Digitale Medien in der Kita Wie ein Tablet die Erziehung bereichern kann

Kleine Kinder wachsen heute selbstverständlich mit Smartphone und Tablet auf. Umso wichtiger wäre eine frühkindliche Medienpädagogik, sagen Experten. Doch die Skepsis in den Kitas und bei Eltern ist groß.

Über den sinnvollen Einsatz digitaler Endgeräte in Kitas gibt es bisher kaum Erkenntnisse
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Über den sinnvollen Einsatz digitaler Endgeräte in Kitas gibt es bisher kaum Erkenntnisse


Digitale Medien sind im Hamburger Fröbel-Kindergarten Winterstraße alltäglich. Auf dem Flur puzzeln an diesem Vormittag drei Mädchen in einer Sitzecke auf Tablets. Im Forscherraum nebenan ist es stockdunkel. Ein Beamer wirft ein digitales Bilderbuch über Tiere an die Wand. Gemeinsam mit einem Dutzend Kinder diskutiert ein Erzieher über Papageien. Und im Bauraum produziert Pädagoge Martin Imiolczyk mit seiner Gruppe gerade einen Stop-Motion-Film über den Bau einer Duplo-Pyramide. Ein extra aufgestelltes Tablet macht sekündlich Bilder von der Baustelle.

Wer nun ein Bild von medialer Dauerbeschallung von Augen hat, liegt falsch. Auch der Bewegungsraum der Kita ist bestens gefüllt. Und die drei Mädchen haben nach einer Runde Puzzle das Interesse verloren und sind weitergezogen. Die Tablets liegen die nächsten Stunden unbenutzt herum. Ein geplanter Ausflug in den Stadtpark schlägt die Technik in Sachen Attraktivität um Längen.

Während sich in der Schule inzwischen ein gesellschaftlicher Konsens zum Sinn von digitaler Bildung eingestellt hat und mit dem Digitalpakt endlich Milliarden in technische Infrastruktur und pädagogische Konzepte investiert werden, steckt die digitale Kita-Bildung noch in den Kinderschuhen. Ein wichtiger Grund dafür: Viele Pädagogen und Eltern verstehen die Kita noch immer als eine Art analogen Schutzraum. Allzu oft wird das Schreckensbild von vor dem Tablet geparkten Kleinkindern bedient, von Kindern, die ihr natürliches Interesse an Natur, Freunden und Bewegung eingebüßt haben.

Digitale Geräte sind für Kinder faszinierend - auch wenn Erwachsene die Kita oft als Schutzraum ohne Tablets und Smartphone verstehen
Emma Innocenti/ Getty Images

Digitale Geräte sind für Kinder faszinierend - auch wenn Erwachsene die Kita oft als Schutzraum ohne Tablets und Smartphone verstehen

Benjamin Wockenfuß leitet das Präventionsprojekt Digikids, das Eltern und pädagogische Fachkräfte in Sachen Medien unterstützt. Er hält eine pauschale Ablehnung für kontraproduktiv, denn sie verhindere eine differenzierte Auseinandersetzung. "Man darf nicht die Augen davor verschließen, dass digitale Medien ein Teil der heutigen Kindheit sind. Umso wichtiger ist es, Kindern schon früh digitale Kompetenzen und einen selbstbestimmten Medienumgang zu vermitteln", sagt er.

"Ein Tablet ist weder gut noch schlecht"

Bei digitaler Bildung in der Kita geht es nämlich nicht darum, Mädchen und Jungen vor dem Tablet zu platzieren und währenddessen entspannt Kaffee zu trinken - das passiert zu Hause schon oft genug. Gefragt ist vielmehr ein kreativer und gestalterischer Umgang mit Tablets und Co., einer, der den Interessen und Bedürfnissen der Kinder entspricht. "Ein Tablet allein ist weder gut noch schlecht. Es geht vielmehr darum, wie ein Mehrwert für die Kinder entsteht. Genau dafür braucht es pädagogische Konzepte und eine gute Begleitung durch die Fachkräfte", sagt Wockenfuß.

Wie ein solcher Mehrwert im Kindergartenalltag aussehen kann, zeigen ein paar Projektbeispiele aus der Hamburger Winterstraße. So wird der Stop-Motion-Film über die Pyramide Teil eines interaktiven Bilderbuchs. In ihm sehen die Kinder eine echte Pyramide aus Ägypten. Außerdem hat Martin Imiolczyk am Morgen eine kindgerechte Erklärung zu den antiken Bauwerken eingesprochen.

