Leben auf der Straße "Was hilft schon ein Dach über dem Kopf?"

Sie treffen sich im Stadtpark, am Bahnhof oder vor dem Supermarkt. Manchmal drücken wir ihnen ein paar Cent in die Hand, aber wir kennen sie nicht. Sie - das sind Jugendliche in Not. Starfotograf Jim Rakete hat einige junge Leute porträtiert, die auf Berliner Straßen leben.
Fotostrecke

Leben auf der Straße: "Was hilft schon ein Dach über dem Kopf?"

Foto: Jim Rakete

Zuerst hatte Jannis, 17, gar keine Lust, fotografiert zu werden. Trotzdem gewann die Neugierde: Jannis kam mit ins Studio, zum "Zuschauen" - und entschied sich am Ende doch für ein Foto. Vielleicht, weil er etwas loswerden wollte. Mit dem Rücken zur Kamera hält Jannis auf dem Bild ein Schild über der ausgefransten Jeansjacke. "Fuck Justice" steht darauf, und Jannis lässt offen, ob er damit die Justiz meint oder die Gerechtigkeit.

27 Jugendliche kamen in ein Berliner Fotostudio, Fotografen-Legende Jim Rakete machte Bilder von ihnen - und daraus entstand eine Zeitschrift von "Karuna - Zukunft für Kinder und Jugendliche in Not". Jim Rakete unterstützt den Verein ebenso wie Schauspielerin Hannelore Elsner. Ihnen geht es darum, Jugendlichen zu helfen: auf dem Weg zu einem Schulabschluss, zu einer eigenen Wohnung, zu einem eigenverantwortlichen und gesunden Leben ohne Drogen.

"Viele der Kids haben ein wahnsinnig großes Bedürfnis zu reden", sagt Jörg Richert, 46. Er ist Geschäftsführer des Vereins, der rund tausend Kinder und Jugendliche betreut. "Straßenkinder" nennt Karuna  sie. Zum Teil hätten die Betroffenen zwar eine Wohnung, sagt Richert, "aber was hilft schon ein Dach über dem Kopf, wenn das Innenleben nicht sortiert ist? Das eigentliche Problem ist das seelische Alleinsein."

Karuna: Leben in der Wohngruppe

Überhaupt, findet Richert, sollte man diesen Straßenkindern nicht unbedingt eine eigene Wohnung überlassen. Die Jugendlichen versorgten sich zwar untereinander gut mit Schlafplätzen, "aber mit all den Folgen wie Gewalt und Drogenexzessen".

Dem setzt Karuna stationäre Einrichtungen wie die Villa Störtebeker entgegen, eine Wohngruppe für zehn Jugendliche mit Suchtproblemen, 14 bis 21 Jahre alt. Zum Essen sitzt man dort um einen hellen Holztisch, wie in der Familie. Ziel ist der langsame Aufbau eines selbständigen Lebens. Jeder Jugendliche hat eigene Ziele - einen Schulabschluss etwa oder die Aufarbeitung persönlicher Probleme. Oft werden die Eltern mit eingebunden.

Wer noch nicht bereit ist für ein Leben in der Villa Störtebeker, der landet im Cleanpeace, wo es vorrangig um Entzug geht, oder im Zwischenland, einer weiteren vorbereitenden Einrichtung. Wer Drogen nimmt, riskiert, weggeschickt zu werden - kann aber nach einer gewissen Zeit wiederkommen. "Am Ende durchlaufen drei Viertel der Jugendlichen alle drei Phasen", sagt Richert.

Manche sind traumatisiert

Wie sollten Passanten sich auf der Straße verhalten? Ist es sinnvoll, bettelnden Jugendlichen Geld zu geben? "Ich würde das generell nicht machen", sagt Richert - "nur in Ausnahmefällen, um ein Gespräch in Gang zu setzen." Zu viele kauften von den Spenden Alkohol und andere Drogen. Wichtig sei es aber, mit Jugendlichen Gespräche anzufangen, "damit sie spüren, für einen Moment lang jemandem wichtig zu sein". Viele seien skeptisch gegenüber Erwachsenen, einige traumatisiert. Gespräche könnten eine Motivation sein, doch Hilfe anzunehmen.

Karuna will Brücken bauen, etwa durch Straßensozialarbeit und durch die Wohnprojekte. Beim Fotoshooting trafen sich 27 Jugendliche, um "eine Botschaft von der Straße auf verschiedenste Art zu formulieren: dass es wieder eine Perspektive geben kann für diejenigen von ihnen, die von der Armut so direkt betroffen sind, dass sie keinen Platz in der Mitte der Gesellschaft finden", schreiben Jim Rakete, Karuna-Schirmherrin Hannelore Elsner und ihre Mitstreiter. "Wir bitten Sie, diesen jungen Menschen ins Gesicht zu schauen und zu entscheiden, ob Sie sich maßgeblich für ihre Zukunft engagieren wollen, statt ihnen in der nächsten Fußgängerzone Kleingeld in die Hand zu drücken."

