Kultur W. Martin Lüdke über Jurek Becker: "Aller Welt Freund"

Ein starker Abgang? Der DDR-Schriftsteller Jurek Becker ("Jakob der Lügner", "Der Boxer"), 45, wohnt seit 1977 in Westdeutschland. W. Martin Lüdke, 40, ist Professor für neuere deutsche Literatur in Frankfurt.

Wenn Zufall und Notwendigkeit zusammentreffen, wenn sich, gar zum Nulltarif, die Gelegenheit bietet, das Realitätsgefühl der jüngeren Generation zu ergründen, und sei es nur unverbindlich/kontemplativ, auf einem stillen Örtchen gegenwärtiger Gebrauchspoesie, auf einer Universitätstoilette, dann mag das als Glücksfall erscheinen, wiewohl die Aussichten ziemlich trübe sind.

Da finden sich nämlich, neben naturgemäß eindeutigen Absichten, auch viele und eher zweideutige Einsichten beschrieben: Variationen des Achternbusch'schen Leitmotivs "Du hast zwar keine Chance, aber nutze sie", oder so radikal verkürzte wie präzise Gegenwartsanalysen "Alles Scheiße, Deine Emma!" - da findet sich also, kurz gesagt, jene Haltung dokumentiert, die auch dem 30jährigen Kilian eigen ist, einem unauffällig/cleveren Nachrichtenredakteur, der nicht eben überschwenglich meint: "Solange ich nicht tot bin, muß ich versuchen zu leben."

Im Grunde ist eh alles wurscht. Denn: "Sehen Sie sich die Nachrichten der letzten Jahre an" - und Sie bekommen genau den richtigen Eindruck, aber ein völlig falsches Bild des neuen Romans von Jurek Becker.

Ein DDR-Autor, der in West-Berlin lebt, gerade Stadtschreiber in Bergen-Enkheim geworden ist, der wie viele seiner Kollegen aus dem Osten kam, sich aber im Westen keineswegs so heimisch fühlt, wie es hierzulande den Opfern sozialistischer Kulturpolitik (gern) abgekauft wird.

Beckers Buch, vermutlich hier, im Westen, geschrieben, spielt denn auch in einer Art Niemandsland, gleichsam auf dem schmalen Streifen, der die beiden deutschen Staaten voneinander trennt, bzw. genauer gesagt: der sie miteinander verbindet. Aber was sage ich: Beckers Buch? Ich fürchte, da ist, weitere Lesarten beiseite gelassen, mindestens von zwei Büchern zu sprechen. Einmal von der mehr tragikomischen, durch und durch privaten Geschichte des jungen Kilian, der sich eines Tages entschlossen hat, nicht länger mitzuspielen, und nun, seine Vermieterin dürfte bereits im Flugzeug sitzen, eine günstige Gelegenheit sieht, die Fenster abzudichten, den Gashahn aufzudrehen und sich um die Ecke zu bringen.

Man kann es als frühe Midlife Crisis auffassen. Man kann von einem Motivationsdefizit sprechen. Man kann es schlicht Sinn-Krise nennen. Kilian schert sich nicht um Erklärungen. Für ihn ist "Die Sache", wie er sein Vorhaben bescheiden nennt, so schon schwierig genug. Wer weiß denn auch mit dreißig Jahren noch etwas über das Gewicht des Gases. Doch nicht an seiner Unkenntnis scheitert der Versuch, sondern, durchaus plausibel, an dichtem Nebel.

So klagt er zu Recht: "Schritt für Schritt bringt sich die Scheißmenschheit um, nach dem schlauesten System, das je ersonnen wurde, doch wenn einer Die Sache für sich selbst erledigen möchte, auf eigene Rechnung sozusagen und vorneweg, dann werden ihm die größten Steine in den Weg gelegt." So ist es. Darum liegt jetzt der arme Kilian, mit gebrochenem Arm, aber ungebrochenem Mißmut im Krankenhaus und darf sich nicht nur mit dem Chefarzt und den Schwestern, sondern auch wieder mit seiner Zukunft auseinandersetzen. Grund genug, sarkastisch zu werden.

