Grundschüler im Vergleich "Die Großstädte könnten den Anschluss verlieren"

Schüler in Bremen, Berlin und Hamburg kommen beim Ländervergleich der Viertklässler viel schlechter weg als ihre Altersgenossen im Süden. Warum eigentlich? An den Investitionen in Bildung liegt es nicht, sagt Schulforscher Wilfried Bos - und mahnt: Die Lehrer müssen dringend besser werden.


SPIEGEL ONLINE: Viertklässler in Berlin, Bremen und Hamburg können laut einer neuen Schulstudie viel schlechter lesen, zuhören und rechnen als ihre Altersgenossen in Bayern oder Sachsen. Woran liegt das?

Bos: Wenn ich das wirklich wüsste, hätte ich einen Nobelpreis verdient. Am Geld kann es nicht hängen, denn Hamburg gibt mit am meisten Geld pro Schüler aus. Auch dass in den drei Metropolen mehr Kinder aus bildungsfernen Schichten leben würden, erklärt den großen Unterschied nicht. In bayerischen Städten ist die Zusammensetzung der Bevölkerung nicht so anders. Trotzdem sind die Stadtstaaten seit vielen Jahren die Schlusslichter bei Schulvergleichen. Wenn ich Hamburger, Berliner oder Bremer wäre, würde ich langsam anfangen, mir richtig Sorgen zu machen. Die Großstädte könnten den Anschluss verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum scheinen im Norden keine Schulreformen und Fördermaßnahmen zu fruchten?

Bos: Weil die Länder zu viel Geld und Energie verschwenden, um an der Schulstruktur herumzubasteln. Hamburg zum Beispiel probiert hier und da neue Schulformen aus. Dabei ist es zweitrangig, auf welche Schulform die Kinder gehen. Das A und O ist guter Unterricht, und den machen die Lehrer in Bayern und Sachsen offenbar besser als woanders. Die Länder müssen also in die Lehrer und deren Ausbildung investieren.

SPIEGEL ONLINE: Auf die Schulform kommt es gar nicht an? Ein Kind auf einer Hauptschule kann genauso viel lernen wie ein Gymnasiast?

Bos: Wenn auf der Hauptschule die schwächsten 15 Prozent eines Jahrgangs gelandet sind, können sie kaum Spitzenleistungen erbringen. Aber es gibt wissenschaftlich keine einschlägigen Befunde, die für oder gegen das dreigliedrige Schulsystem sprechen. Und wenn wir international nicht einmal besonders gut damit abschneiden, müssen wir es den Kindern auch nicht antun, sie mit zehn Jahren aufzuteilen.

SPIEGEL ONLINE: Dann müsste Berlin gegenüber Bayern doch Vorteile haben, weil Kinder dort sechs Jahre zur Grundschule gehen? In den Rankings schneidet die Hauptstadt aber stets schlecht ab.

Bos: Das ist eine Scheindebatte. Es ist egal, wie lange die Kinder gemeinsam lernen, wenn der Unterricht nicht besser wird. Bei uns wird auch viel Geld in kleinere Klassen gesteckt. Dabei macht es keinen Unterschied, ob in einer Klasse 20 oder 25 Schüler sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Was sollten die Länder tun?

Bos: In erfolgreichen Staaten wie Finnland sind die Klassen auch nicht kleiner als bei uns, aber die Schulen gehen mit der Heterogenität besser um. Es gibt jede Menge zusätzliche Lehrer, die sich die schlechtesten oder die besten Kinder einer Klasse herausgreifen und sie gezielt fördern. Wir müssen außerdem unsere Lehrer besser ausbilden. Ein Mathematiklehrer hat in der Regel keine Ahnung davon, wie man Deutsch als Fremdsprache vermittelt. Die braucht er aber, um seinen Stoff in Klassen mit vielen Migrantenkindern rüberzubringen.

