Unbeliebte Lehrberufe "Nicht jeder wird sofort Jamie Oliver"

Arbeiten, wenn andere Freizeit haben? Das klingt für angehende Azubis wenig attraktiv. Wegen sinkender Schülerzahlen geht Hotels und Gaststätten und manchem Handwerk der Nachwuchs aus. Die Firmen müssen sich etwas einfallen lassen.
Shake that thing: Barkeeper arbeiten, wenn andere feiern

Shake that thing: Barkeeper arbeiten, wenn andere feiern

Foto: Jens Büttner/ dpa

Miese Arbeitszeiten, Stress, maue Bezahlung: Für einige Berufe lassen sich junge Leute in Deutschland nur noch schwer begeistern. Wo schon länger Nachwuchsmangel herrscht, machen die sinkenden Schülerzahlen und der Drang zum Studium die Not nur noch größer. Mittelfristig könnten dadurch ganze Wirtschaftszweige in Schwierigkeiten geraten, befürchten Experten, denn die Azubi-Lücke von heute ist der Fachkräftemangel von morgen.

Vor allem in Gastronomie und Hotellerie ist die Lage angespannt: Laut Statistik des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) leiden gleich sechs Ausbildungsberufe der Branche unter gravierenden Besetzungsproblemen. So blieb zu Beginn des Ausbildungsjahres 2012 fast jede dritte Lehrstelle für Restaurantfachleute in Deutschland leer, damit verschärfte sich die Lage im Vergleich zum Vorjahr noch einmal.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) räumt zum einen Imageprobleme der Branche ein: Arbeiten müssen, wenn andere Menschen Freizeit haben etwa gelte als wenig attraktiv, sagt DEHOGA-Sprecher Benedikt Wolbeck. Der Boom der Kochsendungen habe zudem wohl für falsche Vorstellungen übers Gastgewerbe gesorgt: "Nicht jeder wird sofort Jamie Oliver." Die Branche arbeite aber engagiert an Verbesserungen bei Ausbildungsqualität und Karrierechancen, beispielsweise über duale Studiengänge.

Aber auch im Fleischer- und Bäckerhandwerk sowie im Lebensmittelhandel werden die Nachwuchssorgen drängender. Einen echten Notstand fürchten auch die Spediteure: Etwa die Hälfte der Brummi-Fahrer ist bereits älter als 45 Jahre, und rund 30 000 von ihnen verlassen Jahr für Jahr den Markt, sagt der Sprecher des Branchenverbandes DSLV, Ingo Hodea. "Das wird man über die Ausbildung allein nicht abdecken."

DGB: Betrieben fehlt die "Ausbildungsreife"

Viele Stunden täglich auf dem "Bock" sitzen, immer mit dem Liefertermin im Nacken, Zwangspausen auf überfüllten Autobahn-Raststätten statt bei der Familie zu Hause, das klingt eben nicht gerade nach einem Traumjob. Sollten die Wachstumsprognosen für den Güterverkehr in Deutschland und Europa zutreffen, kämen auf die Branche massive Engpässe zu.

Auch die Anwerbung von Azubis und Fachkräften aus krisengeplagten EU-Ländern gilt bisher nur als Tropfen auf dem heißen Stein. Die jungen Leute aus Spanien oder Griechenland müssten nicht nur mit sprachlichen Hürden, sondern auch mit Heimweh klarkommen und bräuchten bei ihrem Start in Deutschland viel Unterstützung, sagt Hodea. Ähnlich zurückhaltend reagieren Fachleute bei den Industrie- und Handelskammern. Deshalb gilt es vor allem, im Inland an geeignete Bewerber zu kommen. Dafür müssen Betriebe in sozialen Netzwerken aktiv werden, Tage der offenen Tür veranstalten, in Schulen und auf Messen werben und Praktika bieten.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mahnt aber auch mehr "Ausbildungsreife" bei den Betrieben an und kontert damit den Vorwurf von Wirtschaftsverbänden, die bei vielen Schulabgängern mangelnde Fähigkeiten, etwa in Rechtschreibung und Mathematik, beklagen. In einer Studie stellte der DGB im Mai dieses Jahres "erhebliche Defizite bei Qualität und Attraktivität" von Ausbildungsberufen mit Besetzungsproblemen fest. Fazit: Die Azubis müssen besser bezahlt, die Qualität erhöht und mehr Lehrlinge übernommen werden. Denn klar sei: "Wenn junge Menschen als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden, bewerben sie sich in diesen Unternehmen nicht mehr."


AUSBILDUNG ZUR LKW-FAHRERIN - ANNA AUF ACHSE

Foto: SPIEGEL ONLINE

Anna rangiert 40-Tonner, bewegt mit ihrem Lkw Güter über die Autobahnen der Republik. Die 20-Jährige macht eine Ausbildung zur Berufskraftfahrerin - und ist damit eine Exotin im Business der harten Kerle. mehr...


Christine Schultze/dpa/cht

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