Leben im Internat Badesee und Drogentests

Internat, das klingt nach Karriereturbo für den jungen Geldadel - ist aber oft eine Fluchtburg für Jugendliche mit Problemen. Im Internat von Grovesmühle gelten strikte Regeln, Drogen- und Alkoholtests inklusive. Drei Schüler erzählen vom Leben zwischen "endloser Klassenfahrt" und Dauerkontrolle.
Von Jasper Tjaden
Fotostrecke

Leben im Internat: "Wie eine endlose Klassenfahrt"

Foto: Jasper Tjaden

Vogelzwitschern und Grillengezirp, in der Ferne ist der Brocken zu sehen. Der Feldweg entlang einer Baumallee endet vor einem weißen Fachwerkhaus mit roten Ziegeln: das Landschulheim Grovesmühle, ein Internat mit 52 Schülern.

Grovesmühle liegt im Harz bei Wernigerode und Ilsenburg. Zehn Minuten Autofahrt entfernt vom nächsten Kiosk und 20 Minuten vom nächsten Kino leben die Schüler hier inmitten einer Idylle aus Mischwald und Getreidefeldern.

Ein Internat - das klingt nach Elite, nach geldadeliger Flucht aus der Bildungsmisere. Doch für manche Kinder und Jugendlichen ist das Internat nicht die erste Karrierestation, sondern der letzte Ausweg aus persönlichen und schulischen Problemen. Auf SPIEGEL ONLINE erzählen drei Grovesmühle-Schüler über gute und schlechte Zeiten im Internat.

Paolina: "Es ist schön, immer jemanden zu haben"

Paolina, 15, stört die Kurort-Atmosphäre nicht. Am liebsten legt sie sich mit Freunden an den See, das sei eigentlich das Schönste, sagt die Neuntklässlerin. Paolina besuchte bis zur sechsten Klasse eine Berliner Gesamtschule, dann kam sie auf die Groves, wie die Schüler das Landschulheim nennen. Die Entscheidung hatten die Eltern getroffen.

Eigentlich wollte Paolina nicht weg. Aber die Streitigkeiten zu Hause wurden der Mutter zu viel. Neben Kleinigkeiten war vor allem die Schule ein Reizthema. Ohne Wechsel auf das Internat hätte Paolina eine Klasse wiederholen müssen. "Außerdem sollte ich den Umgang mit der Gemeinschaft lernen", sagt sie; das habe ihre Mutter gewollt.

Ein Internat stellte sie sich als "irgendwie total kühl, streng und doof" vor. Am ersten Tag ihrer Groves-Probewoche wollte sie nur nach Hause. Nach einer Woche freundete sie sich mit ihrer neuen Zukunft an.

"Man wird hier mehr zum Lernen gezwungen"

Paolina streicht die dunklen Haare aus der Stirn und guckt aus ihrem Zimmerfenster. Das macht sie häufig, wenn sie gründlich überlegt. "Ich fühle mich wohl hier", sie habe schnell Anschluss gefunden. Natürlich gebe es Gruppenbildung und Ausgrenzung. Das passiere aber auch an staatlichen Schulen, sagt sie. Hier sei es einfacher, mit den Lehrern zu reden: "Probleme werden geklärt und nicht verdrängt."

"Viele Schüler haben schulische oder auch familiäre Schwierigkeiten", sagt Heimfamilienleiter Stephan Schwiefert, 26. Im Internat suchen nicht nur reiche Kinder nach der besten Bildung, sondern auch Schüler einen Ausweg aus ihren Problemen. Und die würden an Schulen ohne gutes Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern oft nicht erkannt, sagt der pädagogische Leiter Klaus von Orlikowski, 42.

In der Tradition des Reformpädagogen und Internatsgründers Hermann Lietz leben die Schüler in Heimfamilien; in unterschiedlichem Alter bewohnen sie einen Flur zusammen mit einem Erzieher. Nach dem Internatskonzept ist die Schule nicht nur Ort der Wissensvermittlung, sondern ebenso der umfassenden Persönlichkeitsbildung.

Dazu gehören auch der durchstrukturierte Tagesablauf und strikte Regelkatalog. Für Paolina normal, aber "wenn ich meinen Freundinnen in Berlin vom Internat erzähle, müssen die lachen". Die meisten könnten sich nicht vorstellen, mit Bettgehzeiten (unter 16 Jahren: 21.30 Uhr, über 16: 22.30), Müll- und Tischdienst sowie Urintests auf Drogen zu leben.

