Kopftuchkonflikt Muslimische Lehrerin will ins Ausland

Iyman Alzayed sorgt im Kopftuchstreit für eine neue Überraschung. Erst prozessierte die deutsche Muslimin, 46, für das Recht, ihr Haar zu bedecken, dann ließ sie die Klage fallen. Nun hat sie eine Beamtenstelle in Hannover ausgeschlagen und ihren Wechsel an eine ausländische Schule angekündigt - nicht ohne ihr Kopftuch.

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Iyman Alzayed ist neben Fereshta Ludin die zweite Lehrerin, die im Kopftuchstreit für bundesweite Schlagzeilen sorgte. Gemeinsam hatte die beiden Musliminnen zunächst vor dem Bundesverwaltungsgericht dafür geklagt, mit Kopftuch an staatlichen Schulen unterrichten zu dürfen. Im Mai lenkte Alzayed allerdings im Leipziger Prozess überraschend ein und zog ihre Klage zurück. Daraufhin bot ihr das Land Niedersachsen noch im Gerichtssaal eine Einstellung als Beamte an.

Lehrerin Alzayed (beim Leipziger Prozess): "Innere Zerrissenheit zu groß"
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Lehrerin Alzayed (beim Leipziger Prozess): "Innere Zerrissenheit zu groß"

Fereshta Ludin hatte ihre Klage gegen das Land Baden-Württemberg nicht zurückgezogen, konnte sich beim Bundesverwaltungsgericht allerdings nicht durchsetzen. Die Richter beurteilten die neuen Schulgesetze in beiden Bundesländern als rechtmäßig. Iyman Alzayed indes hat die ihr angebotene Stelle an einer Schule in Hannover jetzt trotz der Einigung mit dem Land abgelehnt.

"Meine innere Zerrissenheit ist zu groß gewesen", sagte Alzayed zur Begründung. Bei aller Unterstützung von Kultusministerium, Bezirksregierung und künftigen Kollegen habe sie stets mit Unbehagen daran gedacht, ihr Kopftuch ablegen zu müssen - und nun die Zusage für eine Schule im europäischen Ausland bekommen. Deshalb werde sie dorthin wechseln und ihrer "Liebe zur Haarbedeckung treu bleiben". In welches Land sie geht, wollte sie nicht verraten.

Kultusminister ist perplex

Damit hat die Auseinandersetzung um Kopftücher an staatlichen Schulen abermals eine überraschende Wendung genommen. Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann reagierte erstaunt auf die Ankündigung Alzayeds, nicht mehr im Schuldienst des Landes arbeiten zu wollen. "Es befremdet schon, dass sie sich nach dieser langen Vorgeschichte so entschieden hat und auf die Möglichkeit, hier als Lehrerin eingestellt zu werden, verzichtet", erklärte der CDU-Politiker.

Als Alzayed beim Leipziger Prozess die Segel strich, war sie erkennbar müde von den juristischen Auseinandersetzungen. Sie habe "nicht mehr die Kraft, die genaue Interpretation durch sämtliche Gerichte prüfen zu lassen", sagte sie anschließend. "Ich bin sehr glücklich, dass ich den Schlussstrich unter das Verfahren gezogen habe. Nun bin ich sehr gespannt darauf, wie es sich anfühlt, ohne Kopftuch in die Schule zu gehen. Die Umstellung wird mir sicher nicht leicht fallen."

Schüler-Demo (1999 in Hannover): Mit Kopftuch für die Lehrerin
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Schüler-Demo (1999 in Hannover): Mit Kopftuch für die Lehrerin

Iyman Alzayed ist gebürtige Deutsche, hieß früher Iris Pörtge und wuchs in einem Dorf nahe Hannover auf. Nach ihrem Studium der Pädagogik für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen sattelte sie noch Waldorfpädagogik und Arabistik drauf. Später heiratete sie einen Syrer und konvertierte 1990 vom evangelischen zum islamischen Bekenntnis.

Alzayed unterrichtete an einer Privatschule für verhaltensgestörte Kinder, an Waldorfschulen und an der Volkshochschule. 1999 schien ihr eine Stelle an einer staatlichen Grundschule in Soltau in der Lüneburger Heide bereits sicher. Der Personalrat beschrieb sie als "kompetente, offene und sehr aufgeschlossene Pädagogin, die rasch unsere Herzen gewann", mit Kopftuch. Und auch der Schulleiter sagte, Alzayed sei "hervorragend für die Arbeit an unserer Schule qualifiziert".

Quälender Prozessmarathon

Im Lehrplan war sie bereits für die Klasse 3b eingeteilt, durfte die Stelle dann aber nicht antreten, weil die Lüneburger Bezirksregierung gegen sie entschied. Die Eltern bangten um den geregelten Unterricht. Mitsamt den Drittklässlern reisten Mütter und Väter nach Hannover, wo die Schüler sich Kopftücher aufsetzten und vor dem Kultusministerium demonstrierten.

Verzichtet auf die Verbeamtung: Iyman Alzayed
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Verzichtet auf die Verbeamtung: Iyman Alzayed

Die Proteste fruchteten nicht. Obwohl es keine Indizien dafür gab, dass Alzayed den Schulfrieden gefährdete, stellte das Land sie vor die Wahl "Kopftuch oder Klassenzimmer". Die Muslimin wehrte sich gegen das "Berufsverbot" und kämpfte für ihr "Recht auf Unterricht".

"Das Kopftuch ist einfach meine Art, mich zu kleiden. Dass ich meine Haare nicht zeige, ist selbstverständlich religiös und nicht politisch motiviert", sagte Alzayed. In erster Instanz vor dem Verwaltungsgericht Lüneburg im Jahr 2000 hatte sie noch gewonnen, doch knapp zwei Jahre später kassierte das Oberverwaltungsgericht die Entscheidung und wies die Klage auf Einstellung als Beamtin auf Probe ab.

Anschließend ruhte das Verfahren bis zur Leipziger Entscheidung. Mit 46 Jahren schien Alzayed, die auch Vorsitzende der Deutschen Muslim-Liga ist, endlich eine feste Stelle in Niedersachsen zu wollen - nun allerdings hat sie ihre Meinung geändert und zieht offenbar das Ausland vor.

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