AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2003

Kleine nackte Griechen

An der Traditionsuniversität in Tübingen halten Professoren vor Grundschülern Vorlesungen über die Rätsel des Lebens. Die Kinder kommen in Scharen.


Adriana ist 14 und seit drei WochenStudentin. Selbstbewusst hat sie ihren Eltern erklärt, siegehe nun zur Uni, und hat gleich noch ihre Freundin Lauramitgeschleppt. Die ist 13 und trägt Zahnspange.

Tübinger Kinder-Vorlesung: Mit 13 an die Uni
DDP

Tübinger Kinder-Vorlesung: Mit 13 an die Uni

Hartnäckig verteidigen die Mädchen ihre Plätze in derersten Reihe. Schon eine Dreiviertelstunde vorVorlesungsbeginn ist der große Hörsaal im Kupferbauproppenvoll - mit 700 Kindern. Routiniert wieLangzeitstudenten drängeln sie zu ihren Sitzen. "Heutewird's interessant", kommentiert ein Rotschopf lässig dasThema des Tages. "Die Frau erzählt was von nacktenFiguren."Warum sind griechische Statuen immer nackt? Warum bin ichich? Warum träumen wir? Weil die wenigsten Eltern solchrätselhafte Fragen beantworten können, müssen imschwäbischen Tübingen die Gelehrten ran. Schon zum zweitenMal bietet die Eberhard Karls Universität dort imSommersemester eine "Kinder-Uni" an: Dienstagnachmittags umfünf lesen die Professoren des Städtchens vor Schülern imAlter zwischen 7 und 14 Jahren.Bis zu tausend Kinder stürmen mitunter in die Vorlesung,die engagierten Pädagogen anderer Städte mittlerweile alsVorbild für innovatives Lernen gilt: In Stuttgart und Baselsoll bald ein ähnliches Projekt beginnen; in Rom existiertbereits eine Tübinger Außenstelle. Das Buch zur erstenVortragsreihe hält sich seit Wochen auf derBestsellerliste*.Auch die aktuelle Vorlesungsstaffel soll wieder nachzulesensein: Ein Jurist wird erklären, warum Kinder weniger dürfenals Erwachsene; ein Astrophysiker erzählt, warum die Sternenicht vom Himmel fallen; ein Molekularbiologe beantwortet,warum die Pflanzen wachsen. Mehr Geld bekommen dieUni-Professoren nicht für ihre schlauen Worte - bloß eineDonald-Duck-Ente mit Doktorhut.Was aussieht wie die Kampagne einer traditionsreichenLehranstalt gegen den Pisa-Notstand, entsprang der Launezweier Journalisten. Ulrich Janßen und Ulla Steuernagel,Redakteure beim "Schwäbischen Tagblatt", "wollten einfachnur die Kinder begeistern" - und das gelang ihnen in derBildungsbürgerstadt Tübingen auf Anhieb. Noch bevorExperten darüber stritten, welche Konsequenzen aus derinternationalen Bildungsstudie Pisa gezogen werden müssten,hatten Janßen und Steuernagel die "Kinder-Uni" mit demÖffentlichkeitsbeauftragten der Universität, MichaelSeifert, geplant. "Irgendein großartiges pädagogischesKonzept hatten wir dabei allerdings nicht im Sinn", sagtSteuernagel und grinst.
Nobelpreisträgerin Christiane Nuesslein-Vollhardt: Dozierte vor 600 Kindern
DDP

Nobelpreisträgerin Christiane Nuesslein-Vollhardt: Dozierte vor 600 Kindern

Aber eine Bedingung: Erwachsene dürfen den Hörsaal nur inBegleitung eines Kindes betreten. Und die kostbarenSitzplätze sind für sie tabu. Also stehen ein paar Mütterund Väter an der Wand, andere hocken auf den Stufen amRand. Die meisten Junghörer kommen ohnehin am liebstenallein.Viertel nach fünf, das Auditorium wird unruhig. "Jetzt solluns die Dame da vorne mal sagen, wie das mit den Statuenist", fordert Adriana ungeduldig. Doch die Expertin fürnackte Griechen, die Archäologieprofessorin BettinaBaronesse von Freytag genannt Löringhoff, muss erst einmalihren schillernden Namen erklären. "Löringhoff ist keinSpitzname. Die Burg unserer Familie in Westfalen hieß so",sagt sie. "Am besten, ihr nennt mich Freytag."

