Volksbegehren zur Gymnasialzeit Die Schulpolitik braucht weniger Demokratie

Mehr Mitbestimmung ist ein hehres Ziel, nur nicht in Fragen der Schulpolitik. In einem Volksbegehren stimmen Bayerns Wähler nun über die Dauer der Gymnasialzeit ab. Dass Eltern an Einfluss gewinnen, ist ein bundesweiter Trend - und gefährlich.

Schüler in Abiturprüfung: Kein einheitliches Schulsystem
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Schüler in Abiturprüfung: Kein einheitliches Schulsystem

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In Basisdemokratie haben sich bislang weder die Institution Gymnasium noch der Freistaat Bayern besonders hervorgetan. Deshalb stehen die Wähler in Bayern und insbesondere die Eltern bayerischer Schulkinder ab diesem Donnerstag vor einer ungewohnten Aufgabe: Sie dürfen und sollen mitreden. In den kommenden zwei Wochen läuft ein Volksbegehren, welches die Freien Wähler initiiert haben. Ist die Initiative erfolgreich, werden künftig die Gymnasien in Bayern selbst entscheiden dürfen, ob sie bei der achtjährigen Gymnasialzeit bleiben, lieber wieder G9 einführen oder gar beide Varianten an einer Schule anbieten.

Parallel dazu hat auch die regierende CSU einen, so Ministerpräsident Horst Seehofer, "ergebnisoffenen Dialogprozess" angestoßen. Sie will ebenfalls herausfinden, wie viele Jahre Gymnasiasten im Freistaat zur Schule gehen sollen. Dazu befragt auch sie die Beteiligten, vom Philologenverband bis zu Elternvereinigungen.

Noch ist nicht sicher, ob die Organisatoren des Volksbegehrens genügend Stimmen zusammenbekommen. Immerhin 950.000 Unterschriften braucht es, um einen Volksentscheid über G8 und G9 herbeizuführen. Noch ist außerdem unklar, wie sich die CSU verhält. Reformen bei der Gymnasialdauer hat sie jedenfalls schon angekündigt. Beim etablierten G8, so viel steht fest, wird es nicht bleiben.

Eltern hatten noch nie so viel Einfluss auf Schulpolitik

Die neue Basisdemokratie in Bayern steht für einen fundamentalen Wandel in der Schulpolitik, der sich bundesweit zeigt: Wohl noch nie haben Eltern so viel Einfluss darauf genommen, wie die Bildungsanstalten in der Bundesrepublik organisiert sind. In vielen Bundesländern kämpfen Initiativen für die Rückkehr zu G9, auch in Hamburg steht bald ein Wählervotum an. Man kann dies als Fortschritt begrüßen oder als zeitgemäßen Ausdruck der modernen Multi-Options-Gesellschaft.

Doch die Mitsprache hat ihren Preis. Darauf machten unlängst namhafte Bildungsforscher in einem Aufruf aufmerksam: Die Wissenschaftler wandten sich gegen die Rolle rückwärts beim G9. Sie riefen stattdessen zu einer "Versachlichung der Debatte" auf, notwendig seien "pädagogische Impulse für die Lehr- und Lernprozesse eines modernen Gymnasiums".

Die ungewöhnliche Intervention aus der Wissenschaft sollte die Eltern nachdenklich stimmen. Denn bundesweit wird deutlich, dass die Bildungspolitik viel Kraft damit vergeudet, den Eltern immer neue Optionen und Erleichterungen anzubieten - Kraft, die für andere Aufgaben fehlt. Mama und Papa wollen ihr Kind aufs Gymnasium schicken, auch ohne entsprechende Übergangsempfehlung der Grundschullehrer? Gern. Es fühlt sich dort gestresst? Dann reduzieren wir Stundenzahl und Hausaufgaben. Und darf es bei der Schuldauer ein bisschen mehr sein? Auch das ist möglich.

Was der Kunde an der Kühltheke hören möchte, kann kein Modell für gelingende Bildungspolitik sein. Aufgabe von Bildungspolitik ist es unter anderem, verbindliche Standards zu definieren, Leistung und Vergleichbarkeit einzufordern oder Einzelinteressen zu beschränken. Stattdessen delegieren die Kultusministerien zentrale Entscheidungen nach unten, an Kommunen und Schulkonferenzen, und verkaufen die Entscheidungsschwäche als Mitsprache.

