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27. Oktober 2010, 19:20 Uhr

Kultusminister Althusmann

"Wir können nicht so weitermachen wie bisher"

In Niedersachsen sollen die Kommunen die Hauptschulen künftig abschaffen und mit Realschulen verschmelzen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Kultusminister Bernd Althusmann (CDU), warum es dazu eine neue Schulform braucht - und weshalb andere Unionsländer nachziehen sollten.  

SPIEGEL ONLINE: Herr Althusmann, in Niedersachsen gibt es einen Wust aus weiterführenden Schulen: Haupt- und Realschulen, Kooperative und Integrative Gesamtschulen, Förderschulen, berufsbildende Schulen und Gymnasien. Anstatt das Chaos zu entwirren, planen Sie nun eine achte Schulform einzuführen: Die Oberschule. Wollen Sie die Eltern vollständig verwirren?

Bernd Althusmann: Nein, im Gegenteil. Langfristig ist damit der Weg für ein einfaches, zweigliedriges Schulmodell gesichert, das Stabilität und Kontinuität garantiert. Wir müssen uns den stark sinkenden Schülerzahlen stellen. Die Möglichkeit zur Zusammenfassung von Haupt- und Realschulen zu Oberschulen ist ein notwendiger Schritt. Und wir gehen darüber hinaus: Wir bieten mit der Oberschule auch einen gymnasialen Zweig an. Die Option auf einen gymnasialen Abschluss wollen viele Eltern ihren Kindern offenhalten.

SPIEGEL ONLINE: Kommunen haben in Niedersachsen bereits die Möglichkeit, Integrierte Gesamtschulen zu gründen, in denen alle Schüler alle Abschlüsse erreichen können. Warum erleichtern Sie ihnen nicht einfach die Gründung dieser Schule, indem Sie die Voraussetzungen lockern?

Althusmann: Die Integrierte Gesamtschule wird von einigen Eltern gewollt, sie ist eine akzeptierte Schulform - aber eben nur eine ergänzende. Ich möchte vermeiden, dass wir uns sowohl in Deutschland als auch in Niedersachsen in endlosen Schulstrukturdebatten verlieren. Auf die Qualität und die Inhalte von Schule kommt es an, nicht auf die Struktur. Die Oberschule ist ein qualitativ gutes Angebot. Dort, wo die Voraussetzungen für eine IGS vorliegen, wird diese auch in Zukunft errichtet werden können.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn nun genau der Unterschied einer Ober- zu einer Gesamtschule?

Althusmann: Der Unterricht kann in einer Oberschule flexibel schulzweigübergreifend oder jahrgangsweise stattfinden. In den Schuljahrgängen neun und zehn wird in Oberschulen klar schulformbezogen unterrichtet, um die Schülerinnen und Schüler gemäß ihrer Leistungsfähigkeit auf einen guten Schulabschluss vorzubereiten.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Unterschiede zu den Gesamtschulen sind doch nur marginal.

Althusmann: Nein. Die IGS verfolgt ein anderes pädagogisches Modell. Es gibt dort zum Beispiel keine Zeugnisnoten in den Klassen fünf bis acht. Dort werden Schüler grundsätzlich gemeinsam unterrichtet. In den Oberschulen wird nach dem Leistungsvermögen differenziert: Dies gilt insbesondere für die Kernfächer. Aber zuzugeben ist: Auch die Oberschule wird integrative Elemente haben, das wird sich aufgrund der zurückgehenden Schülerzahlen gar nicht vermeiden lassen.

SPIEGEL ONLINE: Schon jetzt leiden Schüler, Eltern und Lehrer, wenn Sie das Bundesland wechseln: Oft treffen sie auf komplett andere Schulsysteme. Wenn Sie nun den Kommunen die Gestaltung ihrer Schulen überlassen, holen Sie sich den Flickenteppich ins Land.

Althusmann: Ich gehe davon aus, dass sich das zweigliedrige System aus Oberschulen und Gymnasien in etwa zehn bis 15 Jahren flächendeckend durchsetzen wird. Ich habe schon heute, kurz nach Veröffentlichung unseres Konzepts, etwa ein Dutzend Anfragen von kommunalen Vertretern, die ein hohes Interesse an den Oberschulen signalisieren. Sie ist ja auch attraktiv, weil wir die Klassenobergrenzen auf 28 begrenzen und zum Beispiel verstärkt Ganztagsunterricht erteilen sowie Sozialpädagogen einsetzen wollen. Angesichts der sinkenden Schülerzahlen ist klar: Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Darauf müssen wir flexibel reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Andere Bundesländer haben dieselben Probleme, wollen aber an der Hauptschule nicht rütteln. Müssen die umdenken?