Ohne Auto und Geld geht gar nichts

Paolinas Noten sind im Internat besser geworden. Ältere Schüler bieten Nachhilfe an, Erzieher sind immer ansprechbar. "Man wird hier mehr zum Lernen gezwungen." Während des Silentiums, einer Ruhestunde am Abend, müssen die Schüler in ihren Zimmern am aufgeräumten Tisch ihre Schularbeiten erledigen. Elektronische Geräte sind dann untersagt.

Der Nachteil an der Groves sei, dass immer alle da sind, sagt Paolina. Die Unausweichlichkeit der Konfrontation beschreibt Internatsleiter Jürgen Völker, 39, als Teil des Konzepts: "Durch Auseinandersetzungen kommen die Schüler zu eigenen Überzeugungen und lernen, für sie einzustehen. Das stärkt das Selbstbewusstsein."

Die Heimwochenenden bei der Familie alle zwei Wochen sind kurz. Alle Schüler über 14 Jahre können sich in der Gruppe zu zweit abmelden, wenn sie das Vertrauen ihrer Erzieher genießen und ihr Ziel angeben. Auch dann kann dem Hof nur entfliehen, wer ein Auto oder Geld fürs Taxi hat. Wenn jemand sie mitnimmt, fährt Paolina gern mal in das Dorf und unternimmt dort etwas mit Freunden.

Wieder streicht sie sich die Haare aus der Stirn und wendet sich zum Fenster. Doch, sagt sie nach einer Pause - sie freue sich auf die kommende Zeit im Internat. "Es ist einfach auch schön, immer jemanden zu haben."

Max: "Endlich weg hier und ins richtige Leben"

Max, 19, strubbelige dunkelblonde Haare und grauer Kapuzenpulli, hat in diesem Jahr sein Abitur geschafft. Seine Groves-Zeit begann in der 9. Klasse, es wurde sein zweites Internat. Max hatte nicht viele Alternativen: Auf der staatlichen Schule waren seine Noten schlecht, vom ersten Internat flog er 2006 wegen Alkoholkonsums.

Das offizielle Groves-Angebot liest sich wie ein Abenteuerurlaub: Tauch- und Motocrosskurse, Fitnessausflüge, Werkstadt, Bandraum, Filmworkshop, Ponyhof, Badesee. Das ist vor allem für Kinder anziehend. Für Max wurde das Internat trotzdem "jedes Jahr langweiliger" - denn "hier ist einfach nichts los", ein "ausgereiftes Wochenprogramm" für die Freizeit fehle. Max erinnert sich an "Phantasie-Kartenspiele, bei denen man Orks töten musste". Die Aktivitäten seien auf Jüngere ausgerichtet, findet er.

"Die Lehrer sind lustiger als die Beamten"

Mit 19 hat man andere Ansprüche. Aus seiner Heimatstadt Frankfurt ist er Shopping-Meilen und Nachtleben gewöhnt; hier im Harz fahren nur in der Woche Busse in die nächstgrößere Stadt. Und auch dort: "typisch ländlich, ostdeutsche Langweile und Konsum-Märkte."

Warum die Eltern zu ihm kommen, erklärt Internatsleiter Völker so: "Viele sind mit öffentlichen Schulen unzufrieden, da diese grundlegende Bedürfnisse - wie individuelle Förderung, umfassende Persönlichkeitsbildung und regelmäßige Informationen über den Status quo - nicht oder nur unvollständig leisten können."

Für monatliche Internatskosten von 1465 Euro stehen für die Grovesmühle-Schüler Schulpsychologen, Pädagogen und Schulsozialarbeiter bereit. Hinzu kommen 235 Euro Schulgeld pro Monat sowie Extrakosten wie Unterrichtsmaterialien, Taschengeld, Heim- und Klassenfahrten.

Schulisch ist die Groves auch für Max eine Erfolgsgeschichte: Die Klassen seien kleiner, das Lehrerkollegium sei "jünger und lustiger als verbeamtete Lehrer" und die Motivation gerade am Anfang hoch. "Das hält aber nicht für immer."

