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10. April 2014, 16:31 Uhr

Abiturienten

Auf zur nächtlichen Wasserbombenschlacht

Von , Köln

Geraten da Abi-Scherze außer Kontrolle? In Köln duellieren sich Nacht für Nacht die Abiturienten mehrerer Gymnasien. Schulleiter sind in Aufruhr, Eltern besorgt, doch die Schüler verstehen die ganze Aufregung nicht.

Die Nacht ist trocken und mild, es ist kurz nach 0 Uhr. Rund ums Kölner Humboldt-Gymnasium stehen, auffällig unauffällig, kleine Gruppen von Jugendlichen; insgesamt dürften es mehr als 50 sein. Die meisten mit schwarzen Kapuzenpullis und einem weißen Logo auf der Brust, einer Zwille, und fast alle mit einer gefüllten Plastiktüte in der Hand.

Manchmal ruft jemand, einzelne Gruppen sprinten dann los in die Dunkelheit. "Wir warten auf Angreifer", sagt Ben*. Der 18-Jährige macht gerade sein Abitur - und liefert sich schon seit einer Woche nächtliche Auseinandersetzungen mit Abiturienten anderer Gymnasien.

Welchen Charakter diese Aktionen haben, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Von Rechtsradikalen und Fußball-Hooligans raunen Lokalzeitungen und -sender, mehrere Schulleiter haben Anzeige erstattet, unter anderem wegen Sachbeschädigungen. Und weil im Vorjahr erheblicher Sachschaden entstanden war.

Die Direktorenkonferenz warnt vor unhaltbaren Zuständen und fordert strenge Strafen für Schüler, die sich an "Provokationen" beteiligen. Streifenwagen patrouillieren, einzelne Schulen drohten schon mit Absage der Abi-Feierlichkeiten. Der "Express" titelte: "Ist das Abi oder Asi?"

"Keine bleibenden Beschädigungen"

Ben und seine Freunde sehen es anders. "Klar wollten wir die anderen Schulen provozieren, damit wir nachts was erleben." Vor allem um Wasserbombenschlachten geht es den Abiturienten. Fast immer haben sie deshalb die Tüten mit den gefüllten Ballons dabei. "Nur, wenn ich pitschnass nach Hause komme, war die Nacht gut", sagt Samuel, einer der Wortführer. Am Humboldt-Gymnasium haben sie deshalb eine Gruppe wiederbelebt, die es bei den Abiturienten schon in den Vorjahren gab: Das "Kölsch Kraat Kommando". "Kraat" ist dabei mit "Kröte" nur unzureichend ins Hochdeutsche übersetzt; der Begriff wird auch als teils herabsetzende, teils selbstironische Bezeichnung für Unterschichten-Angehörige verwendet.

KKK lautet die gängige Abkürzung - was den Verdacht weckte, die Gruppe sympathisiere mit dem Ku-Klux-Klan. "Völliger Schwachsinn", sagt Samuel und zeigt auf sein Gesicht, "schau' mich an: Ich bin eindeutig jemand mit Migrationshintergrund." Um Spaß gehe es und darum, "dass was los ist in dieser letzten Unterrichtswoche". Wichtig sei, "dass keine bleibenden Beschädigungen entstehen", ergänzt Ben. Auch wenn es natürlich manche "Idioten" gebe, die mehr als nur Mehl- und Wasserbomben werfen wollen.

"Stellt Euch!", fordert das Kommando die Konkurrenten auf

Angeheizt hatte das "Kommando" die Wasserschlachten mit einer Aktion: An anderen Gymnasien wurden Transparente aufgehängt, die von halbwegs lustig ("KKKniet nieder!") bis infantil ("HodenKKKirchen" am Gymnasium Rodenkirchen) reichten. Fotos davon erscheinen auf einer eigenen Facebook-Seite. Parallel dazu tauchte im Netz ein professionell gemachtes Video auf, in dem die KKK-Aktivisten die anderen Schüler der Stadt aufforderten: "Stellt Euch!"

Die nahmen diese Aufforderung offenbar gern an - und seither berichten Eltern über nachts abwesende Sprösslinge. Die warten im Dunkeln auf die nächste große Wasserschlacht, schwelgen in Erinnerungen ("Hammer, Alter, am Dienstag war's echt geil") - und ärgern sich in dieser Nacht darüber, dass nichts los ist. Nur einmal kommt ein Auto vorbei, aus dem jemand "Scheiß KKK!" ruft. Der Wagen wird an der nächsten roten Ampel mit ein paar Wasserballons eingedeckt, das war's. Weil so wenig passiert, bewerfen sich die KKK-Abiturienten zwischendurch auch mal selbst.

"Na, dann halt Auswärtsspiel", sagt Samuel irgendwann. Ein gutes Dutzend Schüler machen sich auf zum Friedrich-Wilhelm-Gymnasium im nächsten Stadtteil. Die Wasserbomben wurfbereit, schleichen sie sich an - und müssen enttäuscht feststellen, dass die FWG-Abiturienten gar keine Wachen vor ihrer Schule aufgestellt haben. "Ist ja langweilig, da kannst du ja alles machen", sagt eine Schülerin. Lustlos klebt die Gruppe ein paar "Kölsch Kraat Kommando"-Aufkleber auf die Eingangstür, dann verziehen sie sich wieder. "Es ist gleich Eins, ich muss nach Hause, meine Mutter macht sonst Stress", sagt einer der Schüler, bevor er verschwindet.

"Jetzt liegt nur noch eine Nacht vor uns", sagt Ben. Am Donnerstagnachmittag soll es eine große, einstündige öffentliche Wasserbombenschlacht in einem Park geben, nachts müsse dann noch mal die eigene Schule verteidigt werden - "und dann muss ich ja auch mal anfangen, für's Abi zu lernen." Dass er von seinem Schulleiter zwischendurch zwangsverpflichtet wurde, die von anderen Schülern mit Mehlpampe, Eiern und Asche verdreckte Fassade seines Gymnasiums zu reinigen, findet er "völlig okay". Denn: "Wir verraten doch nicht, wer das war."

Dass er mit diesem Ehrenkodex in der Tradition Erich Kästners steht, der im "Fliegenden Klassenzimmer" ähnliche Schulrivalitäten beschrieben hat, darüber hat der Abiturient noch nicht nachgedacht. Aber jetzt ist dafür auch nicht der richtige Zeitpunkt, findet er: "Zeit für's Bett", sagt Ben und macht sich auf den Weg nach Hause. "Ich hab ja später offiziell auch noch Unterricht."

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