Kita-Betreuung "Zwischen den alten und neuen Bundesländern verläuft eine Grenze"

Das Erbe der DDR wirkt bis heute nach: Erzieher im Osten müssen sich im Schnitt um deutlich mehr Kinder kümmern. Bildungsforscher Kai Maaz erklärt, warum das nicht immer falsch sein muss.

Kita-Kinder malen zusammen (Archivbild)
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Kita-Kinder malen zusammen (Archivbild)

Ein Interview von


Windeln wechseln, Pflaster kleben, Verstecken spielen: Wer im Osten Deutschlands als Erzieher arbeitet, muss sich bei all diesen Tätigkeiten im Schnitt um deutlich mehr Kinder kümmern als die westdeutschen Kollegen. Das zeigt der "Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme" der Bertelsmann Stiftung (hier finden Sie die wichtigsten Ergebnisse im Überblick).

Bildungsforscher Kai Maaz erklärt im Interview, welchen Einfluss das DDR-Erbe auf die heutige Kinderbetreuung hat - und was der Mangel an Personal für die Kinder bedeutet.

SPIEGEL ONLINE: In Sachsen betreut eine Erzieherin im Schnitt sechs Kinder, in Baden-Württemberg sind es nur drei. Wie kommt es zu diesem Unterschied?

Maaz: Tatsächlich ist das kein Problem, das nur zwischen Sachsen und Baden-Württemberg besteht. Zwischen den alten und neuen Bundesländern verläuft eine Grenze. Die Gründe dafür sind vielfältig. In der Hauptsache gibt es unterschiedliche Traditionen von frühkindlicher Bildung in West und Ost. In der DDR gab es eine stark ausgeprägte Kinderbetreuung, im Westen dagegen war es unüblich, Kinder unter drei Jahren in eine Betreuung außerhalb des Elternhauses zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Diese Tradition wirkt bis heute nach?

Maatz: Es gibt bis heute je nach Wohnort extrem große Unterschiede bei der Anzahl der Kinder, die eine Kita besuchen. Vor allem bei den Allerkleinsten. Ab einem Alter von drei Jahren gleicht sich alles etwas an. Aber während in Westdeutschland nur etwas mehr als die Hälfte der Zweijährigen in die Kita gehen, sind es in den östlichen Bundesländern fünfundachtzig Prozent. Bei den Einjährigen werden im Osten zwei Drittel aller Kinder betreut, im Westen gerade einmal ein Drittel.

SPIEGEL ONLINE: Und das erklärt, warum sich im Osten mehr Kinder einen Erzieher teilen müssen?

Maaz: Natürlich braucht es mehr Personal, um mehr Kinder versorgen zu können. Gerade im Krippenbereich ist der Personalschlüssel anspruchsvoll. Hier spielt auch der Fachkräftemangel eine Rolle, es ist ja überall in Deutschland nicht einfach, geeignetes Personal zu finden. Bei einem geringeren Anteil von Kindern, die die Kita besuchen, ist es einfacher, eine scheinbar bessere Betreuung zu gewährleisten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von einer scheinbar besseren Betreuung. Bedeutet das, dass Kinder in Kitas mit höherem Personalschlüssel nicht unbedingt besser aufgehoben sind?

Maaz: Erst mal scheint die Antwort hier auf der Hand zu liegen: Je mehr pädagogisches Personal, desto besser die Betreuung der Kinder. Die reine Betrachtung des Betreuungsschlüssels greift meines Erachtens aber zu kurz.

SPIEGEL ONLINE: Was ist dann das Problem?

Maaz: Man muss sich auch anschauen, wie die pädagogischen Konzepte der einzelnen Betreuungsstätten aussehen, welche Rahmenbedingungen dort bestehen, auf welche zusätzlichen Hilfen sie zurückgreifen. Wenn etwa in einer Kita viele Kinder kein Deutsch beherrschen, besteht hier ein erhöhter Förderbedarf. Der kann nicht von den normalen Erziehern bewältigt werden, es braucht zusätzliches Personal. Solche Detailbetrachtungen finden sich in großen Studien natürlich nicht wieder, wären aber eigentlich nötig, um den Bedarf einer Kita festzulegen und dann zu sagen, ob sie ihn erfüllt.