Schüler als "unvollkommene Menschen, die Orientierung brauchen"

Die Kehrseite am Internat ist die Preisgabe der Privatsphäre. Schüler stehen unter permanenter Kontrolle - auch Volljährige wie Max. Übertrieben findet der Abiturient die unregelmäßigen, unangekündigten Alkoholkontrollen durch Pustapparate, wie die Polizei sie verwendet. "Es könnte dich immer treffen", einmal sei sogar ein Zwölfjähriger beim Sonntagsbrunch getestet worden.

"Bei die Gemeinschaft gefährdenden Delikten wie Diebstahl, Gewalt oder Drogenkonsum reagieren wir kompromisslos", so Internatsleiter Völker. "Letztlich betrachten wir unsere Schüler als das, was sie sind: unvollkommene Menschen, die Orientierung brauchen." Bei kleineren Ausrutschern müssen sie den Feldweg bessern oder einen Zaun reparieren; bei größeren folgt der fristlose Schulverweis.

Bei Stress flüchtete Max in die Raucherecke. "Da gibt es immer Leute, mit denen man reden kann." Am liebsten feiert er mit Freunden in Frankfurt am Main oder fährt auf Reisen. Das Verhältnis zu seinen Eltern ist gespalten. Mit seiner Mutter versteht er sich nicht so gut, mit dem Vater umso besser. "Der wohnt aber leider in Toronto."

Max ist froh, sein Abitur geschafft zu haben. "Es ist wie eine endlose Klassenfahrt", sagt er. Der Spaß werde auf Dauer unlustig - "endlich weg hier und ins richtige Leben".

Eike: "Man muss anpassungsfähig und tolerant sein"

Eike, 19, seit der 8. Klasse auf dem Landschulheim, hat gerade ihr Abitur beendet. Der Schulwechsel war allein ihre Entscheidung. Wie viele Teenager suchte sie damals Abstand zu den Eltern und mehr Freiraum. Heute ist das Verhältnis entspannt: "Sie sind sehr stolz auf mich."

Auf ihrer alten Schule war Eike wegen einer Mathe-Fünf sitzengeblieben. Jetzt hat sie eine Eins. "In diesem Jahr haben alle Internatsschüler das Abitur, den Realschulabschluss und die Fachhochschulreife geschafft", sagt Internatsleiter Völker. Schulpädagoge Orlikowski: "Die Durchfallrate der Groves liegt bei etwa ein bis zwei Prozent."

"Es gibt viele Problemkinder, Rauchen und Trinken sind hier stärker ausgeprägt, einige nehmen auch Drogen", sagt Eike. "Im letzten Jahr wurden vier Schüler aus disziplinarischen Gründen von der Grovesmühle verwiesen", berichtet Völker. Die Gründe sind meist Drogen, übermäßiger Alkoholkonsum, Diebstahl, Mobbing oder selten auch Tritte und Schläge.

"Ich hasse das Warten auf das 'Guten Appetit'"

Eike nervte das teilweise "asoziale Verhalten" mancher Mitschüler. Wenn sie Ruhe suchte, ging sie zu den Ponys auf die Weide - "Pferde sind immer ehrlich."

Sie sei jetzt selbstsicherer, sagt sie. Das Internat trainiere vor allem soziale Kompetenzen und Selbstbewusstsein. Der Druck, angepasst und cool zu sein, sei für ein 15-jähriges Mädchen sehr groß. Jetzt sei das kein Problem mehr für sie. Eike hat keine Zweifel, dass das Internat bis jetzt fast allen etwas gebracht habe.

Sonst nervte nichts? "Ich hasse es auch, beim Mittagessen immer auf das 'Guten Appetit' warten zu müssen." Und wer nicht pünktlich erscheint, muss bis zum nächsten Essen warten. Eike erinnert sich an ein Mittagessen, als am Ende einige Pommes auf dem Boden lagen: Ein Lehrer drohte, nie wieder werde es Pommes geben, wenn der Schuldige nicht sofort sauber mache. Nach einer Pause stand ein 15-Jähriger auf und tat es. "Der hatte gar keine Pommes gegessen. Das hat mir imponiert", erinnert sich die Abiturientin.

Eike hatte gute und schlechte Momente auf dem Internat. Aus allen habe sie gelernt. Trotzdem: "Vier Jahre sind eine lange Zeit. Ich will endlich meinen eigenen Kühlschrank und Ruhe."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.