Klatsche für deutsche Lehrer Satt, überaltert, ausgebrannt

Genau eine Woche nach der letzten Schelte bekommt das deutsche Bildungssystem von der OECD erneut schlechte Noten. Die deutschen Lehrer seien zwar zumeist fachlich fit, doch ruhten sie sich gerne auf ihren Lorbeeren aus. Schuld daran: der Beamtenstatus.


Schule in der Kritik: "Wenig effektive Lehrkräfte"
DDP

Schule in der Kritik: "Wenig effektive Lehrkräfte"

Erneut stellt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) dem deutschen Bildungssystem ein schlechtes Zeugnis aus. Diesmal bekommen die Pädagogen an Deutschlands Schulen ihr Fett weg: Der deutsche Lehrerstand sei im internationalen Vergleich zwar sehr gut bezahlt, aber überaltert und ausgebrannt, konstatiert die OECD-Studie "Anwerbung, berufliche Entwicklung und Verbleib von qualifizierten Lehrerinnen und Lehrern", die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Die Bildungsforscher bescheinigen den deutschen Lehrern außerdem geringe Leistungsbereitschaft, mangelndes Interesse an Weiterbildung und unzureichende Ausbildung für den Schulalltag. Die deutschen Kollegien gehörten im internationalen OECD-Ländervergleich zu den betagtesten: 45 Prozent der Grundschullehrer waren im Jahr 2001 über 49 Jahre alt. Nur in Italien sind die Pädagogen noch älter.

Beamtenstatus bremst

Bemängelt wird von den Gutachtern insbesondere der Beamtenstatus der Lehrer. Er führe dazu, dass über die tatsächlich geleistete Arbeit nicht ausreichend Rechenschaft abgelegt werde. Der Beamtenstatus verhindert nach Meinung der OECD notwendige Neuerungen. Zwar werde damit den Pädagogen eine hohe Arbeitsplatzsicherheit garantiert, doch hätten die Lehrer so keinen Anreiz, ihr Wissen und ihre Arbeit zu verbessern. Das Beamtentum lade dazu ein, dass ein Lehrer "sich auf seinen Lorbeeren" ausruhe. Obwohl die deutschen Lehrer zu den bestbezahlten gehören, sei ihre Arbeitszufriedenheit gering.

Kritik übt die OECD auch an der Aus- und Weiterbildung von Lehrern in Deutschland: Den deutschen Paukern wird zwar gutes Fachwissen bescheinigt, doch die Vermittlung des Stoffes an die Schüler werde an der Uni nur in engen Fachgrenzen gelehrt. Auch der spätere Ausbau der Fertigkeiten im Beruf sei dem Einzelnen überlassen und hänge "von seinem Interesse und Enthusiasmus ab".

Grafik zu Deutschlands Lehrern: Überaltert und ausgebrannt?
DER SPIEGEL

Grafik zu Deutschlands Lehrern: Überaltert und ausgebrannt?

"Schüler und deren Lehrer finden sich in der Regel mit weniger effektiven Lehrkräften ab, die den in den Lehrplänen vorgesehenen Stoff wohl vermitteln, aber ihre Qualifikation im Laufe der Jahre nicht weiterentwickelt haben", heißt es im Bericht.

In der vergangenen Woche hatte bereits ein andere Studie der OECD für Aufsehen gesorgt. Kernaussage: Das deutsche Bildungssystem falle weiter zurück und drohe den Anschluss an die anderen Länder zu verlieren, lautete das Fazit. Die OECD vergleicht regelmäßig das Bildungsniveau von 24 westlichen Industrienationen.

"Keine Schimpfkanonaden"

Bildungspolitiker taten sich in ersten Reaktionen schwer mit der neuerlichen Klatsche für das deutsche Bildungssystem. Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK), die rheinland-pfälzische Kultusministerin Doris Ahnen (SPD), sagte, man nehme die Expertenstudie "sehr ernst", wolle aber statt einer "aufgeregten Debatte eine langsame Prüfung". Anders als in der vergangenen Woche, als OECD-Experte Andreas Schleicher die Studie "Bildung auf einen Blick" vorstellte, waren die OECD-Experten diesmal nicht zur Präsentation eingeladen. Für die Studie hatte ein fünfköpfiges internationales Expertenteam im Herbst 2003 mehrere Bundesländer besucht.

Andere Bildungspolitiker warnten in ersten Reaktionen vor einer generellen Beschimpfung der deutschen Lehrer. Deren Arbeit müsse in der Gesellschaft vielmehr stärker "wahrgenommen und höher eingeschätzt werden", betonte die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan (CDU). Auch der bildungspolitische Sprecher der SPD, Jörg Tauss, warnt vor einer "Schimpfkanonade" gegen den Lehrerstand. Vielmehr müssten Rahmenbedingungen wie Ausbildung und Bezahlung besser gestaltet werden.

Die Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bundestag, Ulrike Flach (FDP), geht einen Schritt weiter und fordert die Abschaffung des "überholten Beamtenstatus". Auch müsse über "Einstellungen, Beförderungen und Entlassungen von Lehrern in den Schulen und nicht in den Schreibstuben der Kultusministerien entschieden werden".

Die Lehrer-Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) will stattdessen ein neues Lehrer-Leitbild verankert haben. Aus- und Fortbildung müsse sich künftig an einem neuen Vorbild und nicht an "Schularten wie vor 100 Jahren" orientieren.

Zwar betont die neue Lehrer-Studie auch den Reformwillen Deutschlands. Doch die Untersuchung stellt im gleichen Atemzug fest, dass die Umstellungen nur sehr vorsichtig von statten gehen und der "angestrebte Zeithorizont oft sehr lang ist". Die Bundesrepublik sei "Spätzünder" bei den Bildungsreformen.



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