Latein im Internet Schulbuchverlag verklagt 15-Jährigen

Ein gelehriger Lateinschüler aus München hat hartnäckig Übersetzungen ins Internet gestellt. So viel Eifer wird nicht immer belohnt: Ein Verlag fürchtet um den Absatz seiner Lehrbücher und zettelt einen kleinen Krieg gegen den renitenten Jugendlichen an.


Weil der 15-jährige Münchner Schüler auch nach mehrmaliger Abmahnung durch den Schulbuchverlag immer wieder Übersetzungen auf verschiedenen Providern anbot, muss er nun mit Schadenersatzforderungen sowie einem Strafbefehl rechnen. Der Oldenbourg-Verlag verklagte den Jugendlichen vor dem Landgericht München auf Unterlassung und Schadenersatz. Auch ein Strafprozess wegen Verletzung des Urheberrechts droht dem Schüler noch.

"In den letzten fünf Jahren gab es etwa 20 ähnliche Fälle", sagte Verleger Wolfgang Dick vom Oldenbourg-Verlag gegenüber SPIEGEL ONLINE. Doch diesmal sei der Fall besonders schwer: Der Jugendliche hatte im Internet eigene Übersetzungen des Latein-Lehrbuchs Cursus Continuus angeboten - nach Auffassung des Verlags eine Verletzung des Urheberrechts. Als ihn der Verlag aufforderte, die Webseite einzustellen, wechselte der 15-Jährige die Domain, bot seine Übersetzungen aber weiterhin an.

Der Junge habe mit seinen 15 Jahren das von ihm begangene Unrecht nicht erkannt, führte sein Anwalt zur Verteidigung an. Verleger Dick sieht das anders - und attestiert dem Gynmasiasten "fortgeschrittene kriminelle Energie". Der Verlag habe keine andere Möglichkeit gesehen, als vor Gericht zu ziehen.

"Marktwert sinkt auf Null"

Zwar sind antike Caesar-Texte wie Bellum Gallicum nicht urheberrechtlich geschützt. Doch Versionen aus Schulbüchern sind zum Teil gekürzt und vereinfacht, außerdem gilt ein besonderes Recht für Schulbücher. Der Junge hatte zudem nicht die antiken Texte, sondern neuere Übungsstücke übersetzt. Von der Urheberrechtsfrage abgesehen entstehe dem Verlag massiver wirtschaftlicher Schaden, sagte Wolfgang Dick: Wenn sich Schüler die Lösungen ihrer Übungen aus dem Internet kopierten, kauften die Schulen das Lehrbuch nicht mehr.

Trotzdem bleibt die Klage ein Tropfen auf dem heißen Stein. Denn längst gibt es nicht nur Lösungen für Cursus Continuus, sondern für alle anderen gängigen Lateinbücher wie Roma, Lumina, Res Romanae oder V&R Latinum zum Download.

Das Landgericht München hat bereits mehrfach entschieden, dass geschützte Lehrbuchtexte nicht ins Internet gestellt werden dürfen. "Es bedarf keiner vertieften Ausführung, dass der Marktwert eines Übungsbuches möglicherweise bis auf Null sinkt, wenn die Schüler die Lösungen im Internet abrufen können", heißt es in einem Urteil vom Januar 2003. Eine Entscheidung zum Fall Oldenbourg wird für Juni erwartet.

Von Carola Padtberg




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