Krach in der Schule Schmoren auf der roten Strafbank

An der Reeperbahn, morgens um zehn: Die Kinder der Ganztagsschule St. Pauli haben große Pause. Wachleute braucht die Schule nicht, obwohl sie mitten im Problemkiez liegt. Die Lehrer haben bessere Ideen, wie sie ihre Schüler im Zaum halten können.

Von Katrin Schmiedekampf


Heute muss niemand auf die rote Bank. Ausnahmsweise. Denn es regnet, die Bänke auf dem Schulhof der Ganztagsschule St. Pauli sind nass. "Du begleitest mich stattdessen ein Stück", sagt die Pausenaufsicht zu dem Jungen im gelben Pullover. Er hatte gerade Streit mit einem schwarzhaarigen Mädchen. "Du kannst mich mal!", "Hau ab!" - es ging hin und her, bis das Mädchen plötzlich ganz laut "Stopp" gerufen hat.

Stopp - an der Ganztagsschule in St. Pauli bedeutet das so viel wie: Mir reicht's, hau ab. Stopp rufen darf jeder, der das Gefühl hat, ihm rückt jemand zu sehr auf die Pelle. Wer dann nicht sofort aufhört, zu schreien, zu schlagen und zu toben, landet auf der roten Bank- und muss dort drei bis fünf Minuten schmoren. "Das hilft meistens, die Gemüter beruhigen sich", sagt Axel Wiest, seit zwölf Jahren Sozialarbeiter an der Ganztagsschule.

Im Berliner Stadtteil Neukölln sollen ab dem nächsten Schuljahr Sicherheitsleute die Schulhöfe überwachen. Die Lehrer dort wissen sich nicht mehr anders zu helfen - zu oft war es in den letzten Monaten zu gewalttätigen Übergriffen gekommen. Auch Hamburg St. Pauli ist ein Problemviertel, in der Nähe der Reeperbahn leben viele Arbeitslose und Alkoholiker. Doch die Lehrer und Sozialarbeiter der St.-Pauli-Ganztagsschule haben sich Konzepte überlegt, mit denen sie ihre Schüler in Schach halten können. Die roten Bänke und der Stopp-Trick gehören dazu.

Bänke wie beim Eishockey

"Vor den Ferien ist die Stimmung aggressiver. Die Schüler haben einfach keine Lust mehr", erzählt die Lehrerin, die nun mit dem Jungen im gelben Pulli über den Pausenhof schlendert. Gemeinsam drehen sie eine Runde, vorbei an Schülern in schwarzen Jacken, die sich Lieder auf ihren Handys anhören, an kleinen Mädchen unter einem rosafarbenen Schirm und Jungen, die eng zusammen stehen und Karten mit Drachenmotiven tauschen. Nach fünf Minuten ist der Störenfried wieder frei und rennt in Richtung Fußballfeld.

Die Ganztagsschule St. Pauli ist für viele eine Durchgangsstation. Ein Teil der Schüler bricht die Schule wieder ab. Sie schaffen es nicht, regelmäßig hinzugehen. Es gibt zwar auch überbesorgte Mütter und Väter, die die ganze Pause über ihre Kinder wachen. Aber ein Großteil der Eltern kümmert sich kaum um den Nachwuchs. Die Erwachsenen haben andere Sorgen: Arbeitslosigkeit, Streit, Alkohol. Schüler, die zu Hause Schwierigkeiten haben, bringen die Probleme mit in die Schule. Auf dem Schulhof gibt's darum immer wieder Stress.

"Jeder Eklat beginnt im Kleinen. Wenn man nichts macht, wird es immer schlimmer", sagt Wiest. Darum wurden im letzten Winter die roten Bänke eingeführt. Die Idee stammt aus dem Eishockey - auch dort gibt es Strafbänke. Wiest: "Seit wir die Bänke haben, ist es in der Schule deutlich ruhiger geworden."

