Unterrichten vor Grundschülern Herr Grüber macht sich nass

Lernen durch Erleben, so versteht Lehrer-Anwärter Max Grüber seinen Beruf. Weil das Lehramtsstudium noch immer zu theoretisch ist, hat er sein Schulpraktikum verlängert - und begeistert die Kinder mit einer kleinen Physikshow.

TMN/ Franziska Gabbert

Der 5b hat Schul-Praktikant Max Grüber heute einiges mitgebracht: Einen Kanister, eine Wasserflasche, einen Eimer mit Eiswasser und überdimensionale Spritzen hat der angehende Lehrer in den Klassenraum an der Mendel-Grundschule in Berlin getragen.

"Es geht heute um Luft", erklärt er. Grüber ist angehender Lehrer, er unterrichtet Naturwissenschaften, also Biologie, Chemie und Physik, kurz "NaWI". Grüber schüttelt die Wasserflasche, öffnet sie, und bespritzt sich dabei mit Wasser. Alle lachen. "Die große Rätselfrage ist heute, warum das so ist", sagt er und macht die Flasche wieder zu.

Häufig begegnen Grundschullehrer Vorurteilen: Die einen glauben, dass sie den ganzen Tag nur mit Schülern basteln. Andere denken, sie hätten alle ab Mittag frei. "Viele unterschätzen, wie anspruchsvoll die Arbeit mit Kindern ist", sagt Ilka Hoffmann von der Bildungsgewerkschaft GEW. Sie rät jedem, der sich für den Beruf interessiert, bereits vor dem Studium Erfahrungen zu sammeln, etwa als Betreuer in einer Ferienfreizeit. So können angehende Studenten testen, ob sie mit kleinen Kindern klarkommen. Erst dann sollten sie sich für einen Studienplatz bewerben.

Viele merken zu spät, dass der Beruf nichts für sie ist

Die Grundschullehrerausbildung ist in Deutschland Ländersache, und entsprechend unterschiedlich ist sie aufgebaut. In der Regel müssen Lehramtsanwärter ein Bachelor- und Masterstudium absolvieren, darauf folgt das Referendariat. In manchen Bundesländern ist das Studium übergreifend und beinhaltet sogar die Ausbildung zum Lehrer in der Sekundarstufe I - also je nach Schulart bis zu den Klassestufen neun oder zehn.

Die unterschiedlichen Regelungen machen einen Wechsel im Studium in ein anderes Land kompliziert. Darum sollte man sich gut überlegen, für welche Universität man sich entscheidet, rät GEW-Fachfrau Hoffmann. Wer nach dem Abschluss sein Referendariat woanders machen möchte, hat es nicht ganz so schwer, ein Wechsel ist dann leichter möglich.

Die Berufsaussichten hängen stark von der Fächerkombination ab. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) sind derzeit naturwissenschaftliche Fächer besonders gefragt. Außerdem werden in Ostdeutschland derzeit mehr Lehrer gesucht als im Westen.

Vielen sei zudem die Verbeamtung nach dem Studium besonders wichtig, sagt BA-Sprecher Paul Ebsen. Darauf dürfe man sich aber nicht verlassen, denn der sichere Job auf Lebenszeit sei abhängig vom "Kontingent der Bundesländer". Auch das Einstiegsgehalt variiert, im Durchschnitt liegt es bei etwa 3000 Euro brutto. Im Referendariat ist es deutlich weniger. Wer keine Referendarstelle bekomme, könne die Zeit etwa als Nachhilfelehrer überbrücken, rät Ebsen.

Viele merken erst relativ spät im Studium, dass der Beruf nichts für sie ist, weil der Praxisanteil in vielen Lehramtsstudiengängen noch immer gering ist. Das ärgert auch Max Grüber, er hat sein Schulpraktikum an der Berliner Grundschule freiwillig verlängert. "Das gibt mir Gelegenheit, mich auszuprobieren", sagt er. Das Feedback der Kinder sei ihm besonders wichtig.

Männer in der Minderheit

Nach der übersprudelnden Flasche geht Grüber das nächste Experiment zum Thema Luft an. Er hält einen Kanister ins Eiswasser, der sich schnell zusammenzieht. "Interessant, oder?", fragt Grüber in die Klasse, die Schüler sind begeistert. Grüber ist es wichtig, den Unterricht anschaulich zu gestalten. "Wenn die Kinder nicht verstehen, dass der Unterrichtsstoff etwas mit ihrem eigenen Leben zu tun haben, merken sie sich nichts."

Auch Grundschullehrerin Kerstin Ruthenschröer vom Verband Bildung und Erziehung ist es wichtig, ihren Unterricht bunt zu gestalten, doch der Job bestehe aus noch viel mehr, sagt sie. Zur Lehre komme auch noch die Elternarbeit, Teamsitzungen, Stundenplanung und Zeugnisse hinzu. Bei manchen Schülern müssten Lehrer auch Sozialarbeiter sein. Für Ruthenschröer entschädigt das Kinderlachen jedoch für vieles. "Wenn sie freudig auf mich zukommen und etwas gelernt haben, bin ich glücklich."

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Männermangel an Grundschulen: Kümmern ist männlich
Grundschullehrer wie Max Grüber sind immer noch Exoten, der Beruf ist eine Frauendomäne: 2013/2014 waren 89 Prozent aller Grundschullehrer weiblich. Grüber hat das aber noch nie als Problem gesehen, der hohe Frauenanteil sei für ihn "weder Vorteil noch Nachteil". An seiner Praktikums-Schule habe man sich über den männlichen Zuwachs gefreut.

