Kultusminister ködern Abiturienten Neue Lehrer braucht das Land

An Deutschlands Schulen klafft eine große Nachwuchslücke. Die Kultusminister setzen auf Streicheleinheiten für Pädagogen und wollen Jugendliche mit Imagewerbung vom Lehramtstudium überzeugen. Auch Tagesthemen-Moderator Wickert wirbt mit. Aber die "größte Bildungskampagne seit der Nachkriegszeit" ist schon zum Start umstritten.

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Bedrohte Art: Im Jahr 2015 fehlen 75.000 Lehrer
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Bedrohte Art: Im Jahr 2015 fehlen 75.000 Lehrer

Der Befund ist eindeutig: Die Lehrerschaft an deutschen Schulen ist überaltert, vier von zehn Lehrern werden in den nächsten zwölf Jahren in den Ruhestand gehen. Da tun sich mächtige Lücken in den Klassenzimmern auf. Dem Nachwuchsmangel will die Kultusministerkonferenz (KMK) mit einer Bildungskampagne begegnen - der "größten seit der Nachkriegszeit", so das hessische Kultusministerium.

Im Jahr 2015 müssten aller Voraussicht nach 371.000 freie Lehrerstellen neu besetzt werden, sagte die KMK-Präsidentin Karin Wolff (CDU) zum Start der Kampagne. Bis dahin hätten nur 296.000 Lehramtsstudenten ihr Referendariat absolviert, rechnete Hessens Kultusministerin vor - 75.000 Lehrer fehlen demnach.

Die Lehrerverbände begrüßten den Vorstoß, forderten aber zugleich weitergehende Maßnahmen für Pädagogen und Anreize für Lehranwärter. Die FDP kritisierte die Kampagne dagegen als rührende "Glanzbildchen"-Aktion.

Die bundesweite Medienkampagne mit dem Titel "Bildung - Unser Ticket in die Zukunft" soll Jugendliche für den Lehrerberuf begeistern und das Thema Bildung in der Öffentlichkeit stärker in den Mittelpunkt rücken. Die KMK unterstützt die Kampagne mit 250.000 Euro. Geplant sind Plakate, TV-Spots, Zeitungsanzeigen und ein Internetauftritt bis Februar 2004. Prominente Köpfe sollen die Aktion schmücken, darunter Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert und seine Tagesschau-Kollegin Eva Herman.

Hilft den Kultusministern: Werbepartner Wickert
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Hilft den Kultusministern: Werbepartner Wickert

Der Lehrermangel zeichnet sich bereits seit vielen Jahren ab. Im Zuge der Bildungsexpansion in den siebziger Jahren hatten die Bundesländer auf einen Schlag ganze Absolventenjahrgänge eingestellt, anschließend kam es prompt zur "Lehrerschwemme" - nur noch wenige Hochschulabsolventen erhielten eine Chance im Schuldienst. Nun werden nach und nach die älteren Lehrer pensioniert. Bildungsexperten weisen schon lange auf den Generationsumbruch hin. Doch die Kultusminister schlugen alle Mahnungen in den Wind, bis sie hektisch begannen, Quereinsteigern Crashkurse zu verpassen und anderen Bundesländern junge Lehrer abzujagen - allen voran Hessen.

Desaströse Personalpolitik? Über die eigenen Fehlern schweigen Karin Wolff und Kollegen. Sie sehen vor allem ein Imageproblem, und darum sollen nun Plakate und Werbespots den lädierten Ruf der Lehrer aufpolieren: "Das Berufsbild plagt immer noch der Satz vom faulen Sack", klagte die CDU-Politikerin.

Im Zweifel gilt: Dank Schröder sind wir blöder

In Wahrheit ist also Gerhard Schröder schuld. Denn der sagte einst (gegenüber der Schülerzeitung "Die Wühlmaus" in Zeven) über Lehrer: "Also, Freunde, Ihr wisst doch ganz genau, was das für faule Säcke sind." Damals war Schröder noch Niedersachsens Ministerpräsident, acht Jahre ist das schon her - aber so ein Kanzler hat ein breites Kreuz, das allerhand aushält, auch die Verantwortung für den Lehrermangel.

Grafik: Lehrer in der Krise
DER SPIEGEL

Grafik: Lehrer in der Krise

Nach Auffassung der Lehrerorganisationen kommt die Kampagne deutlich zu spät, und zugleich kritisieren sie, dass die Länder ihren Lehrern mehr Pflichtstunden aufbrummen und die Klassenstärken erhöhen. So unterstrich der Deutsche Lehrerverband, es sei schon lange bekannt, dass die Ausbildung der Nachwuchskräfte den Bedarf nicht abdecken könne. Präsident Josef Kraus forderte die Politik deshalb auf, auch nach mehr finanziellen Anreizen für angehende Lehrer zu suchen. Es könne nicht sein, dass ein studierter Referendar so viel verdiene wie ein Lehrling des Bauwesens im dritten Lehrjahr.

Auch Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, forderte Taten nach dem "richtigen Signal". So sollten sich die Kultusminister stärker für bessere Berufsperspektiven der Lehrer einsetzen. "Die aktuell in einzelnen Bundesländern geplanten Arbeitszeiterhöhungen sind kontraproduktiv zu diesem KMK-Aktionen", kritisierte Meidinger.

Die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange ergänzte, die derzeit "kurzsichtige Politik der Länder" mit längeren Lehrer-Arbeitszeiten und mehr Schülern pro Klasse vernichte "Tausende Arbeitsplätze". Der Lehrermangel könne nur durch erhöhte Ausbildungskapazitäten ausgeglichen werden. Wegen knapper Kassen würden jedoch im Osten derzeit sogar Lehramtsstudiengänge geschlossen. Damit seien "noch so schöne Hochglanzbroschüren, Internetauftritte und wohlfeile Ankündigungen" ohne eine nachhaltig geänderte Finanzpolitik der Ländern erfolglos, sagte Stange.

Glanzbildchen statt Reformen?

Die FDP-Politikerin Ulrike Flach sprach sich komplett gegen die Bildungskampagne aus. Mit der Aktion "versucht man mit millionenschweren Glanzbildchen Abiturienten in die maroden Strukturen zu locken", so Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Bildung und Forschung. Die Studenten wüssten, dass der Lehrerberuf "vor allem an lange versäumten Reformen krankt". Flach fügte hinzu, "das Geld für die Werbung hätte man besser in die dringend nötigen Strukturreformen gesteckt".

Ministerin Wolff: Bloß nicht blind Lehrer studieren
DDP

Ministerin Wolff: Bloß nicht blind Lehrer studieren

Ob Abiturienten, wenn sie 2004 mit dem Lehramtstudium beginnen und fünf, sechs Jahre später aus den Unis kommen, tatsächlich in eine rosige berufliche Zukunft steuern, kann ihnen niemand garantieren. Das räumt selbst Karin Wolff ein: "Jetzt einfach blind Lehrer zu studieren", sei nicht klug und der Bedarf von Land zu Land sowie nach Schulformen und Fächern unterschiedlich.

Als besonders aussichtsreich pries sie das Lehramtsstudium für die Sekundarstufe I und für die Sekundarstufe II mit beruflichen Fächern. An Berufsschulen würden vor allem Lehrer mit den Fächern Wirtschaft/Verwaltung/Recht, Ingenieurwissenschaften und Informatik gesucht. An den Grundschulen sei der Bedarf nicht so ausgeprägt, dort gehe es vor allem um die Fächer Musik, Religion und Sport.




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