Althusmann: Ich denke, langfristig werden wir in allen Bundesländern in eine Zweigliedrigkeit übergehen, auch Bayern und Baden-Württemberg werden in den nächsten Jahren die Herausforderung des demografischen Wandels annehmen müssen. In der Kultusministerkonferenz wird derzeit eine Debatte darüber geführt, wie das weiterführende Schulangebot nach der Grundschule richtig und sinnvoll organisiert werden sollte. Vielleicht ist unser kombiniertes Modell etwas, auf das man sich einigen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Vor wenigen Tagen haben drei ihrer Amts- und Parteikollegen ein neues Grundsatzpapier der CDU zur Zukunft der Schulen vorgestellt. Botschaft: Die Unionsländer verfolgen eine gemeinsame bildungspolitische Agenda. Marion Schick (CDU), Kultusministerin von Baden-Württemberg, verdammte bei der Vorstellung dieses Papiers die Kommunalisierung der Schulpolitik als "rot-grünes Allheilmittel". Sie geben nun Kommunen die Entscheidung, wie sie ihre Schulen organisieren wollen. Warum steuern Sie einen anderen Kurs als die Kollegen?

Althusmann: Wir kommunalisieren ja nicht. Kommunen sollen nicht nach Belieben entscheiden können, wie sie Schulen organisieren. Wir geben ihnen lediglich die Möglichkeit zu entscheiden, wie sie neben den Gymnasien ihre weiterführenden Schulen organisieren können. Sie haben also weiterhin die Verantwortung für die Entwicklung der Schullandschaft vor Ort, wir für die Schulqualität.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Ministerin Schick sprach nicht zufällig von einem "rot-grünen Allheilmittel". Die Koalition aus SPD und Grünen in NRW verfolgt derzeit ganz ähnliche Pläne, wie Sie sie nun vorgestellt haben.

Althusmann: Im Kern geht es in NRW darum, ob Kommunen nach Belieben entscheiden können, wie sie ihre Schullandschaft organisieren und welche Schulformen sie anbieten wollen. Das machen wir nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Althusmann: Wir bieten den Kommunen einen Baukasten für eine gute Schullandschaft, angepasst an die regionalen Besonderheiten. Wir setzen ihnen einen Rahmen, der gleichwertige Schulbedingungen in den Kommunen gewährleistet. Wir geben den Kommunen aber zugleich einen Gestaltungsspielraum innerhalb dieses Rahmens, so dass sie auf die Situation vor Ort flexibel reagieren können. Aber für die Inhalte zum Beispiel für mögliche Fächerkombinationen oder Standards für die Schulabschlüsse bleibt das Ministerium zuständig.

SPIEGEL ONLINE: Ein weiteres Streitthema ist in der CDU gerade das in der Verfassung festgeschriebene Kooperationsverbot, dass es dem Bund fast unmöglich macht, den Ländern Mittel für die Bildung zur Verfügung zu stellen. Die einen wollen es abschaffen, die anderen scheuen eine dafür notwendige Verfassungsänderung. Was denken Sie?

Althusmann: Wir sollten diese Frage sehr ernsthaft zwischen Bund und Ländern besprechen, wie weit eine gemeinsame Bildungsverantwortung für verschiedene Bereiche in unserem Land gehen soll. Ein Beispiel: Ich werde in diesen Tagen eine Kooperationsvereinbarung mit Bundesfamilienministerin Kristina Schröder unterschreiben. Damit sollen in Niedersachsen etwa 340 Kindertagesstätten vom Bund mit je einer halben Personalstelle unterstützt werden. Damit wollen wir gerade Kitas in Brennpunkten helfen. Ich nehme dieses Angebot des Bundes gerne an. Bei den drängenden Problemen sollten sich Bund und Länder stärker miteinander abstimmen. Dazu sollte es möglich sein, die Hürden der Verfassung zu überspringen, ohne dass dabei die Hoheit der Länder in Kultusfragen aufgegeben wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also dafür, dass das Kooperationsverbot gekippt wird?

Althusmann: Ich kann mir bei den wichtigen Baustellen unserer Bildungslandschaft in Deutschland eine engere Kooperation vorstellen. Aber es muss klar sein: Die Verantwortung bei der Umsetzung liegt bei den Ländern. Der Bildungsföderalismus hat eine eindeutige Stärke: die Länder sind auf jeden Fall näher an den Problemen vor Ort als eine Zentralregierung.

Das Interview führte Birger Menke

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