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Aufwachsen mit lesbischen Eltern: Mutter, Mutter, Kinder

Foto: Vanessa Klüber

Leben mit lesbischen Eltern Das doppelte Muttchen

Tobias, 20, und Annika, 17, leben mit zwei Müttern seit sie klein waren - in einer Gemeinde in Bayern. Was ihnen als Jugendliche zusetzte, waren Vorurteile gegen Homosexuelle und die dummen Sprüche in der Schule. Aber sonst? Besuch bei einer Regenbogenfamilie.
Von Vanessa Klüber

Tobias war verwirrt, als ihn seine Grundschullehrerin auf einen Fehler in seinem Kinderbild hinwies. Der Junge hatte sich selbst, seine Schwester Annika, Papa, Mama und noch mal Mama auf ein Blatt Papier gezeichnet. Die Lehrerin erklärte dem damals Sechsjährigen, dass eine der Mamas wohl nicht dazugehöre. Doch seit sie klein sind, leben Tobias und Annika mit zwei Müttern.

Heute ist Tobias 20, Annika ist 17 und das Wort "Regenbogenfamilie" hat es in den Duden geschafft. Rot-Grün hat gleichgeschlechtlichen Paaren vor einigen Jahren die eingetragene Lebenspartnerschaft ermöglicht. Ende Februar entschied das Bundesverfassungsgericht: Künftig dürfen Schwule und Lesben in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft auch Adoptivkinder ihres Partners oder ihrer Partnerin adoptieren.

Für Tobias war es lange Zeit nicht so einfach. Wenn er erzählt, wie ihn die Mitschüler mobbten, stockt seine Stimme. "Warum ich als Schwuchtel bezeichnet wurde, weil meine Eltern lesbisch sind, ist mir bis heute nicht klar", sagt er. "Es war manchmal schon sehr anstrengend." Annika wirft ein, dass doch jeder mal für irgendwas gehänselt werde. "Trotzdem", sagt Tobias, "bei mir waren die besonders hartnäckig".

"Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm", sagt die Mitschülerin

Später wurden die Sprüche seltener und manche, die ihn damals ärgerten, sind heute seine Freunde. "Wenn die Schwulen- und Lesbenwitze gut sind, kann ich auch darüber lachen", sagt er. Tobias macht ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Roten Kreuz. Er möchte Soziale Arbeit mit Theologie oder Informatik studieren und er hat eine Freundin.

Wie ihr Bruder, sagt auch Annika deutlich, was sie will. "Ich lerne zwar leicht Leute kennen, will aber gar nicht immer dazugehören." Annika lacht viel und kleidet sich wie ihr Bruder am liebsten schwarz. Ihren Stil bezeichnet sie als Mischung aus Alternative, Metal und Gothic. Sie geht auf die Fachoberschule in Neu-Ulm, ihre Hauptfächer sind Pädagogik und Psychologie.

Annika kann sich kaum an schlechte Erfahrungen in der Schule erinnern. Nur einmal machte sie eine Klassenkameradin darauf aufmerksam, dass ihre Hose hinten schmutzig sei. Die verstand den Blick auf den Po als Anmache und entgegnete hämisch: "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm."

Karin ist die leibliche Mutter der beiden, Tobias und Annika nennen sie "Mama". Gudrun, Karins Partnerin, heißt zu Hause einfach "Gudrun". Karin ließ sich vom Vater der Kinder scheiden, als sie sich vor rund 15 Jahren in Gudrun verliebte. Zu ihrem Papa haben Tobias und Annika ein gutes Verhältnis, sie besuchen ihn etwa alle sechs Wochen.

"Ich will nicht, dass die Leute negativ reagieren"

Die Familie lebt in der bayerischen 10.000-Einwohner-Gemeinde Elchingen, an der Grenze zu Baden-Württemberg. Karin ist evangelische Diakonin an der Grundschule, auf die Tobias und Annika gingen. "Ich schleiche mich auch heute noch ein bisschen um ein großes Outing herum", sagt sie. "Zu Anfang war das viel auf einmal: Diakonin, geschieden, mit Regenbogenfamilie. Ich will nicht, dass die Leute negativ reagieren."

