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Krippenausbau Wie Kommunen um Erzieher buhlen

Ab 2013 soll jedes Kleinkind einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz haben. Doch für die von der Bundesregierung geplante Krippenplatzgarantie fehlen bundesweit Zehntausende Erzieher. Die Stadt München kämpft mit aufwendigen Werbekampagnen um Personal aus anderen Regionen Deutschlands.
Von Martin Heller

Ein Ausflug in den Tierpark ist dabei, ein gemeinsamer Kneipenbesuch, ein Einkaufsgutschein und die Besichtigung einer Kinderkrippe. "Schnupperwochenenden" nennt Isolde Schwarz-Krieger das Marketinginstrument. Die PR-Expertin aus dem Personalreferat der Stadt München will Erzieher in die bayerische Landeshauptstadt locken, und das wird immer schwieriger.

Allein für die Stadt München werden pro Jahr 380 zusätzliche Erzieher benötigt. "Der Markt ist leergeräumt", klagt Schwarz-Krieger. Deswegen baut sie ihre Kampagne weiter aus. In den Münchner U-Bahnen hat sie sogenannte Dachflächen-Reklame gebucht. Über den Köpfen der Touristen werben freundliche Kindergesichter für Erzieherjobs. Auch neben der Touristeninformation auf dem beliebten Marienplatz hängt ein Plakat.

Zudem wirbt München gezielt in Fachzeitschriften sowie an Berufsschulen in anderen Regionen Deutschlands. Die Postkarten und Faltblätter aus dem Süden sorgen dabei nicht nur für Begeisterung.

"Es kann nicht die Lösung sein, dass attraktive Standorte dann keine Probleme mehr haben", sagt Franz-Reinhard Habbel vom Deutschen Städte- und Gemeindebund zu SPIEGEL ONLINE. "Wir gehen davon aus, dass bundesweit bis zu 50.000 Erzieher fehlen - ich sehe nicht, wo die herkommen sollen."

Krippenplatzgarantie "kaum zu stemmen"

Hauptproblem der Kommunen: Die geplante Krippenplatzgarantie der Bundesregierung. Ab 2013 soll es bereits für Einjährige einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz geben. 750.000 Krippenplätze sollen insgesamt zur Verfügung stehen. Das sei "kaum zu stemmen", so Habbel: "Ab 1. Januar stehen die Eltern dann vor den Türen der Bürgermeister und nicht vor der Tür der Ministerin."

Der Bedarf ist schwer zu planen. Die entscheidende Frage: Wie hoch ist der Anteil der Eltern, die ab 2013 einen Platz für ihre Kleinkinder beantragen? Der Bund rechnet mit 35 Prozent, der Städte- und Gemeindebund mit bis zu 60 Prozent. "Dann fällt das System in sich zusammen", so Habbel.

Ulrike Steiner ist Erzieherin in München, sie kam aus dem sächsischen Chemnitz nach Bayern. Inzwischen ist sie Leiterin der kleinen Kinderkrippe Teutoburger Straße. "Nur zwei von neun Erziehern hier kommen ursprünglich aus München", erklärt Steiner.

Den scharfen Wettbewerb spürt die 40-Jährige nicht nur bei der Suche nach Personal für ihre Einrichtung. "Man hat mich gefragt, ob ich nicht wieder nach Sachsen zurückkommen will." Steiner will bleiben.

Extras für Einsteiger

Bis vor zwei Jahren kamen in München 20 Prozent der Bewerber aus den neuen Bundesländern, heute sind es nur noch fünf Prozent. Krippenausbau ist selbst im historisch gut versorgten Osten ein großes Problem. Ursache ist hier vor allem die Altersstruktur, viele Erzieher sind zwischen 50 und 60 Jahre alt und gehen bald in Rente.

In einigen Bundesländern dauert die Ausbildung fünf Jahre, wer jetzt anfängt, steht dem Arbeitsmarkt zu Beginn der Krippenplatzgarantie also längst nicht zur Verfügung. Dennoch muss hier wesentlich mehr investiert werden. In den meisten Ländern wurden die Kapazitäten bisher nur geringfügig ausgebaut.

In einer Studie hat das Deutsche Jugendinstitut in Zusammenarbeit mit der TU Dortmund den Bedarf errechnet. "Die Ausbildungskapazitäten müssen um 22 Prozent erhöht werden", so Dr. Matthias Schilling, Chef der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik an der TU Dortmund, zu SPIEGEL ONLINE.

Die Arbeitsplätze sind in der Branche jedenfalls sicher. München bietet Berufsanfängern ausschließlich unbefristete Vollzeitstellen an. Zusätzlich zum Einstiegsgehalt von 2270 Euro gibt es eine "München-Zulage" von 105 Euro im Monat. Zugezogene erhalten verbilligte Wohnungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaften.

Wer mithalten will im bundesweiten Kampf um qualifiziertes Personal, muss eben einiges bieten.

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