Auch bei Ausflügen in die Natur werden die Tablets regelmäßig mitgenommen. Zusammen mit einem Endoskop haben die Kinder zum Beispiel Baumhöhlen im Stadtpark untersucht und fotografiert. Bei einem anderen Ausflug nahmen sie die Töne der hanseatischen Vogelwelt auf. Später können die kleinen Entdecker so ihre Erkenntnisse mit ihren Altersgenossen teilen.

Doch bisher sind solche Projekte in deutschen Kindergärten eher die Ausnahme als die Regel. "Wir stehen in Sachen digitaler Bildung in der Kita noch relativ am Anfang. Es fehlt an praxistauglichen Konzepten, Vernetzung, technischer Infrastruktur und Fortbildungsangeboten", sagt Franziska Cohen vom Bereich Frühkindliche Bildung und Erziehung an der Freien Universität Berlin.

Auch in der begleitenden Forschung gebe es noch Luft nach oben - zum Beispiel sei bisher nur wenig darüber bekannt, wie sich die Abläufe und Strukturen in der Kita durch digitale Medien verändern. Die Kindheitspädagogin ist selbst an einem neuen Forschungsprojekt beteiligt, das die Haltung pädagogischer Fachkräfte zur Digitalisierung analysieren möchte. Am Ende sollen daraus Praxisleitfäden und Workshops zu digitaler Bildung entwickelt werden.

"Im Prinzip sind wir mit allen unseren Erkenntnissen und Debatten auf dem Stand wie die Schulen vor zehn Jahren", sagt Franziska Cohen selbstkritisch. In der Fachwelt gebe es noch kontroverse Diskussionen über Sinn und Unsinn von digitaler Bildung im Kindergarten. Gleichzeitig begeben sich erste Träger auf eine eigene Entdeckungsreise.

Selbst ausprobieren

Einer von ihnen ist die Fröbel Bildung und Erziehung gGmbH aus Berlin. Auch der Hamburger Kindergarten Winterstraße gehört zu diesem Träger. Vor knapp zwei Jahren startete das Unternehmen ein "Medienmultiplikatoren"-Programm, mit internen Weiterbildungen rund um Datenschutz, Kindersicherheit, Elternarbeit und Technik - und mit einem regelmäßigen Erfahrungsaustausch zwischen den Einrichtungen.

Den Startschuss für das Digitalprogramm gab ein Experimentierwochenende in Berlin. 3D-Drucker, Tablets, Kameras, Beamer, all das wurde auf die Tauglichkeit für den Kita-Alltag getestet. Martin Imiolczyk war von Anfang an dabei, schon seine Abschlussarbeit in der Erzieherausbildung schrieb er 2016 über Medieneinsatz bei Kindern. "Wir sind noch mitten in der Findungsphase. Im Moment probieren wir immer neue Möglichkeiten aus, verwerfen viel und verbessern, was gut läuft", berichtet der 28-Jährige. Trial-and-Error sei im Moment auch die "einzige Möglichkeit", weil gute Fachbücher, passende Workshops oder auch nur App-Empfehlungen für den Kindergartenalltag noch Mangelware sind.

Zuletzt hat die Kita in der Winterstraße sich eine Nintendo Labo angeschafft. Diese Erweiterung für die Switch-Konsole verbindet analoge und digitale Welt und soll Kindern Technik näher bringen - und zwar mit Pappe. Damit lassen sich Klaviere und Gaspedale ebenso wie Virtual-Reality-Brillen bauen.

Nächste Zielgruppe Eltern

Bevor die Konsole mit den Kindern ausprobiert wurde, machte sich der Erzieher gemeinsam mit Kollegen selbst ein Bild von den Möglichkeiten. Apps zum Aufnehmen von Tierstimmen oder zum Abfilmen testet Imiolczyk erst mal zu Hause. Seine Erfahrungen möchte der Erzieher in der nächsten Zeit noch stärker teilen - nicht nur mit Kollegen und anderen Einrichtungen, sondern auch mit den Eltern.

"Einerseits möchte ich Bedenken und Vorhalte seitens der Elternschaft abbauen. Anderseits geht es mir darum, auch Tipps für den digitalen Familienalltag zu geben", sagt Martin Imiolczyk, "viele Ideen wie ein Stop-Motion-Film oder die Aufnahme von Tierstimmen lassen sich auch in der Freizeit gut umsetzen".