SPIEGEL ONLINE: Sagt die Menge des Personals also erst mal gar nichts aus?

Maaz: Verstehen Sie mich nicht falsch, sicher ist ein hoher Betreuungsschlüssel eine wichtige Voraussetzung für eine gute Kita. Natürlich können Erzieher mit einer Gruppe von drei Kindern anders umgehen als mit sieben. Je kleiner die Gruppe wird, desto einfacher wird es für den einzelnen Erzieher, die Kinder richtig zu fördern. Trotzdem müssen auch die anderen Bedingungen stimmen, die Anzahl der Erzieher darf nicht das ausschließliche Kriterium sein.

SPIEGEL ONLINE: Sind ostdeutsche Kitas denn nun besser oder schlechte als westdeutsche?

Maaz: Das ist keine Frage von Ost oder West. In allen Ländern gibt es gute Kitas und solche mit Herausforderungen. Unter den vielen Faktoren für eine gute Bildungsarbeit ist der Personalschlüssel in den Kitas aber ein sehr wichtiger.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
SusiWombat 01.10.2019
1. Überschrift
Und zu welchem Ergebnis kommt ein Nord-Süd Vergleich? Ach, halt, da ist ja keine Mauer zu pflegen
SasX 01.10.2019
2.
Auf der anderen Seite sind die Betreuungszeiten. Die Kita hier in Berlin, in die meine Tochter ging, hat Öffnungszeiten von 6 Uhr bis 19 Uhr und die Grundschule nach der Schulzeit einen Hort bis 18 Uhr. (Diese Zeiten haben wir natürlich bei weitem nicht ausgereizt, auch der Hort war eher eine Seltenheit. Aber die Möglichkeit, wenn es mal notwendig war, war eben gegeben.) Die Kita hatte pro Jahr zwei Schließtage. Hier hat dann die Kita über entsprechende Absprachen mit anderen Kitas für Betreuungsersatz gesorgt, falls das notwendig war. Es gibt hier in Berlin auch Kitas, die z.B. bis 21 Uhr geöffnet haben.
APL2019 01.10.2019
3.
Der Vergleich hinkt in so vielen Bereichen das es schon weh tut. Die Konzepte ostdeutscher Kitas sind komplett anders als in westdeutschen Einrichtungen. Insbesondere zu Baden-Württemberg. In Ostdeutschland kann man Kinder ab 1 Jahr von 6 bis 16 teilweise 17 Uhr zur Betreuung geben. Es wird eine gemeinsame Verpflegung angeboten und Vorschulkonzepte integriert. Aus eigener Erfahrung innerhalb der Familie sind ein Großteil westdeutscher Kitas nicht annähernd so leistungsfähig. Dort muss man die Kinder teilweise Mittags abholen da es kein Essen gibt und die Angebote sind eher ein gemeinsames Spielen unter Betreuung. In ostdeutschen Teilen undenkbar da keine Familie ohne 2 Vollerwerbstätige ihren Lebensunterhalt bestreiten könnte
krumbi 01.10.2019
4. Was für
ein sinnfreier Artikel! Nicht eine konkrete Aussage.
happyrocker 01.10.2019
5. Was für zusätzliches Personal
sollte denn vonnöten sein, um 1-3-jährigen (!) Sprache beizubringen? Die sitzen doch - hoffentlich - noch nicht auf der Schulbank sondern lernen sprechen wie alle anderen, durch persönliche Interaktion mit vertrauten Bezugspersonen. Zudem gibt es für Kinder in dem Alter wohl nichts wichtigeres, als vertraute Personen, die greifbar und zugewandt sind. Wenn es zu wenige Erzieher*innen gibt, wird auch ein extra Deutschunterricht die Kita nicht besser machen, das ist eine ganz, ganz fadenscheinige Ausrede.
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