Bildungsarbeit in KZ-Gedenkstätte "Wir können kein Serum aus dem Schrank ziehen und die Schüler impfen"

Gymnasiasten in Baden-Württemberg verbreiten über einen Chat menschenverachtende Inhalte - dabei waren sie erst kürzlich in einer KZ-Gedenkstätte. Hat der Besuch nichts gebracht?

Armin Weigel / DPA

SPIEGEL ONLINE: Frau Schikorra, in Baden-Württemberg haben Schüler Nazisymbole und menschenverachtende Inhalte über einen Klassenchat verbreitet. Der Schulleiter berichtet, dass die Klasse erst vor Kurzem eine KZ-Gedenkstätte besucht hat. Kann ein solcher Besuch Prävention gegen Rechtsextremismus leisten?

Schikorra: Wir sind nur ein Baustein in der politischen Bildungsarbeit. Das Gros der Schülerinnen und Schüler ist nur zwei bis drei Stunden hier. Das ist zwar eine wichtige Ergänzung für den Schulunterricht, aber keine Präventionsarbeit. Auch wenn es ein historischer Ort ist und der Besuch eine gewisse Intensität hat, ändert man dadurch keine grundlegenden Haltungen oder Einstellungen.

Zur Person
  • Gabi Schönberger
    Dr. Christa Schikorra, Jahrgang 1959, leitet seit 2010 die Bildungsabteilung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in Bayern.

Uns haben schon Lehrerinnen oder Lehrer angerufen und gesagt: Wir hatten da einen Vorfall in der Klasse, wir würden gerne zu Ihnen kommen. Wir antworten dann: Sie können gern kommen, aber wir können kein Serum aus dem Schrank ziehen und die Schüler impfen und nach zwei oder drei Stunden kommen geläuterte Menschen aus der Gedenkstätte.

SPIEGEL ONLINE: Was können Lehrer noch tun?

Schikorra: Wir kooperieren sehr stark mit Schulberatungsstellen, die Extremismusprävention anbieten und nach solchen Vorfällen in Klassen gehen. Dabei muss es nicht immer um gefestigte Einstellungen gehen, es kann sich auch um Provokation handeln. Das herauszufinden, ist Aufgabe der Beratungsstellen. Wir vermitteln die gern, können diese Arbeit aber nicht leisten.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr Bildungsauftrag?

Schikorra: Über die historischen Menschenrechtsverletzungen zu informieren. Die Jugendlichen sollen sich bei einem Besuch fragen, was die Historie für sie persönlich bedeutet. Mit der Erinnerungsarbeit wollen wir nicht einfach eine Fahne mit einem "Nie wieder" hochhalten, sondern die Jugendlichen dazu bewegen, Bezüge zum heute herzustellen. Das Beste ist, wenn sie sich fragen, wie wir heute mit Minderheiten umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Die fünf Gymnasiasten in Baden-Württemberg, gegen die jetzt wegen des Klassenchats ermittelt wird, haben darauf trotz Gedenkstättenbesuchs offenbar eine furchtbare Antwort gefunden. Sie haben laut dem "Bild"-Bericht das Foto eines Maschinengewehrs versendet, darunter stand: "Löst bis zu 1800 Asylanträge pro Minute".

Schikorra: Das ist mehr als eine Provokation, das hat auch strafrechtliche Relevanz, und ich finde es natürlich erschreckend. Aber dass das trotz eines Gedenkstättenbesuchs passiert, wundert mich nicht. Wenn man so eine Einstellung hat, wird die nicht durch einen Besuch gemildert. Da muss die Schule klar reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Generation jetzt wächst ohne lebende Zeitzeugen auf. Wie macht man Schülern klar, wie schrecklich die NS-Zeit war?

Schikorra: Weil der Abstand zu dem Geschehen immer größer wird, bauen wir die Rundgänge stark an den persönlichen Geschichten der KZ-Insassen auf.

Dafür wählen wir für Schüler oft Einzelschicksale von jungen Insassen aus. Es geht zum Beispiel um einen jungen Zwangsarbeiter auf einem Bauernhof, der sich in die Tochter der Familie verliebt hat. Das galt als Rassenschande, und der Junge wurde inhaftiert. Diese Geschichte hat ausnahmsweise ein Happy End, weil er das KZ überlebt hat. Die beiden haben geheiratet und sind in die USA ausgewandert.

Die Geschichte schafft einen lebensweltlichen Bezug zu den Jugendlichen heute, der für sie vorstellbar ist: Man verliebt sich, und dann ist das nicht genehm und wird verfolgt. Darum geht es. Zu verstehen und zu schlussfolgern: So etwas darf es nicht mehr geben.

SPIEGEL ONLINE: Abgesehen von dem Happy End klingt das nach einer Art Schockpädagogik, wenn man sich in die Menschen vor Ort hineinversetzen soll.

Schikorra: Das wollen wir auf keinen Fall. Schock schafft Distanz. Ein Ziel unserer Arbeit ist es, dass Empathie aufgebaut wird. Nicht im Sinne von Betroffenheit, sondern im Sinne von Mitgefühl. Wir wollen die Geschichte nachvollziehbar machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie legen Wert auf eine offene Atmosphäre und Diskussionen. Meldet sich da auch mal ein Zweifler oder gar Holocaustleugner zu Wort?

Schikorra: Holocaustleugner nicht. Aber es gibt etwa Jugendliche, die sagen, KZ für Homosexuelle fänden sie zwar nicht gut, aber sie möchten auch nicht neben einem Schwulen wohnen. Aber diese Offenheit wollen wir auch. Denn nur, wenn die Jugendlichen sagen, was sie denken und mit ihren Ambivalenzen und Vorurteilen in Austausch kommen, können sie sie infrage stellen.

SPIEGEL ONLINE: Und diese Äußerungen bleiben dann so stehen?

Schikorra: Nein, das ist kein Potpourri der Beliebigkeiten. Wir verweisen dann zum Beispiel auf das Grundgesetz, das Diskriminierung verbietet und erläutern, was Demokratie und Rechtsstaatlichkeit heißt. Aber wir bewerten das nicht. Das Beste ist, wenn es eine Diskussion innerhalb der Gruppe gibt und die Schüler darüber sprechen, in welcher Gesellschaft sie leben wollen.

Im Video: Klassenfahrt nach Auschwitz

dbate.de


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