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Längeres gemeinsames Lernen: Schulaufstand im Altmühltal

Foto: Bildung am Limes

Längeres gemeinsames Lernen Schulaufstand im Altmühltal

Nirgends ist das Bollwerk gegen die Abschaffung der Hauptschule so dick wie in Bayern. Doch zwei Gemeinden kämpfen nun dagegen an: Sie wollen eine Gemeinschaftsschule gründen - zum Ärger des Kultusministers.
Von Christian Bleher

Wie weit es zur Hauptstadt Russlands ist, weiß in Denkendorf jedes Kind: Neben dem Rathaus steht ein gelber Wegweiser mit der Aufschrift "Moskau 2513 km". Schon in den achtziger Jahren haben hier ein paar Bürger Pioniergeist bewiesen, indem sie gegen den Widerstand mancher konservativer Zeitgenossen eine nachhaltige Partnerschaft zu einem Bezirk der Kreml-Stadt aufbauten.

Nun hoffen viele Denkendorfer, dass ihnen etwas viel Naheliegenderes und doch erheblich Schwierigeres gelingen wird: Der Durchbruch in eine neue pädagogische Zukunft - die Eröffnung einer Gemeinschaftsschule.

Das Konzept: Individualisierter Unterricht in gemeinsamen, heterogenen Ganztagesklassen von der 5. bis zur 10. Jahrgangsstufe, die Option auf den Haupt- und den Realschulabschluss sowie den möglichst reibungslosen Übertritt auf ein Gymnasium.

Ludwig Spaenle

Einer der glühendsten Anhänger dieser Idee ist Jürgen Hauke, Bürgermeister von Denkendorf. Das Pikante: Er trat das Amt zwar als Vertreter der "Christlichen Wähler" an, ist aber auch Mitglied der CSU. Dass die von Gemeinschaftsschulen wenig hält, stellte der christlich-soziale Kultusminister bei einem Ortstermin im November klar: Demonstrierenden Bürgern sagte er auf dem zentralen Platz von Denkendorf, sie könnten sich die "Einheitsschule" aus dem Kopf schlagen, das habe "keine Chance", dafür werde er schon sorgen.

Zuletzt hatte Spaenle im Interview mit SPIEGEL ONLINE gegen das längere gemeinsame Lernen aller Schüler gewettert: "Wenn ich heißes und kaltes Wasser zusammenschütte, kommt laue Brühe heraus."

"Sie sagen Gemeinschaftsschule, ich sage Einheitsschule"

Bürgermeister Hauke kümmert das Gepoltere nicht. "Parteien spielen in dieser Frage keine Rolle", sagt er. Es ist ihm gleichgültig, dass es die Landtags-SPD war, die das Modell einer fünfstufigen Sekundarstufe auf die Agenda gesetzt hat.

Bei Spaenles Besuch demonstrierte Hauke mit Hunderten Erwachsenen und Kindern aus Denkendorf und der Nachbargemeinde Kipfenberg für die Gemeinschaftsschule. Sie hielten selbstgebastelte Plakate in den finsteren Winterabend, Spaenle sprach 20 Minuten lang zu ihnen.

"Sie sagen Gemeinschaftsschule, ich sage Einheitsschule", rief er ihnen zu, um dann mitsamt Entourage in den Saal eines Gasthofs einzukehren. Dort führte der Minister aus, warum Eltern und Schüler mit der neuen Mittelschule, wie sich ein Großteil der Hauptschulen seit Schuljahresbeginn nennen darf, sehr gut bedient seien.

Menschen aller Couleur aus Denkendorf und Kipfenberg sind anderer Meinung. Sie haben sich im letzten Jahr im Verein "Bildung am Limes" zusammengeschlossen. Sie beauftragten den Dortmunder Schulentwicklungsexperten Ernst Rösner, die Chance für eine Umsetzung zu evaluieren. Der Wissenschaftler hatte schon mit einem Gutachten Geburtshelfer für die bundesweit bestaunte "Profilschule Ascheberg" in Nordrhein-Westfalen gespielt: Dort hatte ausgerechnet ein CDU-Bürgermeister die rot-grüne Landesregierung um die Genehmigung einer Gemeinschaftsschule gebeten.

Der Geburtenrückgang perforiert den bayerischen Dreigliedrigkeitsbeton

Rösners statistische Befunde hätte es in Denkendorf allerdings kaum gebraucht: Gerade in Dörfern wie Denkendorf ist die demografische Entwicklung offensichtlich. Der Geburtenrückgang und die Abwanderung vom Land perforieren den bayerischen Dreigliederungsbeton - Hauptschulen gehen schlicht die Schüler aus.

