Eltern über Missstände in Kitas "Mein verträumter Sohn geht im Trubel unter"

Hohe Gebühren, kurze Öffnungszeiten, gestresste Erzieherinnen und Erzieher - oder auch mal gar keine: In vielen Kitas liegt etwas im Argen. Hier berichten Eltern, was bei ihnen schiefläuft.
Junge allein auf der Rutsche (Symbolbild)

Junge allein auf der Rutsche (Symbolbild)

Foto: Getty Images/ iStockphoto

Bundesweit klagen Eltern darüber, dass sie keinen Kitaplatz finden oder dass ihre Kinder nicht gut betreut seien, wenn sie in einer Einrichtung unterkommen. Ein großes Problem ist für viele der Personalmangel - auch für die Erzieher selbst, die dadurch überlastet sind.

Wie die Betreuungssituation aussieht, hängt auch vom Bundesland ab. Eine Bertelsmann-Studie hat ergeben, dass in einer Krippe in Baden-Württemberg rechnerisch eine Fachkraft auf 3,1 Kinder kommt. Erzieherinnen und Erzieher in Sachsen kümmern sich dagegen im Schnitt um 6,4 Kinder.

Die Bundesregierung will nun ein Gesetz durchbringen, das die Lage überall verbessern soll. Der Plan: Der Bund zahlt in den kommenden Jahren 5,5 Milliarden Euro an die Länder, knapp 500 Millionen Euro davon im kommenden Jahr. Das Geld soll für eine Qualitätssteigerung bei der Kita-Betreuung sorgen.

Mit jedem Land will der Bund konkrete Vereinbarungen treffen, welche Instrumente dafür nötig sind - etwa Sprachförderung oder ein besserer Betreuungsschlüssel. Doch wie sieht die Situation in einzelnen Kitas überhaupt aus?

Hier erzählen SPIEGEL-ONLINE-Leserinnen und -Leser, was sie täglich erleben:


Eine Mutter berichtet:

"Aufgrund des Mangels können sich Erzieher derzeit ihre Stellen aussuchen. In unserer Einrichtung herrscht daher ständiger Personalwechsel. Das führt zu einer schlechten Arbeitsmoral und schlechter Betreuung der Kinder. Viel zu viel Zeit geht für die Einarbeitung neuer Kollegen drauf.

Gutes Personal gewinnt man durch gute Bezahlung. Solange Kinderbetreuung deutlich schlechter bezahlt wird als zum Beispiel die Bandarbeit bei Automobilkonzernen, wird weiterhin von besserer Qualität nicht die Rede sein können."


Eine Mutter aus Nordrhein-Westfalen erzählt:

"Wir wohnen am Rand des Ruhrgebiets in einer verschuldeten Stadt. Plätze in Kitas, aber auch bei Tagesmüttern sind Mangelware. Unseren ersten Sohn haben wir damals erfolglos in vier Kitas angemeldet, ein Jahr später waren wir bei sechs Einrichtungen zum Casting. Schließlich bekamen wir zwei Plätze angeboten und entschieden uns für einen städtischen Kindergarten.

Manchmal bereue ich diese Entscheidung. Dort arbeiten dreieinhalb Vollzeitkräfte für 30 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Nachdem in einer anderen Gruppe plötzlich eine Erzieherin ging, ist eine aus unserer Gruppe nun die halbe Woche dort und fehlt bei unserem Sohn.

Die Folge ist, dass mein stiller, schüchterner, verträumter Sohn im Trubel untergeht. Oft scheint er nicht genug zu trinken, und es wird nicht darauf geachtet, ob er dort zur Toilette geht. Manchmal hole ich nach fünf Stunden ein Kind ab, das vor Harndrang eine Stunde lang an einem Tisch gesessen hat und nichts machen wollte."


Eine Mutter aus Hessen:

"Kürzlich haben die Erzieherinnen an einer zweitägigen Fortbildung teilgenommen. Die Personaldecke war dadurch so dünn, dass Eltern eingesprungen sind und nachmittags nur eine Notbetreuung angeboten wurde für diejenigen, die ihre Kinder nicht früher abholen konnten."


Ein Vater aus Berlin erzählt:

"Einen Kitaplatz kann man sich in Berlin nicht aussuchen, sondern man kann nur mit viel Glück einen bekommen. Das führt dazu, dass die Eltern in einer unterwürfigen Bittstellerhaltung gegenüber der Kitaleitung sind und sich nicht trauen, Missstände anzusprechen.

Die Kitaleitungen haben wiederum das Problem, dass ihnen die Erzieher und Erzieherinnen weglaufen, weil sie abgeworben werden. Dadurch herrscht eine große Fluktuation, die vor allem die kleinen Krippenkinder überfordert.

Ich würde die Kitagebühren wieder einführen und dann so staffeln, dass Menschen mit kleinen Einkommen nichts oder fast nichts zahlen, Menschen mit hohen Einkommen aber deutlich mehr. Wir haben vor der Abschaffung der Gebühren 270 Euro gezahlt und wären gerne bereit, dies wieder zu tun - aber natürlich nur, wenn sich die Qualität verbessert."


