Umfrage unter 2000 Pädagogen Lehrer beklagen schlechte Handschrift bei Schülern

Falsche Stifthaltung, unleserliche Schrift: In einer Umfrage gaben 79 Prozent der Lehrer an, ihre Schüler hätten zunehmend Probleme mit der Handschrift. Manche Pädagogen würden am liebsten wieder Schriftnoten vergeben.
Schüler einer 5. Klasse in Baden-Württemberg (Archivbild): "Verkrampfte Hand"

Schüler einer 5. Klasse in Baden-Württemberg (Archivbild): "Verkrampfte Hand"

Foto: Daniel Bockwoldt/ picture alliance / dpa

"Das Lernen wird erschwert, da die Schüler ihre eigene Schrift nur mit Mühe lesen können", teilt ein Lehrer einer weiterführenden Schule in Nordrhein-Westfalen mit. Der Pädagoge hat sich neben rund 2000 Kollegen aus ganz Deutschland an einer Umfrage des Lehrerverbands  zum Thema Handschrift beteiligt.

Das Ergebnis der Befragung: Lehrer sorgen sich zunehmend um die Handschreib-Kompetenzen ihrer Schüler - diese hätten sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. Nur 38 Prozent ihrer Schüler, sagen die Lehrer, könnten 30 Minuten oder länger beschwerdefrei schreiben. Fast alle Lehrer sahen zudem einen Zusammenhang zwischen der Handschrift eines Schülers und seinen schulischen Leistungen.

83 Prozent der Grundschullehrer gaben an, ihre Schüler brächten schlechtere Voraussetzungen als früher mit, ihre Handschrift gut zu entwickeln. Die häufigsten Probleme seien: verkrampfte Hand, falsche Stifthaltung und das Schreiben in Lineatur.

Lehrer von weiterführenden Schulen beklagten sich am häufigsten über eine unleserliche Schrift, zu langsames Schreiben und zu wenig Routine. Dabei hätten Jungen größere Probleme mit einer flüssigen Handschrift als Mädchen.

Zu wenig Zeit zum Üben?

Als Gründe nannten die Lehrer vor allem: schlechte Feinmotorik, zu wenig Übung zu Hause und die fortschreitende Digitalisierung der Kommunikation. Auch dass in der Schule zu wenig Zeit für das Üben der Handschrift bleibe, ist aus Lehrersicht ein Problem. Abhilfe schaffen könnte nach Meinung einiger, Schriftnoten auch in weiterführenden Schulen einzuführen.

Lehrerverbands-Präsident Josef Kraus forderte die Kultusminister der Länder auf, das Thema Handschreiben verstärkt in den Blick zu nehmen. "Wir benötigen mehr Förderung der Grob- und Feinmotorik schon in den Kindertagesstätten und dann in den Grundschulen", erklärte er. Erzieherinnen und Grundschullehrer benötigten dafür mehr Unterstützung. Kraus kritisierte außerdem die Arbeit mit Lückentexten und Multiple-Choice-Tests an Schulen sowie die Vielzahl von Fotokopien, mit denen Schüler eingedeckt würden.

Nicht nur mangelnde Handschreib-Fähigkeiten werden immer wieder diskutiert, es gibt auch Überlegungen, künftig auf das Erlernen der Schreibschrift zu verzichten. So wollen zum Beispiel die Schweiz und Finnland in Zukunft auf Lernen am Computer setzen, das Erlernen einer Handschrift wird damit auf lange Sicht überflüssig.

"Ausdruck der Persönlichkeit"

Die Präsidentin der deutschen Kultusministerkonferenz (KMK), Brunhild Kurth (CDU), will die traditionelle Schreibschrift jedoch erhalten: "Die zunehmende Digitalisierung können wir nicht aufhalten. Umso wichtiger ist es, dass die Schule dafür sorgt, dass alle Schüler eine individuelle und lesbare Handschrift entwickeln", sagte die sächsische Bildungsministerin. "Dazu gehört auch, dass, wann immer möglich, also auch in den höheren Klassen, mit der Hand geschrieben wird."

Es gehe um den Erhalt motorischer Fähigkeiten - und um mehr: "Handschriftliches kann man nicht einfach löschen, man muss gut überlegen, bevor man schreibt. Damit wird das strukturierte Denken gefördert", sagte Kurth. Und: Handgeschriebenes sei "Ausdruck der Persönlichkeit, es macht möglich, sich selbst als Individuum zu begreifen."

lgr/AFP/dpa