Dass man seine Zeit am Smartphone nicht nur mit Netflix und Instagram, sondern auch kreativ und produktiv nutzen kann, dürfte für viele Eltern eine durchaus spannende Erkenntnis sein.

insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
rokkinger 28.11.2019
1. Schwachsinn
Ist durch viele Studien mittlerweile belegt, das Gehirn von Kleinkindern verändert sich nicht zum Positiven durch die Nutzung von Smartphone oder Tablet. Etwas mehr Kritik vom Spiegel wäre wünschenswert. Die Industrie hat natürlich großes Interesse an der Digitalisierung von Kindergärten und Schulen.
keine-#-ahnung 28.11.2019
2. "Man darf nicht die Augen davor verschließen ...
... dass digitale Medien ein Teil der heutigen Kindheit sind. Umso wichtiger ist es, Kindern schon früh digitale Kompetenzen und einen selbstbestimmten Medienumgang zu vermitteln" Interessantes Argument. Auch Alkohol- und Nikotinabusus, Drogengebrauch, Langzeitarbeitslosigkeit, verbale und körperliche Gewalt können Teile auch der heutigen Kindheit sein. Welche Konsequenz ergibt sich daraus? Rischdisch ... Bildungszombies erziehen Bildungszombies.
m_s@me.com 28.11.2019
3. Khan Academy
Das ist ein weites Feld. Großer Stuss ist jedenfalls der - am Computer sitzend - erdachte Sermon von Manfred Spitzer. Es ist deprimierend, dass dieser Unsinn reflexartig auch von Leuten zitiert wird, die nur den Buchdeckel dieses Machwerks kennen. Bei wem hat sich da das Gehirn geändert? Wem überhaupt nicht einfällt, was man mit dem iPad in frühkindlicher Bildung machen könnte, schaut sich mal Khan Academy an. Fantastisch!
bandelier 28.11.2019
4. Einiges hört sich ganz vernünftig an,
überzeugt mich jedoch nicht. Ich bin glückliche Oma von zwei Enkeln, 9 und 10 Jahre alt, die nichts lieber tun, als draussen zu spielen und zu forschen. Im Kindergarten wurde ihnen das Tablet erspart, in der Grundschule auch. Enkeltochter wird im Januar 10, ist auf dem Gymnasium 1er Schülerin, spielt Saxophon und ist sehr erfolgreiche Wettkampfschwimmerin. Weil sie nebenher noch viele Freunde hat, mit denen sie spielen muss, bleibt für Digitales nicht viel Zeit. Enkelsohn scheint ihr zu folgen, ist sportlich sehr aktiv und will nun zur Kinderfeuerwehr. Ja, und dann trifft man sich draussen mit den Freunden. Ihr extrem hohes Allgemeinwissen erwarben sich beide durch Bücher und eigenes Erforschen, aber auch durch selektives TV. Beide können gut, unter Aufsicht, mit dem PC umgehen, auch mit Papas Smartphone. Und Uropas elektrisches Mikroskop hat viele Erkenntnisse gebracht und wird gern genutzt. Es wird bald die Zeit kommen, dass sie mit digitalen Medien in der Schule konfrontiert werden, doch ich bin sicher, dass sie das eben so locker schaffen wie bisher alles. Wenn ich dann an die Kinder denke, denen das Tablet selbstverständlich ist, muss ich feststellen, dass es zu ihnen gravierende Entwicklungsunterschiede gibt, selbst in der sprachlichen Entwicklung. Das tut mir so leid. Hier wird einem kommerziellen Zwang nachgegeben, ohne, dass die Bedingungen für die sinnvolle Nutzung digitaler Geräte vorhanden sind. Viele Eltern, und da leider besonders die, die Digitalem sehr zugeneigt sind, haben keine Ahnung, dass man so etwas auch sinnvoll einsetzen kann. Wenn das geschehen würde, gut kontrolliert, wäre es in Ordnung. Wir müssen nicht schon im Kindergarten die Kinder auf ein wirtschaftlich effektives Dasein vorbereiten, sondern sie zu Menschen grosslieben, die bereichernde Mitglieder der Gesellschaft werden. Dazu gehört u.a. die Vermittlung sehr konventioneller Werte. Für die kommerziellen Werte sorgt dann später die FDP.
zimmerwiestube 28.11.2019
5.
Der Autor hat offensichtlich noch nie etwas von den Risiken gehört, vor denen Prof. Spitzer aufgrund wissenschaftlicher Studien warnt. Die Eltern sind zu Recht beunruhigt, wenn sie sich gegen die Vereinnahmung von Schulen und Kindergärten durch die Digitalindustrie wehren.
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