Dann projiziert die Baronesse Bilder von WC-Schildern andie Leinwand. "Die Zeichen für Herren und Damenunterscheiden sich nur durch das Kleid der Frau", beginntsie den Vortrag. "Betont wird also immer das, was wichtigist. So ist das auch bei den griechischen Statuen: Da habendie Bildhauer den edlen Körper hervorgehoben."Zwanzig Minuten und viele Dias später wissen die Kinder,dass keinesfalls jeder einfache Grieche, sondern nurSportler, Helden und Götter nackt porträtiert wurden."Wegen ihrer tollen Körper waren sie richtige Promis",erklärt Freytag, "so wie heute Daniel aus ,Deutschlandsucht den Superstar'."Die Kinder prusten. "Wem es nicht gelingt, sein Thema ineine einfache Sprache zu packen, geht hier hoffnungslosbaden", kommentiert Seifert. "Mit abgehobenem Akademikertumkommt man nicht weit."Unter den Professoren gilt die Kinder-Uni deshalb alsHerausforderung: Es kostet eine Menge Vorbereitung,Hunderte Kinder 45 Minuten lang nicht zu langweilen. DieEntwicklungsbiologin und Nobelpreisträgerin ChristianeNüsslein-Volhard, gewohnt an ein ehrfürchtiges Auditoriummit Fremdwortkenntnis, habe bei ihrem Vortrag über dasKlonen zwischendurch ganz schön geschwitzt, erzähltSeifert.

Auch die Baronesse kämpft ein bisschen. Im Saal schwindetdie Aufmerksamkeit: Zwei Mädchen in der fünften Reiheflechten sich Zöpfe, vor einem kleinen Jungen in Reihe vierliegt griffbereit ein Gameboy. Selbst die"Überraschung", die Freytag mitgebracht hat, weckt keineNeugier. Unbeachtet liegt die Kopie eines antikenReinigungssets aus Schabern und Schwämmchen auf dem Pult."Das ist so eine Art Menschenstriegel. Der durfte in keinemTurnbeutel fehlen", macht die Professorin Werbung für ihrMitbringsel. "Die nackten Sportler haben sich damit abendsdas Öl, ihren Sonnenschutz, vom Leib geputzt."Mittlerweile quasseln die ersten schon mit ihrenBanknachbarn - höchste Zeit für eine persönliche Ansprache:"Wer von euch geht aufs Gymnasium?", fragt Freytagunvermittelt und hat ihr Publikum wieder unter Kontrolle.Zig Hände schnellen in die Luft. "Wisst ihr, was dasheißt?" Ein paar Vorwitzige rufen: "Gymnastik." "Das Wortkommt von gymnós", erklärt sie. "Das heißt ,nackt'. Diekleinen griechischen Jungen haben ohne Gewänder trainiert."Die Kinder kichern - zu komisch ist die Vorstellung, selbsteinmal nackt bei den Bundesjugendspielen anzutreten.Ob und was die Schüler aus den Vorlesungen tatsächlichlernen, soll eine Begleitstudie klären. "Manche verstehenohnehin nicht alles, weil sie noch zu klein sind", sagtSeifert "Aber wir weisen keinen ab, auch wenn einer malerst sechs ist." Die zehnjährige Sophie hat vom vergangenenDienstag immerhin behalten, dass "der kleine Mann im Ohr"die Gehörknöchelchen sind: "Die machen kleine Schallwellenzu großen, und deshalb hören wir."Seifert hält solch abfragbares Wissen für zweitrangig. Vielwichtiger ist ihm, dass Kinder sich so früh wie möglichohne Scheu auf dem Campus bewegen und informieren. "Es istein riesiges Manko, dass die meisten Abiturienten keineVorstellung von einer Uni haben, wenn sie sich für einStudium entscheiden."Laura hat schon nach zwei Sitzungen eine ziemlich genaueVorstellung von den Vorzügen akademischer Vorlesungen: "Ichfinde es klasse, dass man nebenbei essen, trinken undKaugummi kauen kann", sagt sie.Adriana, die in die Hauptschule geht und später"irgendwelche Autos für Mercedes-Benz" reparieren will,fasziniert vor allem die "echte" Uni-Atmosphäre: die Mensa,in der sie essen darf, der Kinder-Studentenausweis, dasStudienbuch. "Ich kann hier alles so machen wie dieGroßen", erklärt sie den Erfolg des Projekts mit ihrenWorten und klopft mit den Fingerknochen hingebungsvollBeifall, als Freytag die letzte nackte Statue zeigt.Dann allerdings steht die Baronesse wieder auf demPrüfstand - und versagt. Bei dem Quiz, mit dem jedeVorlesung endet, gewinnt das Kinderteam. Die Professorinhat einfach keine Ahnung von Popmusik. Ketchup kennt sienur als rote Soße - nicht aber als Hit der spanischen Band"Las Ketchup".Ihrer gerechten Strafe entkommt sie nicht: Minutenlangkreischen 700 Kinder in dem halligen Hörsaal lauthalsHurra. KATJATHIMM
* Ulrich Janßen, Ulla Steuernagel: "Die Kinder-Uni.Forscher erklären die Rätsel der Welt". DeutscheVerlags-Anstalt, Stuttgart; 224 Seiten; 19,90 Euro.



© DER SPIEGEL 21/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.