Mythos und Wirklichkeit "Wer in der Schule Latein hatte, gilt als höher gebildet"

Menschen, die Latein in der Schule hatten, können besser logisch denken und lernen leichter andere Sprachen? Der Soziologe Jürgen Gerhards erklärt, warum beides ein Mythos ist.
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Jürgen Gerhards, 64, leitet an der Freien Universität Berlin das Institut für Soziologie.

SPIEGEL ONLINE: Jedes dritte Kind lernt am Gymnasium Latein, obwohl es sich auch eine Sprache aneignen könnte, die es zum Beispiel im Urlaub anwenden kann. Warum ist Latein so beliebt?

Gerhards: Das positive Image von Latein ist gesellschaftlich sehr stark verhaftet. Wir haben Eltern von Achtklässlern an Gymnasien befragt, welche Sprachen ihrer Ansicht nach das logische Denken fördern. 80 Prozent sagten, dass das auf Latein zutreffe. Modernen Fremdsprachen trauten das nur acht Prozent zu. Gut 70 Prozent glaubten, dass Latein Schülern helfe, auch andere Sprachen leichter zu lernen. Deutlich weniger Eltern sahen auch bei Englisch, Französisch oder Spanisch diesen Nutzen. Es ist wie im Märchen "Des Kaisers neue Kleider": Wenn alle daran glauben, wird es wahr.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie sind jetzt das Kind, das ruft: "Aber der Kaiser ist ja nackt!".

Gerhards: Es gehört zu den Aufgaben der Wissenschaft, aufzuklären und Mythen zu entzaubern.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Gerhards: Latein wird ein ganzer Strauß positiver Attribute angedichtet: Wer es lernt, schult vermeintlich sein logisches Denken und seine analytischen Fähigkeiten. Außerdem erwirbt er angeblich ein besseres Verständnis von Grammatik und lernt leichter andere Fremdsprachen wie Spanisch oder Französisch. Zudem gelten Menschen, die in der Schule Latein hatten, als kulturell höher gebildet, wie unsere Befragung gezeigt hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gemeinsam mit zwei weiteren Forschern eine Studie  veröffentlicht, in der Sie schreiben, dass nichts davon stimme. Wie können Sie sich so sicher sein?

Gerhards: Das haben wir nicht selbst erforscht, doch es gibt mehrere gute Studien, die das belegen. So haben zum Beispiel Ludwig Haag von der Universität Bayreuth und Elsbeth Stern von der ETH Zürich das logische Denken, das Grammatikverständnis und die Fähigkeit zum Sprachenlernen von Schülerinnen und Schülern untersucht, bevor sie eine Fremdsprache wählten - und einige Jahre später. Dabei zeigte sich deutlich: Wer Latein gewählt hatte, hatte keinen Vorteil gegenüber Schülern, die in derselben Zeit eine moderne Fremdsprache gelernt hatten.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem ist der Anteil der Gymnasiasten, der im Unterricht Latein lernt, seit Ende der Neunzigerjahre von rund 26 auf 32 Prozent gestiegen. Wie erklären Sie sich das?

Jürgen Gerhards: Wir interpretieren dies als eine Strategie des Bildungsbürgertums, sich gegenüber anderen sozialen Schichten abzugrenzen. Seit den Siebzigerjahren sehen wir eine Bildungsexpansion: Immer mehr Menschen machen Abitur und studieren. Das wird in bildungsbürgerlichen Milieus mitunter als Bedrohung aufgefasst, weil mehr Menschen mit vergleichbar guten Abschlüssen um Studien- und Arbeitsplätze konkurrieren. Bildungsbürger halten mit verschiedenen Strategien dagegen: Sie schicken ihr Kind für ein Jahr ins Ausland, zum Beispiel an eine Schule in den USA. Oder sie halten es dazu an, Latein zu lernen.

SPIEGEL ONLINE: Latein bringt weniger als gedacht und ist noch dazu eine tote Sprache. Sollte es aus den Lehrplänen gestrichen werden?

Gerhards: Das wäre voreilig. Weil so viele Menschen an die wundersamen Effekte des Lateinunterrichts glauben, bringt er auf dem Arbeitsmarkt echte Vorteile. Tim Sawert, ein Mitautor unserer Studie, hat für seine Doktorarbeit fiktive Bewerbungen an Unternehmen geschickt, die sich nur in einem einzigen Merkmal unterschieden: Ob jemand Latein in der Schule hatte oder nicht. Die, die Latein gelernt hatten, wurden öfter zum Interview eingeladen.

SPIEGEL ONLINE: Früher brauchte man ein Latinum, um Medizin oder Jura zu studieren. Heute ist das in weniger Fächern eine Voraussetzung - aber immer noch müssen viele Studierende bundesweit für manche Fächer Lateinkenntnisse vorweisen oder nachholen. Das ist eigentlich überholt, oder?

Gerhards: Wenn man zum Beispiel Kunstgeschichte oder Theologie studiert, ist völlig klar, dass man Latein braucht, um sich historische Quellen zu erschließen. Aber die Hochschulen sollten sehr genau prüfen, in welchen Fächern Latein für ihre Großklientel wirklich noch sinnvoll ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist Lateinunterricht nicht auch schützenswert, weil die Sprache zu unserer Kultur und Vergangenheit gehört? Sonst verstünde niemand mehr Sätze wie "carpe diem" oder "quod erat demonstrandum".

Gerhards: Um solche Sätze zu lernen, bräuchte man vielleicht wenige Wochen - und ich hatte sieben Jahre lang jede Woche vier Stunden Latein. Das war im Grunde fehlinvestierte Zeit. Ich hätte damals auch Spanisch lernen können, was wesentlich sinnvoller gewesen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also nicht unvoreingenommen an die Studie herangegangen, weil Sie sich in Latein gequält haben?

Gerhards: Im Gegenteil, ich habe es sehr gern gelernt. Ich bin ein systematischer Typ, der klare Strukturen mag. Latein hat wenige Unregelmäßigkeiten, das kommt meiner Mentalität entgegen. Aber das ist kein gesellschaftlich relevantes Argument.

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