Klassenfahrten "Mallorca finde ich daneben"

Bei der Auswahl von Zielen für Klassenreisen regiert eine neue Bescheidenheit: Nah soll es sein, günstig und pädagogisch wertvoll. Trotzdem stellt das Reisebudget für die Sprösslinge ärmere Familien vor Probleme. Sie melden die Kinder lieber krank als ihre Not zu offenbaren.


Nah ist schön: Klasse beim Gänsemarsch über den Deich
GMS

Nah ist schön: Klasse beim Gänsemarsch über den Deich

Wenn es nach den Schülern ginge, könnten Klassenfahrten gar nicht weit genug weg führen. Vor allem in den Oberstufen der Gymnasien haben Eltern und Lehrer das kollektive Fernweh lange Zeit nach Kräften unterstützt. Mittlerweile gibt es aber auch gegenläufige Trends: An manchen Schulen sind durch Mehrarbeit belastete Lehrer zu den Dienstreisen nicht mehr bereit. Andernorts werden die Ziele bescheidener, weil Eltern das Geld zusammen halten müssen.

Dass inzwischen oft Pädagogik vor Exotik geht, halten Experten eher für heilsam. "Reine Touristikfahrten lehnen wir ab", sagt Wilfried Steinert, Vorsitzender des Bundeselternrats. "Eine Reise nach Mallorca finde ich daneben", sagt auch Heidemarie Mundlos, Vorsitzende des Deutschen Elternvereins in Braunschweig.

Am Gymnasium Vilsbiburg in Bayern ist in diesem Jahr jede zweite Fahrt gestrichen worden. "Die Reisekostenmittel reichen hinten und vorne nicht", sagt Josef Kraus, Leiter der Schule und zugleich Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes in Bonn. Die Fahrten werden nur genehmigt, wenn die Reisekosten gedeckt sind.

Lehrer legen drauf

Und das gelingt in Zeiten knapper Kassen in Vilsbiburg und andernorts oft nur, wenn die Lehrer auf eine Erstattung ihrer eigenen Reisekosten verzichten, erläutert Paul Michel, Justiziar der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Frankfurt. Dazu aber ist nicht jeder Pädagoge bereit, angestellten Lehrern ist es seit einem neuen Urteil des Bundesarbeitsgerichts sogar verboten (Az.: 6 AZR 323/02). Die Zahl der Fahrten gehe bundesweit zurück, so Michel.

"Reine Touristikfahrten lehnen wir ab": Strand von El Arenal auf Mallorca
DPA

"Reine Touristikfahrten lehnen wir ab": Strand von El Arenal auf Mallorca

In der Haupt- und Realschule wird bei Klassenfahrten schon länger gespart, sagt Elternsprecher Steinert. In den Gymnasien seien die Reisen dagegen eher exklusiver geworden. "Oberstufenschüler fliegen heute für eine Woche nach Irland oder fahren mit dem Bus nach Griechenland", sagt Lehrerverbandssprecher Kraus. "Das war vor 15, 20 Jahren nur einigen wenigen Gymnasien vorbehalten." Am Gymnasium Vilsbiburg liegt die Schmerzgrenze für Auslandsfahrten bei 500 Euro inklusive Taschengeld. "Sonst haben wir eine soziale Selektion."

Für Kinder aus weniger wohlhabenden Familien gibt es zwar verschiedene Formen der Unterstützung, vom Förderverein bis hin zum Sozialamt. "Viele Eltern trauten sich aus Scham aber nicht, die Möglichkeiten wahrzunehmen", sagt Martina Schmerr, bei der GEW Referentin im Vorstandsbereich Schule. "Die sagen dann eher: Mein Kind ist krank."

Je teurer die Reise, desto höher der Krankenstand

Wohlhabendere Väter und Mütter sollten laut Schmerr nicht darauf vertrauen, dass sich die weniger Betuchten schon zu Wort melden. Grundsätzlich gelte: Je teurer die Reise, desto größer die Dunkelziffer der Kinder, die aus Geldmangel zu Hause bleiben. Laut Schulleiter Krause hat es sich bewährt, wenn die Unterstützung möglichst anonym über einen Schulverein vergeben wird und am besten auch die Kinder nichts davon erfahren.

Alcopops: Hemmungsloser Alkoholkonsum
DPA

Alcopops: Hemmungsloser Alkoholkonsum

Eine gute Klassenfahrt lässt sich ohnehin mit Geld meist nicht erkaufen. "Man muss sich fragen, welchen Sinn die Reise hat", rät Elternvereins-Vorsitzende Heidemarie Mundlos. Eine Reise zu Anfang des Schuljahres diene dem Kennenlernen und der Teambildung, eine Reise am Ende des Jahrganges dem Abschied nehmen. "In beiden Fällen stehen pädagogische Ziele im Vordergrund, da muss die Reise nicht weit weg führen." Anders sei es bei Sprachreisen. Dass ein Lateinkurs nach Rom fährt, sei nachvollziehbar.

Vor allem Fahrten zum Abschluss der Schullaufbahn geraten laut Elternsprecher Steinert häufig zu Billigreisen, in deren Mittelpunkt hemmungsloser Alkoholkonsum steht. "Da fährt dann die 10. Klasse eineinhalb Tage mit dem Bus nach Rimini hin und eineinhalb Tagen zurück, um vor Ort zwei Tage lang zu saufen."

Saufexzesse in der Oberstufe

"In den höheren Jahrgängen ist Alkoholkonsum ein Kernproblem", bestätigt Josef Kraus vom Lehrerverband. Aber selbst mit gut behüteten 13-Jährigen erlebten Lehrkräfte auf Klassenfahrten nicht selten unliebsame Überraschungen: "Man ist immer heilfroh, wenn alle wohlbehalten zurück sind." Im Vilsbiburger Gymnasium müssen Eltern ihr schriftliches Einverständnis geben, dass Kinder, die sich nicht an die Spielregeln halten, auf eigene Verantwortung heimreisen.

Auch ein zu üppig bemessenes Taschengeld kann auf der Reise zu Schwierigkeiten führen. "Einige hauen jeden Tag 50 Euro auf den Kopf, anderen müssen auf jeden Cent achten", beobachtet Kraus. Steiner rät, der Tochter oder dem Sohn vor der Reise auch zu erklären, wie das Taschengeld sinnvoll eingeteilt werden kann, so dass am Ende auch noch ein bisschen für Mitbringsel übrig bleibt.

Am wichtigsten aber sei, dass sich die Eltern bei der Vorbereitung der Fahrt nicht nur nach dem Reiseziel, sondern auch nach dem pädagogischen Konzept erkundigen. Inhalte und Bildungsziele seien klar zu definieren, fordert Steinert. Auf jeden Fall aber biete die Reise eine Chance, dass sich Lehrer und Schüler einmal ganz anders erleben. Steinert selbst hat gute Erfahrungen mit Klassenreisen gemacht: An der Grundschule Templin in Brandenburg, wo er als Schulleiter tätig ist, beginnt der erste Schultag der Erstklässler mit der Abreise zur Klassenfahrt.

Von Swantje Werner, gms



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