Überhaupt ist dieser Kilian ein recht intelligenter, zum Rationalismus neigender Zeitgenosse, mit leicht zynischem Einschlag und jener spitzen Zunge ausgestattet, die, weiter südlich und global, Berliner Schnauze heißt. Erschüttern kann ihn nichts mehr. Zu fürchten hat er allenfalls das Leben. Wenn ihm seine Freundin, wohlgemerkt erst nach Der Sache, den Laufpaß gibt, wenn ihm, Der Sache wegen, das Zimmer gekündigt wird - mit einem Achselzucken setzt er sich darüber hinweg.

Er sucht keinen Schuldigen. Er wehrt sich jedem Erklärungsversuch. Die Psychologie greift in seinem Falle nicht: "Je länger ich nachdachte, um so unsinniger kam mir die Hoffnung vor, ausgerechnet ein Psychoanalytiker könnte das aus der Welt schaffen, was mir Sorgen machte. Nicht ich hätte behandelt werden müssen, sondern eine Menge anderer Leute, vor mir brauchte sich keiner zu fürchten. Sogar wenn er bei mir Erfolg gehabt hätte, wäre nichts gebessert worden: ich möchte nicht, daß man mir eine Angst ausredet, die tausendfach begründet ist."

Es gibt für Kilian keinen Grund, sich umzubringen. Wenn überhaupt noch an etwas, dann glaubt Kilian an eine "Verschwörung".

Hier beginnt, gleich auf den ersten Seiten, das zweite Buch: die politische Geschichte des jungen Kilian. Die gleiche Story. Das üblich/leidig/leidliche Verhältnis zur Freundin, keine Schwierigkeiten im Umgang mit der Vermieterin, eine unproblematische Beziehung zu seiner (überaus jungen und ausgesprochen flippigen) Mutter, freundschaftliches Verständnis mit seinem Zwillingsbruder, schließlich ein Job, als Nachrichtenredakteur, der auch seine angenehmen Seiten hat. Rundum keine Probleme.

Für Kilian stellt sich nicht die Frage, warum er sich umbringen soll. Er fragt sich, umgekehrt, warum er weiterleben soll. Eine überzeugende Antwort kann er nicht finden. Deshalb wird die private Geschichte zur politischen.

Der Autor sucht zwar, zuweilen sichtlich angestrengt, unmittelbar politische Anspielungen zu vermeiden. Nur selten rutschen ihm Hinweise auf (s) eine DDR-Vergangenheit durch: Wer hierzulande in einem Krankenhaus die Vorschriften mißachtet, muß sicher mit einem Anpfiff, nicht aber wie in der DDR gleich mit einer "Diskussion" rechnen.

Vermutlich hat sich Becker darum bemüht, sein neues Buch auch für seinen alten Verlag (Hinstorff in Rostock) akzeptabel zu machen, nur wird sich das, fürchte ich, als vergebliche Mühe erweisen. Denn dort, wo die mangelnde "Zuversicht" privater Lebensperspektive mit den administrativ vorgegebenen Ansprüchen sozialistisch-kollektiver Lebensplanung kollidiert, wird der Aussteiger zu einer Provokation. "Null-Bock", bei uns in die Subkultur abgedrängt und damit auch aus dem (gesellschafts-) politischen Bewußtsein verdrängt, bleibt in der DDR ein Politikum.

Gleichwohl will sich Becker nicht festlegen lassen. Der Roman, ohnehin mehr Erzählung, spielt mit einer - sicher kalkulierten - Ungenauigkeit auf dem (sch) mächtigen Stückchen deutsch/deutscher Gemeinsamkeiten. Wo Bedingungen zu nennen wären, taucht jene ominöse "Verschwörung" auf. Der Roman vermittelt aber immerhin ein Stimmungsbild (und damit vielleicht auch ein Bild dieses Autors, der nach wie vor zwischen den Stühlen sitzt).

Das diffuse Unbehagen, das dem Helden zu schaffen macht, wird von dessen Bruder auf die Formel gebracht: "keine Zuversicht mehr". Er befürchtet, daß Kilian "einer von diesen kalten Hunden zu werden" versucht. Doch auch er kann ihm da so wenig helfen wie Freundin, Mutter und am Ende noch sein Chefredakteur, der ihn, wohlmeinend wie alle anderen, in die Sportredaktion (zurück-) versetzt und ihm damit die Hoffnung gibt, beispielsweise an den Boxkämpfen wieder die kleinen Freuden entwickeln zu können, die das Leben nicht gerade lebenswert, aber vielleicht erträglich machen.