Wegen zu wenigen Schülern kam im laufenden Schuljahr in Denkendorf erstmals keine 7. Klasse mehr zustande. Die verbliebenen Schüler besuchen die sechs Kilometer entfernte Kipfenberger "Schule am Limes". Die gehört ihrerseits "schon heute zur Kategorie der bestandsgefährdeten einzügigen Schulen", wie Rösner im Dezember in seiner Expertise dargelegt hat. Und das, obwohl hier im Altmühltal überdurchschnittlich viele Schüler nach der Grund- auf die Hauptschule wechseln.

"Bereits geringe Rückgänge der Quoten reichen aus", heißt es in Rösners Papier, "um die örtlichen weiterführenden Schulen schließen zu müssen". Und das Konzept der Mittelschule bedeute "keine substantielle Aufwertung der Hauptschule". Eltern der beiden Gemeinden winken tatsächlich ab, wenn sie das Wort "Mittelschulverbund" hören, einem Zusammenschluss von Schulen auch über größere Distanzen hinweg. Zu viel Fahrerei sei das. Eine zweifache Mutter klagt zudem: "Im Bürger-Informationsblatt war eine Friseurinnenstelle ausgeschrieben - Voraussetzung: Realschulabschluss. Wenn es schon so weit ist, dann können wir doch einpacken."

Die Schulrebellen lassen sich nicht entmutigen

"Mir geht es um den Standort Denkendorf", betont Bürgermeister Hauke und schiebt hinterher: "Wahnsinn, was wir in diese Schule investiert haben." Ähnlich drücken sich auch Gemeinderäte der anderen Parteien aus. 900.000 Euro steckt man derzeit in eine energetische Sanierung, der Eingangsbereich wird architektonisch anspruchsvoll erneuert, und erst vor zehn Jahren ist für drei Millionen Euro eine gigantische Turnhalle gebaut worden.

Die Ausstattung der Klassen- und Projekträume inklusive Computerraum, moderner Lehrküche, Mensa, Schreinerwerkstatt, sowie die Sportanlagen befand Schulentwickler Rösner bei seiner Besichtigung als "nachgerade exzellent". Die Kipfenberger Schule ist nicht minder gut und modern ausgestattet.

Dennoch: Trotz bester Bedingungen für ihr Modell sahen die Schulrebellen keine andere Wahl, als zweigleisig zu fahren. Anfang Januar haben sie sich - nach einem Jahr der Verweigerung - dazu durchgerungen, einen Mittelschulverbund zu beantragen. Alles andere wäre zu riskant, wie bereits 150 Hauptschulen des Freistaats erfahren mussten. Sie waren einer Kampagne des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes gefolgt und beantragten schulartübergreifende Bildungsangebote. Das Kultusministerium lehnte ausnahmslos alle ab.

Entmutigen lassen sie sich freilich nicht im Altmühltal: An dem Konzept wird weiter gefeilt, dann den Eltern zum Beschluss vorgelegt. Etwa in zwei Jahren, so der Plan, soll die Gemeinschaftsschule offiziell beantragt werden.

Die Lehrer halten sich bislang raus

Die Denkendorfer und Kipfenberger Pädagogen geben sich zugeknöpft: Lehrer und Schulleiter lehnen Stellungnahmen zum Gemeinschaftsschul-Modell bislang strikt ab. Nur einer der Hauptschullehrer hat sich öffentlich zur Gemeinschaftsschule geäußert: In einem Internet-Forum des Bayerischen Fernsehens wetterte er gegen das Projekt.

SPD-Gemeinderat Alfons Weber, der sich als Vorsitzender des Vereins "Bildung am Limes" trotz allem unermüdlich für das Projekt Gemeinschaftsschule einsetzt, findet es bedauerlich, mit den örtlichen Pädagogen noch nicht richtig ins Gespräch gekommen zu sein. So nutzt er kurz vor einer Begehung der Denkendorfer Schule mit einigen Gemeinderatskollegen an einem Freitagmittag auf dem Parkplatz die Gelegenheit, eine junge Lehrerin auf das Projekt anzusprechen.

Sie ist nicht fest angestellt - und wohl genau deswegen gesprächsbereit, wenn auch zögerlich. Unter ihrer weiten Fellkapuze äußert sie zarte Vorbehalte gegen einen unerbittlichen Selektionsdruck in der Grundschule, um sich dann jedoch mit dem einschränkenden Satz zu verabschieden: "Es braucht aber schon ein ausgereiftes Modell." "Ganz genau!", ruft Weber in den eisigen Wind.

Vielleicht hat der drahtige Mann diese Unbeirrbarkeit von seinem Vater: Der war 18 Jahre lang SPD-Bürgermeister in Denkendorf und hat in dieser Zeit gewaltiges politisches Tauwetter erlebt - als Mitbetreiber der Städtepartnerschaft mit Moskau.