"Ich stehe einfach auf und gehe"

Als er über den Schulhof geht, rennen sofort fünf Kinder auf ihn zu. "Herr Wiest, wieso hast Du rote Schuhe an, Hallo Herr Wiest, Herr Wiiiiiest!", rufen sie. Jeder möchte von dem grauhaarigen Mann mit dem roten Pullover und dem Polohemd beachtet werden. Macht jemand Blödsinn, reicht es oft auch aus, wenn Wiest ihm signalisiert: Ich hab's gesehen. Manche Jungs fragen ihn: "Herr Wiest, was muss ich tun, um gut zu sein?" "Die wissen, dass sie in der Arbeitswelt nicht klarkommen werden, wenn sie sich nicht ändern. Aber sie haben keine Ahnung, wie sie sich ändern sollen", sagt Wiest.

Die beiden Achtklässler Abdssamad, 16, und Ljubisa, 15, mussten schon oft die rote Bank drücken. Mal haben sie den Jüngeren den Ball geklaut, mal das Schulgelände verlassen. Doch so richtig ernst nehmen die beiden das Banksitzen nicht - jedenfalls behaupten sie das. "Ich stehe einfach auf und gehe", sagt Ljubisa, der das gleiche Käppi wie sein Freund trägt. "Wenn man sich da kurz hinsetzt, um sich auszuruhen, fragen die anderen, was man angestellt hat. Das nervt voll", sagt Janni, 14, der sich gerade zu Abdsammad und Ljubisa gestellt hat.

Folgenlos bleibt es nicht, wenn ein Schüler einfach aufspringt und wegläuft. Es gibt eine Meldung an den Klassenlehrer. "Der denkt sich dann Dinge aus, die der Störenfried machen muss. Stühle hochstellen, die Tafel wischen, aufräumen - irgendwas fällt ihm bestimmt ein", sagt Wiest. Außerdem gibt es einmal in der Woche die Möglichkeit, im Klassenrat über Probleme zu reden. "Wenn einer den anderen 'Arsch' genannt hat, kommt das auf den Tisch", sagt Wiest. Der Störenfried muss dem anderen die Hand geben, sich entschuldigen - und ihm dabei in die Augen schauen. Der Betroffene wird gefragt: "Nimmst du das an?"

Keine Sprechstunde im Büro

Nicht nur Schulhof-Streit wird im Klassenrat besprochen - auch Persönliches. "Manchmal kommen richtig dramatische Geschichten hoch", sagt Wiest. Zum Beispiel, dass Eltern sich gestritten haben oder jemand geschlagen wurde. "Die anderen Kinder geben dann Tipps, wie sich der Betroffene am besten verhalten soll. Außerdem nehmen sie Rücksicht." Sprechstunden anzubieten, in denen Kinder ihn in seinem Büro besuchen können - davon hält der Sozialarbeiter nichts. "Da erzählt doch eh keiner was."

Wenn ein Störenfried weder durch den Klassenrat noch durch ein Gespräch mit den Eltern zur Vernunft gebracht werden kann, gibt es eine Klassenkonferenz. Die Teilnehmer: Schulleiter, Klassenlehrer, Eltern, Klassensprecher, Elternvertreter - und natürlich der Schüler selbst. Der Störer darf sich verteidigen, das Urteil aber fällen am Ende sein Klassenlehrer und der Schulleiter, ob Sozialauflage oder Ausschluss vom Unterricht.