Da steckt, auf Erfahrung gegründet, Resignation dahinter. Da läßt sich eine Entwicklung ausmachen, die für DDR-Autoren geradezu beispielhaft ist. Heiner Müller etwa hat sein frühes Aufbau-Pathos Zug um Zug zurückgenommen und stellt eine geschichtsphilosophische Verzweiflung aus, die auch bundesdeutsche Endzeit-Stimmungen gut abdecken kann. Becker kommt, auf gänzlich anderen Wegen, zur nämlichen Einsicht. Was in seinem Roman "Der Boxer" (1976) ansatzweise, was in den "Schlaflosen Tagen" (1978) deutlich erkennbar wurde, die - für einen Sozialisten - aparte Neigung, politisch/soziale Konflikte (wieder) zu privatisieren, kann sich in "Aller Welt Freund" ungehemmt entfalten.

Der Rückzug in die vermeintliche Privatsphäre ist zu einem Kennzeichen neuerer DDR- und DDR-Exil-Literatur geworden. Allerweltsfreund Kilian liefert die Begründung: "Ich tue so, als wäre mit dem Hinüberwechseln zum Sport die Sache erledigt ... Ich habe Zweifel an dieser Methode. Die Lumpen machen ja überall weiter, auch wenn ich tausendmal beim Sport bin ... Einmal hat mir jemand, mit dem ich über Strategie und Taktik stritt, geraten, ich sollte lieber, anstatt zu jammern, etwas tun und in die Partei meiner Wünsche eintreten. Ganz abgesehen davon, daß ich die nicht kenne - ich habe geantwortet, ich brauchte eine Partei von zwei Milliarden Mitgliedern ... Ich habe ihn gefragt, ob S.239 er den Versuch, zwei Milliarden Leute zusammenzutrommeln, für aussichtsreich halte."

Also Resignation auf der ganzen Linie. Anders gesagt: "Alles Scheiße, Deine Emma!" Es sind schon trübe Aussichten, die sich da eröffenen. Aber im Unterschied zu der bei uns üblichen Larmoyanz pinselt Becker die dunkle Perspektive mit schwarzem Humor geradezu lustvoll aus. Schon der ernsthafte Selbstmordversuch gerät zu einer höchst komischen Angelegenheit. Immer wieder entspringen aus der tragischen Geschichte, spitzzüngig und leichtfüßig, launige Episoden. Der Bericht des (Ich-) Erzählers ist in einem durchgängig flapsig/schnoddrigen Tonfall gehalten; nur durch die Distanz scheint Betroffenheit durch.

Wie in seinen beiden ersten (und großartigen) Romanen "Jakob der Lügner" und "Irreführung der Behörden" demonstriert Becker, streckenweise, sein Vermögen, leicht und locker, bitter und humorig zugleich, eine Welt zu beschreiben, die "vom Nordpol bis Feuerland" und bei aller Ernsthaftigkeit nicht mehr ernst genommen werden kann.

Die Gründe mögen im dunkeln bleiben, dafür blitzen die Einfälle auf. So endet das Buch, wie es begonnen hat, mit einer Pointe. Ein starker Abgang?

"Aber es gibt die seltsamsten Zufälle. So bin ich zum Beispiel einmal an eine Bushaltestelle gekommen, an der eine junge Frau stand, die ich für Gretchen Kosanke hielt, für ein Mädchen aus meiner Klasse, das ich seit der Schulzeit nicht mehr gesehen hatte. Ich trete also auf sie zu und will sie ansprechen, da sehe ich aus der Nähe, daß sie es überhaupt nicht ist. Minuten später kommt der Bus, und wer steigt aus? Gretchen Kosanke."

Die Moral dieser Geschichte liegt auf der Hand: Man muß es halt nehmen, wie es kommt. In jener eingangs erwähnten Universitätstoilette ist nicht nur die Resignation der heutigen Jugend eingeschrieben, sondern auch der wahre Trost: "Herr Ober, was macht denn die Fliege in meiner Suppe? - Sieht nach Brustschwimmen aus!"


Jurek Becker: "Aller Welt Freund"; Suhrkamp Verlag; Frankfurt am Main; 188 Seiten; 24 Mark.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.