Krank durch die Schule Immer auf die Kleinen

Jüngere Schüler leiden häufiger an psychischen Problemen als ihre älteren Klassenkameraden. Schuld daran seien zu starre Einschulungstermine und unsensible Lehrer, behaupten britische Wissenschaftler. Sie empfehlen: besser ein Jahr später zur Schule und nicht der Klassenjüngste sein.


London - Mit fünf Jahren müssen alle Kinder in England und Wales in die Schule. Dass nicht jedes Kind in diesem Alter reif genug für den Schulalltag ist, spielt für den Gesetzgeber keine große Rolle. Doch gerade die jüngeren Schüler, die erst kurz vor dem Stichtag am 1. September ihren fünften Geburtstag hatten, tun sich in ihrer Schullaufbahn schwer.

Britische Schüler: Die Klassenküken haben es schwer
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Britische Schüler: Die Klassenküken haben es schwer

Britische Wissenschaftler fanden jetzt heraus, dass die Psyche der jüngeren Kinder in einer Klasse häufiger angeschlagen ist als die der älteren. "Das Phänomen war durch alle Altersklassen hindurch bemerkbar", sagte Robert Goodman, Leiter der Studie. "In anderen Studien wurde zudem herausgefunden, dass jüngere Schüler seltener ein Studium beginnen als Ältere", so der Forscher vom Kings-College in London, "die psychische Belastung ist natürlich nicht so stark wie bei familiären Problemen oder traumatischen Verkehrsunfällen, aber es ist eine Art von alltäglichem Stress, der viele Kinder betrifft und ernsthaft ihre Gesundheit bedroht."

Mehr als 10.000 Kinder im Alter von 5 bis 15 Jahren aus England, Schottland und Wales nahmen an der Studie teil, deren Ergebnisse das "British Medical Journal" veröffentlichte. Die Forscher befragten neben den Schülern auch die Lehrer und Eltern. Entscheidend waren dabei Kriterien wie die Emotionen der Kinder, ihr Sozialverhalten und die Beziehung zu ihren Klassenkameraden.

Anderswo dürfen die Eltern selbst entscheiden

Die Wissenschaftler des Kings-College wollen Lehrer dazu ermutigen, die altersbedingten Unterschiede ihrer Schüler stärker wahrzunehmen. Andere Studien in Großbritanien hätten gezeigt, dass Lehrer die Altersunterschiede in ihren Klassen oft nicht berücksichtigten und die gleichen Leistungen von jüngeren und älteren Schülern verlangten.

Schulen und Politiker sollten die Einschulungstermine nach Auffassung der Forscher flexibler handhaben. Man müsse überlegen, so Robert Goodman, ob ein Kind als Klassenjüngster eingeschult wird oder doch lieber noch ein zusätzliches Jahr in die Vorschule geht. Im Gegensatz zu England und Wales ist es in Schottland üblich, dass Eltern ihr Kind später einschulen lassen, wenn es ihnen noch nicht reif genug für die Schule erscheint.

Wenn sich in einer Klasse deutliche Altersunterschiede nicht vermeiden ließen, sollten die jüngeren Schüler im Klassenraum zusammen sitzen, schlagen die Autoren der Studie vor. Noch besser wäre es, innerhalb eines Jahrgangs verschiedene Klassen für ältere und jüngere Schülern zu bilden, glaubt Goodman.



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