Ein Video über das Berliner Kitachaos sehen Sie hier:

SPIEGEL TV


Eine Mutter aus Berlin erzählt:

"Meine drei Kinder wurden alle bereits mit vier Monaten in einer Kita in Berlin-Mitte betreut. Ich bin nun schon seit Jahren rundum zufrieden. Die Erzieherinnen und Erzieher machen einen engagierten und tollen Job. Ich schreibe das, weil mir wichtig ist, dass nicht alle nur meckern."


Eine Mutter aus Nordrhein-Westfalen:

"Wir haben vor Kurzem die Kita gewechselt. Im August fand dann die Eingewöhnung der neuen Kinder statt. Zum Teil mussten bei einer Gruppenstärke von 22 Kindern zehn neue Kinder eingewöhnt werden - bei ausgedünnter Personalsituation.

Wir sind jetzt seit sieben Wochen in der Kita, und die Gruppe wurde urlaubs- und krankheitsbedingt noch keinen einzigen Tag von allen drei Erzieherinnen gemeinsam betreut. So findet abgesehen von Bastelaktionen auch leider kein Programm statt.

Eine andere Kitagruppe hat es offenbar noch schlimmer getroffen: Wegen des häufigen Personalwechsels ist die Eingewöhnung eines Kindes vorerst gescheitert.

Wann bekommen Erzieher endlich mehr Gehalt, bessere Arbeitsbedingungen - das heißt vor allem einen sinnbringenden Personalschlüssel - und Wertschätzung? Kinder sind doch unsere Zukunft, und die ersten Lebensjahre so prägend."


Ein Vater schreibt:

"Wir wohnen etwa einen Kilometer von der Grenze zu einem anderen Bundesland entfernt - leider auf der Seite, auf der wir knapp 600 Euro pro Monat für einen Kita-Platz zahlen müssen. Jenseits der Grenze kostet der gleiche Platz nur etwas über 200 Euro.

Obwohl wir beide recht gut verdienen, können wir uns knapp 600 Euro zusätzlich nicht leisten und planen daher gerade den Umzug, der natürlich auch Kosten verursacht, aber rechnerisch in weniger als einem Jahr sich wieder ausgeglichen hat.

Die Option, die uns Lokalpolitiker vorgeschlagen haben ('Dann muss die Frau eben zu Hause bleiben'), ist leider noch weniger möglich, weil ein Gehalt für eine Familie nicht zum Leben reicht."

Junge mit Spielzeug (Symbolbild)

Junge mit Spielzeug (Symbolbild)

Foto: Getty Images/ iStockphoto


Ein Vater aus Bayern:

"Meine Frau und ich wohnen in einer eher ländlichen Gegend und arbeiten beide als Therapeuten in der Klinik der nächstgelegenen Stadt. Da die Entlohnung in diesen Berufen nicht üppig ausfällt, sind wir beide berufstätig.

Ich selbst habe eine 40-Stunden-Stelle, meine Frau arbeitet 30 Stunden in der Woche. Wir haben zwei Kinder, für deren Betreuung wir allein zuständig sind. Die Großeltern leben rund 130 Kilometer entfernt und können nur in Notfällen helfen.

Im Kindergarten gibt es immer wieder Streit wegen der Öffnungszeiten. Besonders, seitdem man sich dort entschlossen hat, Überziehungsgebühren für zu spät kommende Eltern einzuführen. Ich hole meine Tochter zweimal wöchentlich vom Kindergarten ab. Mein Dienst im Krankenhaus endet um 16 Uhr, danach muss ich zu meinem Auto hechten und die rund 15 Kilometer bis zum Kindergarten fahren, im Berufsverkehr. Der Kindergarten schließt um 16.30 Uhr. Für mich ist das nicht immer zu schaffen, obgleich ich mir große Mühe gebe.

Ich hatte erwartet, dort ein wenig Verständnis für arbeitende Eltern vorzufinden. Aber weit gefehlt: Man wird mit einer Funkuhr empfangen, damit auch jede Minute der Verspätung gleich erkannt und geahndet werden kann - mit fünf Euro pro angefangener Viertelstunde.

Nun geht es mir nicht unbedingt um die fünf Euro. Auch verstehe ich den Wunsch der Erzieherinnen, pünktlich nach Hause zu gehen. Dennoch fühle ich mich durch die rigide Handhabung der ohnehin knappen Öffnungszeiten bestraft und gegängelt. Und das nur, weil ich einer ganz normalen Arbeit mit ganz normalen Arbeitszeiten nachgehe.

Es mangelt an Bereitschaft, auf die zuzugehen, die nicht den Luxus einer nur halbtags arbeitenden Ehegattin oder ständig verfügbaren Oma haben. Der verantwortliche Pfarrer des kirchlichen Kindergartens sagte dazu: 'Sie haben die Öffnungszeiten doch vorher gekannt, wenn es Ihnen nicht passt, suchen Sie sich einen anderen Kindergarten. Ich muss meine Mitarbeiter schützen.'

Wovor? Vor zehn Minuten Mehrarbeit? Wenn ich noch einmal die Wahl hätte, würde ich meine Kinder nicht in diese Einrichtung schicken."

lov