Zweite große Pause, es hat aufgehört zu regnen. Fünf Schüler sitzen auf der roten Bank. Ob sie alle zusammen etwas angestellt haben? "Nein, wir sitzen hier nur, weil die Bank als einzige trocken ist", sagt ein türkisches Mädchen.



insgesamt 483 Beiträge
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Seite 1
oddu 02.07.2007
1.
Zitat von sysopSeit Jahren nimmt die Gewalt unter Schülern zu. Gegeninitiativen und politische sowie pädagogische Maßnahmen brachten wenig. Wie sollten effiziente Rezepte gegen die Gewalt an Schulen aussehen?
Gesangsunterricht?
bekennerschraiben, 02.07.2007
2. der direktor ist ein ignorant
Zitat von sysopSeit Jahren nimmt die Gewalt unter Schülern zu. Gegeninitiativen und politische sowie pädagogische Maßnahmen brachten wenig. Wie sollten effiziente Rezepte gegen die Gewalt an Schulen aussehen?
ich bin tatsaechlich fuer so etwas wie pruegelstrafe; lehrer, schueler, eltern sind gegenueber jungs wie im artikel beschrieben dauernd in der defensive, da nuetzt es dem direx nix wenn er grossmuetig sagen kann dass die eltern nur von hartz vier leben, wenn der spiegel sagt es handelt sich bei den jungs nur um loser mir als betroffenem schueler oder eltern betroffener schueler kann es egal sein, ob der schlaeger ein versager ist; was zaehltist dass er seine aggression an anderen auslaesst und gesetze aus prinzip ignoriert um damit protzen zu koennen - da holt er sich dann seine erfolgserlebnisse - und cih denke solchen gehoert ganz was ordentlich von staatswegen auf die muetze, denn dafuer ist der staat da - wir wollen ja keine lynchjustiz ...
Jarg Gerdes, 02.07.2007
3. Verharmloser und Schönredner
Abwiegeln, Schönreden, Aussitzen und auf die Pension warten, was anderes durfte man von der älter werdenden Lehrergeneration im /68 Rollkragen Outfit auch nicht erwarten. Oder sollte man lieber sagen, mehr darf man nicht mehr erwarten. Aber immerhin, es wird ein Alibi HipHop-Workshop angeboten, was ja auch eine nette Zerstreuungstherapie für Gangmitgliedern und angehende Drogendealern bedeutet.
Ostseeküste 02.07.2007
4. voll krass ey
Zitat von odduGesangsunterricht?
cool: v.a. HipHop und Gangstarap. Da lernen die was fürs Leben. Um die zukünftige Elite (O-Ton Hundt: Migranten sind die zukünftige Elite Deutschlands oder O-Ton U. Weidenfeld, stellvertretende Chefredakteurin des Tagesspiegels: Ausländer, ob legal oder illegal sind die größten Schätze Deutschlands) wirklich auf ihre zukünftigen Karrieren vorzubereiten, fehlt noch krasser Boxunterricht. So hat die Schule Zukunft! P.S. Kann man dem Direx mal ne Brille verschreiben? Genauso wie Hans-Gebt-das-Hanf-frei-Muhammad-Ströbele, der ja auch behauptet, in X-Berg gäbe es gar keine Moslems.
wissuz 02.07.2007
5.
punkt 1: so schlimm ist mümmelmannsberg auch nicht. bin selbst dort auf die gsm gegangen und habe dann woanders meine abi auf einem gymnasium gemacht. die schule dort hat sich schon immer viel mühe gegeben und aufgepasst, dass die gewalt nicht eskaliert. punkt 2: die eltern müssen einfach viel mehr mit einbezogen werden...wenn nicht sogar mitbestraft werden. wie kann es sein, dass 14jährige nachts auf dem kiez rumlaufen??? also ich saß in dem alter zu hause. punkt 3: die meisten lehrer sind dem beruf überhaupt nicht gewachsen. schaue man sich doch nur viele der studenten an, die auf lehramt studieren. viele graue mäuse oder gutmenschen. man braucht auch lehrer, die sich in den gegenden auskennen bzw. selbst dort zur schule gegangen sind. es bringt nichts wenn man einen lehrer bzw. einen frisch gebackenen lehrer aus einer 1000 seelen-gemeinde mit viel grün und kühen auf eine gesamtschule in einer großstadt schickt!! punkt 4: der staat... wurde schon genug drüber diskutiert!!!
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