Das G8 mag seinerzeit überhastet eingeführt worden sein, seine Rückabwicklung wird für viel Chaos sorgen.

Weniger Demokratie wagen

Mit einer Abkehr von G8 würde das Ziel vergleichbarerer Schulen und Prüfungen noch abwegiger werden. Die deutsche Schullandkarte dürfte bald zerstückelter sein als je zuvor, mit G8-Ländern, G9-Ländern und Mischterritorien. Baden-Württemberg, Hessen und Niedersachsen sind mit ihren Optionsmodellen den Eltern schon weit entgegengekommen, dort werden die Gymnasien in den kommenden Jahren einen ungeahnten Ansturm erfahren.

Früher war die CSU dafür bekannt, dass sie Themen einfach bräsig aussaß. Man würde sich wünschen, dass sie sich auf diese ambivalente Tradition besinnt, im Interesse eines halbwegs einheitlichen Schulsystems. Und man würde den Kultusministern wünschen, dass sie den Mut haben, zu unpopulären Entscheidungen zu stehen. Und in der Schulpolitik wieder weniger Demokratie zu wagen.

Zum Autor
Bernhard Riedmann/ DER SPIEGEL
Jan Friedmann, 40, ist SPIEGEL-Redakteur für Bildungsthemen und Vater zweier schulpflichtiger Kinder.

E-Mail: Jan_Friedmann@spiegel.de

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: Juni 2016

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insgesamt 140 Beiträge
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Seite 1
Meconopsis 03.07.2014
1.
Krass - das sind Aussagen eines Antidemokraten. Sie werden sich jetzt im Forum so einiges anhören müssen. Nach Abschaffung der Wehrpflicht und Straffung des Studiums braucht kein Mensch mehr das G8. Den Kindern wird ein Teil ihrer Kindheit genommen, sie werden extrem unter Leistungsdruck gesetzt und haben nur noch Zeit für die Schule. Die Folgen kann sich jeder ausmalen, dafür muss man kein Psychologe sein.
taglöhner 03.07.2014
2. Ansprüche
Es kommt nicht von ungefähr, dass die Initiative in Bayern stattfindet. Ein Bremer "Abitur" ist für ein durchschnittlich begabtes Kind wohl in 8 Jahren locker zu schaffen. Mit einem bayrischen- oder BaWü-Abitur kommt da schon erheblich mehr Stress auf.
Wissenschaftler 2014 03.07.2014
3. Hilfe - die Eltern setzen sich ein!
Dieser Kommentar ist eine Ohrfeige für alle Eltern, die sich für eine bessere Qualität an den Gymnasien einsetzen. Es geht eben nicht darum nur die Schulzeit zu verlängern. "Und darf es bei der Schuldauer ein bisschen mehr sein? Auch das ist möglich." Die Schulpolitik in Bayern der CSU zu überlassen ist eben nicht der richtige Weg.
Steve Holmes 03.07.2014
4.
Zitat von sysopDPAMehr Mitbestimmung ist ein hehres Ziel, nur nicht in Fragen der Schulpolitik. In einem Volksbegehren stimmen Bayerns Wähler nun über die Dauer der Gymnasialzeit ab. Dass Eltern an Einfluss gewinnen, ist ein bundesweiter Trend - und gefährlich. http://www.spiegel.de/schulspiegel/kommentar-zu-g8-abitur-nach-zwoelf-jahren-oder-zurueck-zu-g9-a-978598.html
Politik und auch Schule ist eine Dienstleistung für die Bürger und hat sich an deren Wünschen zu orientieren.
aboutanja 03.07.2014
5. Standard
wenn Standard doch ein erklärtes Ziel ist, welches ich für sinnvoll halte, wie kann dann dank Föderalismus jedes bundesland bestimmen wie Bildung aussieht? immer wieder hört man dass ein Abitur in den neuen Bundesländern weniger wert ist... ein einheitliches schulsystem über die Grenzen hinweg mit einheitlichen Schulbüchern sollte ein ziel werden. wie kann es sein dass drei Grundschulen in einer Stadt nicht ein gemeinsames lehrbuch haben. Erziehung obliegt größtenteils den Eltern und ich sehe jeden tag was dabei raus kommt wenn Demokratie wichtiger ist als normen und werte zu vermitteln... wir schaffen einen Staat der aussortiert und das schon so früh wie möglich. diese Tatsache wird verstärkt wenn es keine Standards gibt an denen man sich messen kann egal wo man herkommt...
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