Kultusminister auf Bildungsurlaub Pisa-Pilgerfahrt zu Skandinaviens Wunderschulen

Von den famosen Finnen lernen heißt siegen lernen, dachten sich Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn und ihre SPD-Kollegen aus den Bundesländern. Bei einer kleinen Tournee durch Finnland und Schweden sammelte der Minister-Tross jetzt erstaunliche Erfahrungen bei den Pisa-Siegern: Schule kann auch gut tun.

Das bedeutendste Schriftstück dieser Reise heißt "Lpo 94". Als eine Mitarbeiterin des schwedischen Bildungsministeriums es am Mittwochvormittag in die Luft hält, geht ein Raunen durch die Reihen der deutschen Minister. Das blaue Heftchen umfasst ganze 22 Seiten - und enthält doch den kompletten Lehrplan für die Klassen 1-9 schwedischer Schulen.

"Oh, wir haben insgesamt drei Lehrpläne, einen gelben für Kindergärten, einen blauen für die Gesamtschulen und einen roten für die Gymnasien", versucht die Beamtin vier fassungslose deutsche Kultusminister zu beruhigen. Vergeblich. Sie ahnt ja nicht, dass das Curriculum nur eines einzigen deutschen Bundeslandes den schweren Konferenztisch im Stockholmer Bildungsministeriums fast zusammenbrechen lassen würde.

Aha-Erlebnisse in Schweden

Deutsche Lehrpläne machen Lehrern penible Vorschriften. Schwedische dagegen setzen Lern-Ziele - und lassen Schulen und Lehrern frei, auf welche Art die Schüler sie erreichen. Es blieb nicht das einzige Aha-Erlebnis des Bildungsurlaubs von Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten in Finnland und Schweden.

Für die Kultusminister der Sozialdemokraten war der Besuch beim schwedischen Bildungsminister Thomas Östros bereits das Ende der viertägigen Reise. Sie wollten pünktlich zur Kultusministerkonferenz, die am Donnerstag in Eisenach beginnt. Auf der Wartburg erwartet sie ein weiteres Tauziehen um den nahenden innerdeutschen Pisa-Vergleich. CDU-Kollegen hatten die Einladung von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) in Skandinaviens Wunderschulen abgelehnt: Bulmahn sei für Schulen nicht zuständig, von der lasse man sich nicht einladen.

Dahinter dürften taktische Gründe stecken: Die Kultusminister der Union wollten nicht in die Verlegenheit kommen, sehr gute und erfolgreiche Gesamtschulen zu besichtigen. Denn Finnland und Schweden sortieren bis zur neunten Klasse so gut wie keinen Schüler aus.

Leseweltmeister und Mathe-Genies

In der Primarstufe (sechs bis zehn Jahre) sowie in der ersten Sekundarstufe (elf bis 15 Jahre) besuchen alle Jugendlichen eine Schule - und erzielen dabei für deutsche Verhältnisse famose Ergebnisse. Beim internationalen Pisa-Test kürte die OECD die jungen Finnen im Dezember zu Leseweltmeistern. Und die Tims-Studie diagnostizierte 1997, dass schwedische Gesamtschüler zu den Mathe-Genies gehören.

Die mitreisenden SPD-Kultusminister machten aus der Fahrt indes keineswegs eine Propaganda-Tour und vermieden es, das in Deutschland so umstrittene Wort Gesamtschule auch nur in den Mund zu nehmen. Steffen Reiche aus Brandenburg und Peter Kauffold aus Mecklenburg-Vorpommern, Willi Lemke aus Bremen und Klaus Böger aus Berlin, Ute Erdsiek-Rave aus Schleswig-Holstein und ihre junge Kollegin Doris Ahnen aus Rheinland-Pfalz - sie alle winkten ab. "Es wäre eine Illusion zu glauben, wir könnten unser ganzes Schulsystem auf Gesamtschulen umstellen", so Ahnen vor ihrem Abflug aus Helsinki.

"Wir wollen lernen, wie Finnland und Schweden so gute Ergebnisse bei Pisa erzielt haben", gab Reiseleiterin Edelgard Bulmahn die Parole aus. Petra Stanat vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung etwa meint, Deutschland habe die "Modernisierung der Schulen zu wenig vorangetrieben". Die Sozialpsychologin und Pisa-Wissenschaftlerin ortet Rückstande bei frühkindlicher Bildung, Umgang mit Migranten, Lernkultur, Unabhängigkeit der Schulen sowie Qualitätssicherung des Unterrichts.

"Deutsche Schulen haben, obwohl sie so vielfältig sind, größte Schwierigkeiten, den Unterricht auf den einzelnen Schüler zuzuschneiden - hier gelingt diese Individualisierung ganz wunderbar", staunte auch die Mathematik-Didaktikerin Kristina Reiss von der Oldenburger Uni nach dem Besuch der Skytteholm-Schule in Solna bei Stockholm.