Tobias' Lehrerin reagierte gelassen, als Karin ihr die Sache mit dem Kinderbild erklärte. "Danach haben wir uns vorgenommen, unsere Kinder nicht mehr in solche Situationen hineinlaufen zu lassen", sagt Gudrun. "Wo es wichtig war, haben wir Lehrkräfte über unsere lesbische Beziehung informiert."

Wie viele Kinder hierzulande in Familien mit zwei Müttern oder zwei Vätern wohnen, ist unklar. Schätzungen gehen von einigen tausend aus. Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland schreibt in einer Studie von 2009, dass Kinder aus Regenbogenfamilien besonders selbstbewusst seien. Das leuchtet Tobias ein. "Ich musste mich ja ständig gegen andere durchsetzen. Das hat mich stark gemacht."

Annika sagt, sie habe sich genauer überlegt, was für andere von vornherein klar ist: Sollte sie sich eher männlich oder weiblich verhalten? Ist sie hetero- oder homosexuell? "Ich kann nicht sagen, ob ich je mit einem Mädchen oder einer Frau zusammen sein werde", sagt sie. Wenn es so käme, fände sie es zwar völlig in Ordnung. "Im Moment kann ich es mir aber nicht vorstellen."

"Ihr hättet spießiger sein sollen"

Tobias und Annika wünschten sich früher, dass sich die Eltern so gewöhnlich wie möglich verhielten. "Ihr hättet spießiger sein sollen", sagt Tobias heute zu Gudrun und Karin. "Wir hätten wenigstens mal ganz normal Hotelurlaub machen können. Stattdessen sind wir immer mit dem VW Bus durch die Gegend getuckert."

Ihr Zuhause ist ländlicher Durchschnitt: Die Familie wohnt in einer Reihenhaussiedlung, das Wohnzimmer ist gemütlich eingerichtet, hat einen Kamin. Nur eine kleine Girlande in Regenbogenfarben weist auf die seltene Lebensgemeinschaft hin.

Tobias sagt, es gab Zeiten, da habe er sich an "normaleren" Familie orientiert. Als Jugendlicher hatte er eine Freundin, die mit ihrem Vater und dessen Partnerin zusammenlebte. "Dieses Rollenbild mit Mann und Frau fand ich damals toll." Der Mann im Haus fehlte Tobias manchmal, zum Beispiel wenn es um Tipps fürs erste Rasieren ging. Er holte sie sich, wenn er bei seinem Vater oder seinem Onkel zu Besuch war. Die Mütter achteten darauf, dass ihre Kinder nicht in einer männerfreien Welt aufwuchsen. "Wir haben sogar darauf geachtet, dass Tobias' Trompetenlehrer und Physiotherapeut männlich sind", sagt Gudrun. Ihnen sei wichtig gewesen, dass es für Tobias auch männliche Vorbilder gibt.

Annika waren ihre beiden Mütter auch mal unangenehm, beim Abschlussball ihrer Tanzschule, wo die meisten mit Vati und Mutti ankamen. "Eltern sind bei so was eh schon peinlich, und noch peinlicher waren lesbische Eltern, weil sie noch mehr auffallen", erklärt Annika. Gudrun blieb also zu Hause. "Das hat mich schon verletzt", sagt sie und Annika schiebt nachdenklich hinterher: "Heute würde ich es anders machen."

Die Geschwister sind sich einig, dass sie trotz mancher Probleme das bekommen haben, was in einer Familie wichtig ist: "Wir hatten jederzeit ein Zuhause", sagt Tobias. Und Annika ergänzt: "Es war immer jemand für uns da."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, das Bundesverfassungericht habe entschieden, dass Homosexuelle die leiblichen Kinder des Partners adoptieren dürfen. Das war jedoch bereits möglich. Das Gerichtsurteil von Ende Februar bezieht sich auf die Adoptivkinder des Partners. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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