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Tami, 21 - ist überall gern, wo ihre Hunde dabei sind

Foto: Jim Rakete

Wie hast du den Tag begonnen?

Mit dem nervigen Klingeln eines Weckers, wegen eines Besuchstermins im Knast.

Wo ist dein Lieblingsplatz?

Überall, wo meine Hunde dabei sind.

Über was hast du dich diese Woche gefreut?

Dass ich meinen Hund Bilou (sieben Wochen alt) am Sonntag mit rausnehmen konnte, und dass er geimpft wurde.

Wie stellst du dir das Leben in 20 Jahren vor?

Da will ich gar nicht mehr da sein.

Worin bist du besonders gut?

Malen, Nähen, Akrobatik, Hunde erziehen, zickig sein (besonders gut :-) … und vieles mehr!

Lilli*, 23 - der Tag beginnt mit spätrömischer Dekadenz, womit auch sonst

Foto: Jim Rakete

Wie hast du den Tag begonnen?

Mit Ohrenschmerzen, viel Depression, keinem Cent - und spätrömischer Dekadenz natürlich. Nachdem ich eine Stunde sinnlos ins Leere gestarrt hatte, hab ich's dann geschafft, noch etwas zu kiffen und aufzustehen.

Über was hast du dich diese Woche gefreut?

Über das Essen, das auf dem Tisch stand, als ich vor vier Tagen nach Hause gekommen bin, über meinen Hund, pausenlos, und darüber, wie mein Mann mich gestreichelt und massiert hat.

Über was hast du dich diese Woche geärgert?

Über die Zeitung und über den ewig langen Weg zum Ohrenarzt. Wenigstens bin ich schnell an die Reihe gekommen, waren nicht viele Menschen im Wartezimmer, die sich da behandeln lassen wollten... ja, und übers Wetter habe ich mich auch gefreut, wie jeder ordentliche Deutsche.

Wie stellst du dir das Leben in 20 Jahren vor?

Noch beschissener als heute. Ich hab nicht mal eine Ahnung, was ich in drei Monaten machen werde!

Wovon träumst du?

Meistens werde ich im Traum verfolgt, manchmal in der Gruppe, manchmal allein. Oft träume ich so intensiv, dass ich davon richtig erschöpft bin. Was die Zukunft angeht: In meinem Utopia wird kein CO2 mehr produziert, und es gibt keine Grenzen, dafür herrscht Gleichheit und ein gesunder Kreislauf der Ressourcen.

(*Name geändert)

Nicky, 23 - stellt sich lieber gar nix vor

Foto: Jim Rakete

Wie hast du den Tag begonnen?

Nach einer durchgemachten Nacht hab ich meinen Tag mit Kaffee begonnen und einer Linie Speed, damit ich den Tag irgendwie überstehe - schließlich beginnt heute Nachmittag ein dreitägiges Festival. Danach habe ich meine Hunde geschnappt und bin zu Karuna.

Wo ist dein Lieblingsplatz?

Der Alexanderplatz ist so etwas wie mein "Wohnzimmer", mein Zuhause. Dann hab ich noch einen Platz in Neukölln, eine kleine Wiese, wo ich immer hingehe, wenn ich etwas Zeit für mich brauche.

Über was hast du dich diese Woche gefreut?

Vor allem darüber, dass es meinem Hund wieder bessergeht. Außerdem macht es mich glücklich, meinen Hunden im Park beim Spielen zuzuschauen.

Wie stellst du dir das Leben in 20 Jahren vor?

Ich stelle mir gar nix vor! Möchte ich auch gar nicht. Ich möchte mir nichts vornehmen, was dann eh wieder nichts wird. Außerdem müsste ich mich dazu mit mir selbst auseinandersetzen. Dazu bin ich gerade nicht in der Lage.

Wovon träumst du?

Ich versuche es zu vermeiden, irgendwelchen Träumen hinterherzujagen oder mich darauf einzulassen. Meistens haben sie nichts mit der Realität zu tun - diese Erkenntnis kann sehr schmerzhaft sein.

Worin bist du gut?

Keine Ahnung. Finde es sehr schwer, das selbst zu beurteilen. Das Einzige, was mir einfällt, ist, dass ich mal eine gute Sportlerin war. Habe sogar längere Zeit Leistungssport gemacht.

Die Fotostrecke zu diesem Artikel enthielt zunächst ein Bild, das eine Mitarbeiterin des Vereins Karuna zeigte. Das Bild wurde entfernt, weil der Eindruck entstehen konnte, die junge Frau sei obdachlos und werde deshalb von Karuna betreuten. Das ist nicht der Fall. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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