Die deutschen Gäste saßen in Solna nicht in einer Klasse, sie landeten auf einem anderen Stern. Statt in Schulklassen lernen die Schüler von Skytteholm in Planeten. Sie heißen Jupiter, Sirius, Merkur, Saturn und versammeln die Schüler jahrgangsübergreifend, in der Jupiter-Arbeitsgruppe zum Beispiel Sechs- bis Achtjährige.

Todd hält der Lehrerin ein gelbes Büchlein hin: "Da steht drin, was ich diese Woche alles gemacht habe", erzählt der Knirps auf Englisch, "ich trage das zusammen mit Helen ein." Schreiben und Lesen steht handschriftlich im "Planungsbuch", darunter Seite 17-21 des Anfänger-Lesebuchs. Lehrerin Helen Kadri, 41, bestätigt mit ihrem Namenszeichen, dass Todd die Aufgabe absolviert hat. Der Siebenjährige selbst setzt ein Smiley-Symbol für "gern gemacht" daneben - richtig schreiben kann er ja noch gar nicht.

"Schule kann gut tun" - zu Besuch in einer deutschen Schule in Helsinki

Lesen Sie im zweiten Teil:

"Mit dem Planungsbuch dokumentieren die Kinder ihre Arbeit - und machen sich dabei bewusst, welche Übungen sie absolviert haben", erklärt Kristina Reiss, "gleichzeitig sehen sie, dass sie ihren Lernprozess zusammen mit dem Lehrer selbst bestimmen können. Und obendrein lernen sie das Lesen, bei einer Sache, die sie ganz persönlich angeht."

Die SPD-Kultusminister waren teils schlicht sprachlos von den pädagogischen Kniffen, teils erfreut - weil sie Reform-Elemente begutachten konnten, mit denen viele Bundesländer spätestens seit dem Pisa-Schock liebäugeln. Schweden und Finnland haben sie bereits umgesetzt: Die Schulen haben große pädagogische und finanzielle Freiheiten - dafür kann der Staat laufend die Unterrichtsqualität kontrollieren. Kinder beginnen sehr früh mit dem Lernen, die Sprachfähigkeiten von Schülern aus Zuwandererfamilien fördern Finnen wie Schweden viel intensiver - und strenger. Eingeschult wird erst, wer die Landessprache kann.

Bundesbildungsministerin Bulmahn war beeindruckt. Es gelinge den Skandinaviern, optimale Lernbedingungen für "Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen zu schaffen". Das zeigte auch der Besuch der deutschen Schule in Helsinki. Dort gilt ein deutscher Lehrplan, das Abitur wird nach deutschem Vorbild abgelegt, deutsche und finnische Lehrer unterrichten - und doch ist vieles anders.

"Ich erlebe hier etwas, was ich an deutschen Schule nicht immer gefühlt habe: Schule kann gut tun", sagt Lehrerin Claudia Lehtovouri. Die deutsche Schule mit knapp 600 Schülern ist formell ein Gymnasium, tatsächlich aber eine Gesamtschule finnischen (und schwedischen) Typs - alle Schüler bleiben in einer Klasse zusammen, trennen sich allenfalls in Arbeitsgruppen innerhalb des Raums.

Obwohl einzelne Aspekte des Unterrichts gar nicht völlig neu seien, herrsche eine ganz andere Lernkultur, sagt Lehrerin Anette Ebinger, 44: "Ich kann hier vieles, was ich unterrichte, viel eigenständiger bestimmen." Nicht immer steht der Stoff im Vordergrund, mehr bestimmte Arbeitstechniken. Ebinger macht viel offenen Unterricht und praktiziert das an Finnlands Schulen übliche "Teamteaching".

Die Schüler bestätigen das: "Die Lehrer rattern hier nicht nur den Stoff runter", sagt etwa Andrea, 16, "wir machen insgesamt weniger - aber wenn etwas durchgenommen wird, dann so, dass es wirklich alle verstehen." Ihre Mitschülerin Mari, 18, war zuvor an einem bayerischen Gymnasium und hat dort viele "Extemporalen" schreiben müssen, kleine schriftliche Prüfungen.

"Die Fakten hat man sich kurz vor der Ex noch reingezogen", erzählt sie der versammelten Ministerriege, "aber das ist nicht das Lernen, von dem man etwas behält." Bremens Bildungssenator Willi Lemke will es genauer wissen - was macht den Unterschied? "Die Lehrer", sagt Tanja, 16, "stellen sich nicht über die Schüler. Sie legen mehr Wert auf Individualisierung."

Für die deutsche Ministerdelegation wurde der Besuch der deutschen Schule in Helsinki eine Art Bildungserlebnis. Willi Lemke, Peter Kauffold und Doris Ahnen nahmen sofort Kontakt zu den Lehrern aus ihren Ländern auf. Die Botschaftsmitarbeiter hatten alle Mühe, sie rechtzeitig ins Flugzeug zu verfrachten. Die Kultusminister flogen mit Lehrplänen nach Hause, hatten den entrümpelten Lehrplan der deutschen Schule in Helsinki im Kopf. Und den kleinen schwedischen "Lpo 94" in der Tasche.

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