Als er mit allen Experimenten fertig ist, verteilt er noch ein Arbeitsblatt an die Schüler. Dann übernimmt die Klassenlehrerin der 5b wieder den Unterricht. Grüber nimmt erst mal einen Schluck Wasser aus der Flasche, mit der er sich während seines Experiments noch vollgesprenkelt hat. Der Einsatz war kurz, aber intensiv, und Grüber sagt: "So, jetzt bin ich ganz schön durchgeschwitzt."

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bissig 08.02.2015
1.
Hab' ich as verpasst? Ich dachte immer, die Grundschule geht nur bis zur 4. Klasse. Hat sich Berlin tatsächlich dazu durchgerungen, erst nach der 6. zu trennen? Das wäre doch mal ein Fortschritt. Ansonsten kann ich aus meiner Zeit als Übungsgruppenleiter an der Uni bestätigen, dass Experimente, egal wie belanglos sie erscheinen, sehr gut geeignet sind, Wissen zu vermitteln und die Leute für ein Thema zu begeistern.
aus-berlin 08.02.2015
2. toller Artikel
In Berlin wird schon immer nach der Sechsten getrennt. Nach der Vierten ist die Ausnahme. Zum Glück gibt es von diesen Lehrern sehr viele, nur wird zu selten darüber geschrieben. Danke.
hermannheester 08.02.2015
3. Der Physikunterricht erfordert auch Showtalent
Das habe ich schon in den 60er Jahren erfahren, als der Lehrer in Naturwissenschaften plötzlich nicht nur anders hieß. Da wurde statt einer mitreißenden Lehrdarstellung plötzlich nur noch doziert und wenig Anteilnahme vom Schüler gefordert. Bei Arbeiten und Klausuren wurden dann die Notenschnitte frisiert, um nicht wiederholen zu müssen.... Als ich dann das Institut verließ, um den 2. Bildungsweg über die Abendschule (Bielefeld) zu beschreiten kam dieselbe Chose noch einmal. Dort war ein Lehrer, der mitreissen konnte und schon waren die Noten wieder auf Vordermann.... bis der Nachwuchsdarsteller kam, der nur noch mitteilte statt zu vermitteln.... da wurde die Prozedur deutlich schwieriger....
Det 08.02.2015
4. Sorry, aber das hat doch mit heutigem Unterricht
nicht viel zu tun, dass der Mann Spaß an der Arbeit hat und offensichtlich gut mit Kindern kann, ist nur ein winziger Teil des Ganzen (wenn auch ein wichtiger). Ein wenig Slapstick, 2-3 Versuche vorführen und dann ein Arbeitsblatt? Kein Wunder, dass nach solchen Artikeln jeder denkt, das könne er auch ohne Studium. Physikunterricht (und fast jeder andere gute Unterricht) in der GS sieht so aus, dass die Kinder hauptsächlich selbständig Versuche machen oder zumindest selbst viel tun (die Phase, wo der Lehrer vorne erklärt, ist meist ziemlich kurz), guter Unterricht in Naturwissenschaften achtet darüber hinaus nicht nur darauf, dass das etwas mit dem Leben der Kinder zu tun hat, sondern gleichzeitig auch mit Wissenschaft, was in diesem Fall bedeuten würde, dass Versuche (auch) dazu dienen, (selbst erstellte) Hypothesen zu stützen oder zu widerlegen. Richtiger Unterricht sieht außerdem im optimalen Fall so aus, dass der Lehrer die genannten Abläufe fachlich, didaktisch und pädagogisch so vorbereitet, dass vom schwächsten bis zum besten Schüler jeder ein oder mehrere AHA-Erlebnisse, Spaß und Erkenntnisgewinn hat. Er bringt dann auch nicht einen Kanister und eine Wanne mit, sondern mindestens Arbeitsmaterial für sechs Gruppen, und er macht sich Gedanken, wie das Ganze nicht in Vollbädern oder (z.B. beim Thema Feuer) größeren Katastrophen endet. Und er/sie dokumentiert zumindest am Ende einer Einheit Lernfortschritte. Und das war dann eine von täglich sechs Unterrichtsstunden (gut, nicht alle sind so aufwendig wie Physik). Wobei man noch nicht darüber gesprochen hat, dass vielleicht ein zwei Kinder durch Inklusion in die Klasse gekommen sind und gesonderten Bedarf haben oder dass (wie in fast jeder Klasse mit 25-30 Kindern) etwa 2-3 Kinder eigentlich nicht wirklich "beschulbar" sind und in manchen Unterrichtseinheiten, wenn man sich nicht vorher einige Maßnahmen überlegt hat, alles torpedieren. Kommt dann also noch der Erziehungsauftrag hinzu, der einem Lehrer nach meiner Erfahrung ca. 20mal am Tag eine grundlegende Entscheidung abverlangt, die er dann u.U. auch durchziehen muss, wo er sich also vorher über die Konsequenzen sehr im Klaren sein sollte. SO sieht Lehrersein aus.
hjm 09.02.2015
5.
@Det Sehr schöne Beschreibung. Dass Sie über die vielen Zeilen hinweg einen Widerspruch entwickelt haben, haben Sie bemerkt? Erst stellen Sie fest, dass Kinder heute "selbständig" lernen, und am Ende beschreiben Sie die Tätigkeit des Lehrers als die eines Dresseurs, der jede Minute seines Unterrichts sowie die Ziet davor und danach haarklein ge- (bzw. ver-)plant hat.
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