüben. "So haben wir auch mit den auffälligen Schülern keine Probleme", sagt Richter. Er freut sich, wenn Kinder ihm sagen, der Aufführungstag war der schönste Tag ihres Lebens. Und es macht ihm Sorgen: "Was machen die sonst?"

Gani, der Fakir, jedenfalls wird seine Nachmittage wohl weiter im Internetcafé verbringen, sein Bruder arbeitet dort. Er wird chatten und Counter Strike spielen, ein Ballerspiel. Wenn er groß ist, will er Polizist werden. "1600 Euro verdienen", sagt er, "das wäre toll." Es gibt Mitschüler, die sagen: Ich mach' später Hartz IV.

Zwei Jahre lang bekam der Mitmachzirkus Geld vom Berliner Senat, dann lief die Förderung aus. Jetzt unterstützt der Bezirk Neukölln das Projekt mit 80.000 Euro im Jahr, aber das Geld wird immer nur für ein Jahr gewährt, und die Haushaltslage ist angespannt. Gabriele Wosky und die 4a haben sich schon fürs neue Jahr bei Richters Zirkus angemeldet, aber ob es den dann noch gibt, wissen sie nicht.

Es ist Samstagmorgen, der Tag der Vorstellung. Gani musste seinen Vater lange überreden mitzukommen, deshalb ist er spät dran. Jetzt ist er von seinem Platz aufgestanden und fiebert mit. Er verfolgt, wie Nour die Ansage macht, obwohl sie am Anfang der Woche noch sagte, das schaffe sie nie. Wie Bilal freudestrahlend das Pferd vorführt, das sich auf die Hinterbeine aufrichtet, das hätte er auch gerne gemacht. Wie die Mitschülerinnen am Trapez nach oben gezogen werden. Er ist nervös, denn gleich schauen alle auf ihn.

Die Elternvertreterin: "Das Desinteresse kotzt mich an"

Gani hat sich in ein golden schimmerndes Kostüm gezwängt. Er führt das Kamel in die Manege und tätschelt es sanft am Hals. Er läuft ein paar Schritte, wackelt etwas dabei, dann steht er aufrecht, konzentriert, selbstbewusst, er verbeugt sich, tritt auf die Glasscherben, die auf dem Podest ausgeschüttet wurden, dreht sich einmal im Kreis. Rechts sitzt Frau Wosky, sie ist die erste, die klatscht.

Im halbleeren Rund sitzt Melek Harb, die Elternvertreterin der 4a. "Mich kotzt das an, dass die anderen so desinteressiert sind", sagt sie. Ihre Großeltern kamen aus der Türkei, die Eltern arbeiteten am Band, sie ist 28, eine energische Frau mit Kopftuch, der Islam ist ihr heilig. Aber sie fragt auch: Warum gibt es an der Schule eigentlich keine richtige Weihnachtsfeier? Und warum nur zeigen so viele andere Eltern kein Interesse an der Bildung ihrer Kinder? "Wenn ich es mir finanziell leisten könnte, würde ich meine Tochter auf eine Privatschule schicken", sagt Melek Harb.

Aber alle Sorgen sind vergessen, als die Scheinwerfer noch einmal aufleuchten, alle Kinder noch einmal in die Manege kommen. Sie winken, erhalten eine Urkunde, ein paar machen das Victory-Zeichen.

Dann trotten einige mit den Lehrerinnen zur U-Bahn. Es sind die, von deren Familie keiner erschienen ist, in der 4a sind es elf von 27. Aus Abduls Familie ist keiner da, obwohl alle kommen sollten, auch das Baby. "Ist egal", sagt er leise und schaut auf den Boden, "ich hatte zum Glück noch 50 Cent dabei, um mir das zu kaufen." Er zeigt auf seine Zuckerperlenkette.

Die Verwandten von Kamle, dem Mädchen mit dem Kopftuch, waren auch nicht da. "Nächstes Jahr kommen sie alle", sagt sie.