Das Gespräch führte Heike Sonnberger

insgesamt 170 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dtrixer 05.10.2012
1. So, so ...
"Ein Mathmatiklehrer hat in der Regel keine Ahnung davon, wie man Deutsch als Fremdsprache vermittelt. Die braucht er aber, um seinen Stoff in Klassen mit vielen Migrantenkindern rüberzubringen." Und in welcher Studie wurde dieser Unsinn nachgewiesen?
PeterShaw 05.10.2012
2. Bos-artig!
Zitat von sysopdapdSchüler in Bremen, Berlin und Hamburg kommen beim Ländervergleich der Viertklässler viel schlechter weg als ihre Altersgenossen im Süden. Warum eigentlich? An den Investitionen in Bildung liegt es nicht, sagt Schulforscher Wilfried Bos - und mahnt: Die Lehrer müssen dringend besser werden. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/laendervergleich-der-grundschulen-experte-will-besseren-unterricht-a-859708.html
Wenn man Texte dieses Herrn liest, weiß man, warum der Begriff Bildungsexperte eine Beleidigung darstellt. Er stellt fest, dass die Systemfrage irrelevant ist und folgert, dass ein Einheitssystem installiert werden sollte. Und er stellt fest, dass die Klassengröße irrelevant ist und fordert, dass mehrere Lehrer für eine Klasse gleichzeitig zuständig sein sollten um durch ein Herausnehmen von Schülern das System zu gliedern und die Klassen zu verkleinern.
mr_supersonic 05.10.2012
3. Und wieder...
Zitat von sysopdapdSchüler in Bremen, Berlin und Hamburg kommen beim Ländervergleich der Viertklässler viel schlechter weg als ihre Altersgenossen im Süden. Warum eigentlich? An den Investitionen in Bildung liegt es nicht, sagt Schulforscher Wilfried Bos - und mahnt: Die Lehrer müssen dringend besser werden. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/laendervergleich-der-grundschulen-experte-will-besseren-unterricht-a-859708.html
Eigentlich nichts neues, erzählen Fachleute schon seit 15 Jahren dass es an der Lehrerausbildung liegt. Bin schon gespannt ob Frau Schröder die Herdprämie erweitert, damit man eventuell nötige Nachhilfe in der Schule nicht in Anspruch nimmt und für 50€ seinen Kindern selbst was zuhause beibringt....
TangoGolf 05.10.2012
4. Aha,
Zitat von sysopdapdSchüler in Bremen, Berlin und Hamburg kommen beim Ländervergleich der Viertklässler viel schlechter weg als ihre Altersgenossen im Süden. Warum eigentlich? An den Investitionen in Bildung liegt es nicht, sagt Schulforscher Wilfried Bos - und mahnt: Die Lehrer müssen dringend besser werden. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/laendervergleich-der-grundschulen-experte-will-besseren-unterricht-a-859708.html
so argumentieren Experten von heute: zunächst wird konstatiert, dass es keine gesicherten Ergebnisse zum dreigliedrigen Schulsystem gibt, trotzdem Kinder nicht getrennt werden sollten mit 10. Die berechtigte Nachfrage, warum dann Berlin nicht viel besser abschneidet, wird dann als Scheindebatte bezeichnet. Ja was denn nun?
discipulus_neu 05.10.2012
5. Der Experte!
Zitat von sysopdapdSchüler in Bremen, Berlin und Hamburg kommen beim Ländervergleich der Viertklässler viel schlechter weg als ihre Altersgenossen im Süden. Warum eigentlich? An den Investitionen in Bildung liegt es nicht, sagt Schulforscher Wilfried Bos - und mahnt: Die Lehrer müssen dringend besser werden. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/laendervergleich-der-grundschulen-experte-will-besseren-unterricht-a-859708.html
Diesen sogenannten Schulforscher habe ich in der Debatte vermisst. Er gehört geradezu exemplarisch zu jenen Schul-"Experten", die mangels einschlägigem Staatsexamen noch niemals vor einer Klasse mit echten , lebendigen Schülern gestanden haben. Er kennt die Schule aus Auftragsstudien, deren Interpretation und schlauen Einlassungen. Es wäre wohl hilfreich, wenn der schulferne Kathederstratege in NRW die von ihm behaupteten Probleme angehen würde. Näheres ad personam: https://www.neps-data.de/Projekt%C3%BCbersicht/Mitarbeiter/Nutzerprofil/tabid/43/userId/33/language/de-DE/Default.aspx Zu Klassengröße (30 hält er noch für angemessen): Professoren Bos und Prenzel präsentieren Studien-Ergebnisse - MSW NRW Bildungsportal (http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Schulsystem/Qualitaetssicherung/Schulleistungsstudien/Pisa-Tagung/) Wichtigste Erkenntnis: Der Lehrer ist verantwortlich!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.