Länger gemeinsam lernen Hamburg beschließt umkämpfte Schulreform

Bürgerlicher Protest und Nazi-Vergleiche halfen nichts: Gemeinsam haben CDU und Grüne in Hamburg eine wegweisende Schulreform beschlossen. Ab kommendem Jahr gehen alle Schüler sechs Jahre gemeinsam zur Schule, das Gymnasium beginnt erst ab der siebten Klasse. Jetzt streben die Reformgegner einen Volksentscheid ein.

Goetsch und von Beust: Bürgerschaft beschloss Mammut-Schulreform
dpa

Goetsch und von Beust: Bürgerschaft beschloss Mammut-Schulreform

Von und Christoph Titz


Zuletzt lagen bei Hamburgs Schulreformgegnern die Nerven blank. Weil die Gegner wussten, dass eine der tiefgreifendsten Änderungen des Schulsystems in der Hansestadt nicht mehr zu verhindern ist, schreckte deren Sprecher Walter Scheuerl auch nicht vor NS-Vergleichen zurück. Er unterstellte der Bildungspolitik von CDU und Grünen "eine Tradition in der NS-Pädagogik des (...) Erziehungswissenschaftlers Peter Petersen".

Am Mittwochabend folgte dann, woran kaum noch jemand gezweifelt hatte: Die Bürgerschaft stimmte mit den Stimmen der schwarz-grünen Koalition der Reform der grünen Bildungssenatorin Christa Goetsch zu. Durch eine Änderung des Schulgesetzes ist nun der Weg frei für sechsjährige Primarschulen sowie Stadtteilschulen und Gymnasien.

Zu lange fand sich Hamburg bei den Pisa-Studien auf den hinteren Plätzen, als dass die Hansestadt ihre Schulpolitik weiter wie bisher betreiben wollte. Obwohl Hamburg lange mehr Geld pro Schüler ausgab als jedes andere Bundesland, war nur in Bremen der Anteil jener 15-jährigen Schüler größer, die elementare Wissenslücken aufwiesen und als kaum ausbildungsfähig eingestuft wurden. In den vergangenen fünf Jahren verließen annähernd elf Prozent aller Hamburger Schüler ihre Schule ohne Abschluss.

Eine Mischung aus egalitär und elitär

Handlungsbedarf hatte bereits die CDU erkannt, als sie zwischen 2004 bis 2008 allein die Hansestadt regierte. Ein 100-seitiger Bericht der Christdemokraten und ihrer Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig sah damals eine vierjährige Grundschule und im Anschluss lediglich zwei Schulformen, nämlich Stadtteilschulen und Gymnasien, vor. Auf der anderen Seite lehnten unter anderem die Grünen mit der heutigen Schulsenatorin Goetsch ein "Zwei-Säulen-Modell" ab und propagierten "Eine Schule für alle" nach skandinavischem Vorbild.

Nach dem Regierungswechsel und Beginn der ersten schwarz-grünen Koalition auf Länderebene ist die Hamburger Schulreform ein klassischer Kompromiss, der die ziemlich konträren bildungspolitischen Ideale der Koalitionspartner CDU und GAL zusammenbringt: hier das eher elitäre Modell der Konservativen, die das Gymnasium stets für sakrosankt erklären. Dort der egalitäre Ansatz der Grünen, die vor allem benachteiligte Schüler besser fördern wollen und auf eine spätere Trennung setzen.

Gymnasium erst ab Klasse 7 - Sitzenbleiben abgeschafft

Im Kern sieht die Schulreform so aus: Die "Primarschule" soll die Klassen eins bis sechs umfassen - fortan werden Hamburgs Schüler also später sortiert und lernen sechs statt vier Jahre gemeinsam. Nach der sechsten Klasse soll es ab 2010 nur noch zwei Schulformen geben, nämlich das Gymnasium sowie die Stadtteilschule. Dort sind alle Abschlüsse bis zum Abitur nach 13 Jahren möglich. Die Gymnasien bringen ihre Schützlinge schneller, nämlich schon nach 12 Jahren, zur Hochschulreife. Sitzenbleiben wird gänzlich abgeschafft, Schulnoten werden zum Teil durch ein Punktesystem ersetzt. Die Klassengrößen werden, außer an Gymnasien, auf 25 Schüler, in Problemstadtteilen auf 20 Schüler, begrenzt. Zudem soll es Änderungen bei der Einschulung geben.

Vor allem die CDU hatte lange Zeit Bedenken. Auch wenn Bürgermeister Ole von Beust mehrfach erklärte, dass er inzwischen von dem neuen Modell überzeugt sei und es mit Händen und Füßen verteidigte, war die Skepsis vor allem auch wegen der Finanzierung bei den Christdemokraten groß. Doch schließlich haben sich beide Fraktionen hinter die Pläne von Goetsch und von Beust gestellt.

Neben dem kruden NS-Vergleich des Reformgegners Scheuerl hatte das "Hamburger Abendblatt" dem verbissen geführten Streit am vergangenen Wochenende eine weitere Volte hinzugefügt: Die Zeitung stellt die Schulreform auf ihrer Internetseite zur Abstimmung. In der Montagsausgabe war das Ergebnis nachzulesen: Die Reformgegner hatten die Nein-Stimmen bis Sonntagabend auf stattliche 71 Prozent geschraubt.

Letzte Chance der Gegner: Volksbegehren

In der folgenden Nacht schaffte es "ein Hacker", so das "Abendblatt", fast 6000 Mal für die Reform zu stimmen - die Zustimmung lag auf einmal bei über 70 Prozent. Das konservative Blatt nahm die Umfrage von der Seite, die Reformgegner um Walter Scheuerl witterten eine Verschwörung. Der Hacker könne "aus dem direkten Umfeld von Christa Goetsch" kommen.

Scheuerl vertritt die Initiative "Wir wollen lernen", die um die Existenz und das Wohl der Gymnasien fürchten und per Volksentscheid die Schulreform kippen will. Vorher müssen die Gegner den Entscheid allerdings in einem Volksbegehren erzwingen und dafür von Ende Oktober bis Mitte November 62.000 Unterschriften sammeln.

An dieser Hürde war die Initiative "Eine Schule für alle" im Oktober 2008 gescheitert. Ihr Ziel war es, in Hamburg eine Gemeinschaftsschule von der ersten Klasse bis zum jeweiligen Abschluss einzuführen. Dieses sogenannte "skandinavische Modell" hatte die GAL auch in ihrem Programm zur vergangenen Bürgerschaftswahl noch gefordert.

Der rabiate Reformgegner Scheuerl schickt gerne Rundmails, in denen er mit steilen Thesen und in bunten Buchstaben gegen die schwarz-grüne Reform wettert. Seit er jedoch am Montag per Mail seinen NS-Vergleich veröffentlicht hatte, sind viele ehemalige Unterstützer von dem Juristen abgerückt.

mit Material von dpa

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