Kita-Methode "Original Play" Friedliches Spiel oder Türöffner für Übergriffe?

Sie soll Kindern helfen, achtsam miteinander zu spielen: "Original Play" ist eine Methode, die Kitas weltweit einsetzen. Wegen Missbrauchsvorwürfen ist sie nun in Verruf geraten. Was steckt dahinter?

Kinder auf Turnmatten: Was ist angemessener Körperkontakt?
SDI Productions/ Getty Images

Kinder auf Turnmatten: Was ist angemessener Körperkontakt?

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Nur selten kommen aus Ministerien so klare Worte wie zu der therapeutischen Spielmethode, die derzeit für erhebliche Furore sorgt. "Wir lehnen 'Original Play' strikt ab", heißt es aus dem Berliner Bildungssenat, "insbesondere aus Gründen des Kinderschutzes." Die Methode habe in Kitas nichts zu suchen, weil sie "dem Missbrauch Tür und Tor" öffne, teilte Bayerns Familienministerium mit.

Anlass ist ein Bericht der ARD-Sendung "Kontraste", der am Donnerstag ausgestrahlt wurde und in dem Eltern aus Hamburg und Berlin berichten, dass ihre Kinder im Zusammenhang mit "Original Play" sexuelle Gewalt erlebt hätten.

Nicht nur Behördenvertreter, sondern auch Therapeuten kritisierten die Methode, die der US-amerikanische Spielforscher Fred Donaldson in den vergangenen vier Jahrzehnten entwickelt hat und die Kindern eine Form des respektvollen und achtsamen Spielens näherbringen soll.

Auf deren Homepage sind Erwachsene zu sehen, die mit Kindern auf Turnmatten ringen oder sie eng umarmen. Manche mögen solche Szenen an Judo erinnern. Andere sehen darin viel Potenzial für unangemessenen Körperkontakt.

"Gefahr der Grenzüberschreitung"

Durch "Original Play" werde im schlimmsten Fall "pädokriminellen" Männern und Frauen der Zugang zu Kitas ermöglicht, sagte der Kinderpsychiater Karl-Heinz Brisch. Der Erfinder gebe an, dass mit der Methode aggressive Verhaltensstörungen von Kindern verbessert oder vorgebeugt würden. "Es gibt keine einzige seriöse Forschungsstudie, die diese Aussage unterstützen würde."

Auch die Berliner Kita-Aufsicht habe eine "Gefahr der Grenzüberschreitung" festgestellt, sagte der Sprecher des dortigen Bildungssenats, Thorsten Metter. "Wir prüfen derzeit, ob ein Verbot möglich ist." In der kommenden Woche wolle man alle Berliner Kitas noch einmal darüber informieren, dass die Methode nirgendwo angeboten werden solle.

Eine ähnliche Information hatte die Behörde bereits vor einigen Monaten versandt, nachdem Eltern an einer evangelischen Kita im Stadtteil Kreuzberg Missbrauchsvorwürfe geäußert hatten.

Auch an einer evangelischen Kita in Hamburg erstattete eine Mutter im vergangenen Sommer Anzeige, nachdem ihre damals dreijährige Tochter einem Erzieher vorgeworfen hatte, sie im Bewegungsraum sexuell missbraucht zu haben. Er hatte mit einigen Kindern "Original Play" praktiziert.

Verfahren eingestellt

In beiden Städten haben die Staatsanwaltschaften ermittelt und die Verfahren inzwischen wieder eingestellt. "Die Angaben der noch sehr jungen Anzeigenden ließen sich in keiner Weise bestätigen", sagte eine Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft auf Anfrage.

Befürworter von "Original Play" fühlen sich und die Methode nun ungerecht verurteilt. Kein Kind werde zu Körperkontakt gedrängt, sagte Sonja Mille, die "Original Play" seit zehn Jahren in Österreich anbietet, dem SPIEGEL. "Jedes Kind kann und soll selbst entscheiden, was es zulassen mag. Das ist ganz wichtig, damit es seine eigenen Grenzen kennenlernt."

Typischerweise säßen bei "Original Play" die sogenannten Lehrlinge und Mentoren, die in der Methode mehrere Jahre lang geschult worden seien, anfangs mit den Kindern auf Matten in einem Kreis. Langsam würden die Kinder dann an ein körperliches Miteinanderspielen herangeführt, das frei von Druck und Aggressionen sei und niemandem weh tun dürfe.

Acht europäische Länder

Dabei seien immer mehrere Erwachsene im Raum, darunter auch die ständigen Betreuer der Kinder, so Mille. Die Eltern würden im Vorfeld ausführlich informiert und auf Wunsch auch mit einbezogen. In den vergangenen zehn Jahren habe sie von keiner Beschwerde über unangebrachten Körperkontakt gehört.

"Wenn beim 'Original Play' dennoch sexueller Missbrauch passiert sein sollte, verurteilen wir das scharf", sagte Mille. "Dann ist dafür aber nicht die Methode verantwortlich, sondern der Mensch, der ihn verübt hat."

Nach Informationen auf der Homepage kommt "Original Play" in mindestens acht europäischen Ländern zur Anwendung. Wie viele Kitas sie ausprobiert haben, ist nicht bekannt.

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